Weltweit sind über 1,5 Milliarden Menschen von einer Form des Hörverlusts betroffen. Neben altersassoziierten Ursachen spielen Infektionen in Kindheit und Jugend eine zentrale Rolle. Vor allem in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen stellt infektionsbedingter Hörverlust eine erhebliche, oft vermeidbare Krankheitslast dar. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ließen sich nahezu 60 % der Fälle kindlicher Schwerhörigkeit durch präventive Maßnahmen verhindern, darunter auch Impfungen gegen Erreger wie das Rubellavirus (Röteln) und bestimmte Erreger bakterieller Meningitiden.
Die Prävention solcher Infektionen ist daher nicht nur für die Senkung der Mortalität, sondern auch zur Vermeidung bleibender sensorineuraler Hörschäden von erheblicher Bedeutung. Dennoch ist der Stellenwert von Impfungen in der Primärprävention des Hörverlusts bislang vielfach unzureichend untersucht und kommuniziert.
Bedarf an systematischer Analyse des Impfpotenzials
Angesichts der bekannten Zusammenhänge zwischen Infektionen wie Masern, Mumps, Röteln sowie bakteriellen Meningitiden und Hörverlusten besteht Bedarf, das Potenzial von Impfprogrammen systematisch zu beleuchten und vorhandene Wissenslücken zu identifizieren. Besondere Relevanz erhält diese Fragestellung, da zahlreiche bekannte oder potenzielle infektiöse Ursachen für Hörverlust bislang nur unzureichend in Bezug auf Impfprävention untersucht wurden. Eine im März 2025 in Communications Medicine veröffentlichte Scoping-Review-Studie bietet jetzt erstmals einen umfassenden Überblick über den Zusammenhang zwischen Impfungen und der Prävention von Hörverlust weltweit.
Evidenzlage: Klare Belege bei Röteln und Mumps
Das Review identifizierte 26 bekannte oder potenzielle infektiöse Ursachen für Hörverlust, deren schädliche Effekte auf das Gehör durch Impfungen verhindert oder reduziert werden könnten. Dazu zählen virale Erreger wie Masern-, Mumps- und Rötelnviren sowie bakterielle Pathogene wie Neisseria meningitidis, Streptococcus pneumoniae und Haemophilus influenzae Typ b.
Für etablierte Impfungen gegen Röteln und Mumps ergaben sich konsistente Hinweise auf eine signifikante Reduktion assoziierter Hörverlustfälle auf Bevölkerungsebene. So dokumentierten Untersuchungen aus Australien nach Einführung eines Röteln-Impfprogramms einen deutlichen Rückgang kongenitaler Taubheitsfälle. Ebenso wurde in Schweden nach Implementierung eines MMR-Impfprogramms (Masern-Mumps-Röteln) eine signifikante Abnahme von Hörproblemen bei Kindern festgestellt.
Demgegenüber zeigte sich für Pneumokokken-Impfungen in Studien mit hohem Risiko für seröse Otitis media kein signifikanter Effekt auf Infektionsraten. Diese Form der Mittelohrentzündung kann zwar vorübergehend das Hören beeinträchtigen, führt aber normalerweise nicht direkt zu dauerhaftem Hörverlust.
Forschungsdefizite in Hochlohnländern und fehlende Daten aus Risikoregionen
Sämtliche verfügbaren Studien stammen aus Hochlohnländern. Aus Regionen mit hoher Krankheitslast und eingeschränktem Zugang zu Hörversorgung fehlen bislang jegliche empirische Daten. Zudem erschweren uneinheitliche Methoden zur Erfassung von Hörverlust belastbare Vergleiche. Um diese Lücken zu schließen, empfehlen die Autoren, in künftigen klinischen Impfstudien standardisierte Endpunkte für Hörverlust zu integrieren – insbesondere bei neuen Impfstoffen gegen Meningokokken, Malaria oder RSV. Auch gesundheitsökonomische Modellierungen sollten neben der Mortalitätsreduktion explizit die Vermeidung von Hörverlust als Morbiditätskriterium berücksichtigen.
Fazit: Impfungen als bislang ungenutzte Chance zur Hörverlustprävention
Die Scoping-Review-Studie bestätigt, dass Impfungen über ihre etablierte Wirkung auf die Infektionsprävention hinaus ein bedeutsames, bislang unzureichend genutztes Potenzial zur Verhinderung kindlicher Hörverluste besitzen. Während für Röteln- und Mumps-Impfungen signifikante Schutzeffekte belegt sind, besteht ein erheblicher Mangel an empirischer Evidenz für andere Erreger und insbesondere aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen.
Die Autoren empfehlen gezielte Forschungsinitiativen, um diese Wissenslücken zu schließen und das volle präventive Potenzial von Impfungen für die globale Hörgesundheit von Kindern und Jugendlichen auszuschöpfen.









