Hintergrund
Eine periphere Lähmung des VII. Hirnnervs (N. facialis) ist häufig idiopathisch; die Gründe hierfür sind bis heute unklar. Zu den nachweisbaren Ursachen zählen Infektionen, Entzündungsprozesse, autoimmune Reaktion oder Traumen. Selten tritt eine Gesichtslähmung auch als Folge von Impfungen auf. US-amerikanische und iranische Forschende untersuchten in einer systematischen Überprüfung mit Metaanalyse, ob eine solche Assoziation nach einer Covid-19-Impfung besteht. Die Ergebnisse der Studie sind im "JAMA Otolaryngology – Head and Neck Surgery" erschienen [1].
Fazialisparese-Inzidenz nach SARS-CoV-2-Impfung
Das Team um Dr. Ali Rafati von der "Iran University of Medical Sciences" (IUMS) in Teheran untersuchte die Inzidenz einer idiopathischen Fazialisparese bei Personen, die mit einer SARS-CoV-2-Vakzine geimpft wurden, im Vergleich mit Kontrollgruppen. Letztere hatten entweder Placebo erhalten oder waren gänzlich ungeimpft. Darüber hinaus verglichen die Forschenden verschiedene Covid-19-Impfstoffe miteinander und stellten SARS-CoV-2-Infizierte Geimpften gegenüber.
Die Untersuchung basiert auf insgesamt 50 Studien, darunter vor allem Fallberichte und Kohortenstudien, aber auch fünf randomisierte, kontrollierte Studien (RCT). Studien, die Fazialisparesen mit bekannten Ursachen beinhalteten – etwa in Zusammenhang mit Schlaganfall, Guillain-Barré-Syndrom, thromboembolischen Ereignissen, Borreliose, bakterieller Otitis media, Ramsey-Hunt-Syndrom, Sarkoidose und multipler Sklerose – wurden von der Metaanalyse ausgeschlossen.
Nach Covid-19-Impfung 200% höheres Risiko
Die Analyse von vier randomisierten klinischen Phase-III-Studien zu verschiedenen Impfstoffen ergab eine um 200% erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Fazialisparese bei den Impfstoffempfängern (n=77.525) im Vergleich zu den Teilnehmenden aus den Placebogruppen (n=66.682). Mit einer Odds Ratio (OR) von 3,00 und einem 95%-Konfidenzintervall (95%-KI) von 1,10–8,18 waren die Unterschiede statistisch signifikant.
Bewertung von mRNA- und Vektor-Impfstoffen
Die Forschenden untersuchten zwei Gruppen von Covid-19-Impfstoffen: mRNA-Impfstoffe (Pfizer/BioNTech und Moderna) sowie Vektorimpfstoffe (Janssen und Oxford/AstraZeneca). Im Vergleich hatten Probanden, die mit mRNA-Vakzinen geimpft wurden, ein signifikant höheres Risiko für eine Fazialislähmung als Personen aus der Placebogruppe (OR 3,57, 95%-KI 1,09–11,67). Für die Untergruppe der Vektorimpfstoffe wurde keine statistische Signifikanz nachgewiesen (OR 1,80, 95%-KI 0,26 –12,35).
In einer Subanalyse der mRNA-Impfstoffe ergab die Zusammenführung von acht Beobachtungsstudien nach Gabe des mRNA-Impfstoffs keinen signifikanten Anstieg von Fazialisparesen im Vergleich zu ungeimpften Menschen (OR 0,70, 95%-KI 0,42–1,16). Nicht statistisch signifikant fiel auch der Unterschied bei der Gabe der Erstdosis von Pfizer/BioNTech versus Oxford/AstraZeneca aus (OR 0,97, 95%-KI 0,82–1,15).
Verringertes Risiko im Vergleich zur SARS-CoV-2-Infektion
Abschließend bewerteten die Forschenden die Rate an Fazialisparesen bei SARS-CoV-2-Geimpften (n= 37.912.410) und SARS-CoV-2-Infizierten (n = 2.822.072). Das relative Risiko, nach einer Coronavirusinfektion an einer Fazialisparese zu erkranken, war 3,23-fach höher als nach Erhalt der Impfung (95%-KI, 1,57–6,62). „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Impfung gegen SARS-CoV-2 die Wahrscheinlichkeit einer Fazialisparese im Vergleich zu einer SARS-CoV-2-Infektion deutlich verringern kann“, so das Fazit der Studienautoren.
Gemäß der Analyse der randomisierten, kontrollierten Studien ist die Inzidenz einer Fazialislähmung bei Geimpften mit etwa 18 pro 100.000 Personen pro Jahr ähnlich hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. Hier liegt die Inzidenz bei etwa 15–30 pro 100.000 Personen pro Jahr. Da in den vier RCT aber ein deutlicher Zusammenhang zwischen der SARS-CoV-2-Vakzine und der Fazialisparese festgestellt wurde, ist anzunehmen, dass die Fazialisparese eine Folge der SARS-CoV-2-Impfstoff-Exposition gewertet werden muss, kommentiert das Autorenteam.
Fazit
Nach einer Covid-19-Impfung ist das Risiko, an einer idiopathischen Fazialisparese zu erkranken, signifikant höher als nach einer Impfung mit Placebo. Die Erkrankungsrate liegt aber immer noch unter der von Personen, die an einer SARS-CoV-2-Infektion erkrankt waren.
Einschränkungen der Studie
In diese Analyse flossen bereits veröffentlichte Studien ein, patientenindividuelle Daten waren nicht verfügbar. Diese Einschränkung erschwerte die Durchführung von Subgruppenanalysen auf der Grundlage von Parametern wie Alter, Geschlecht, Impfstoffdosis oder Zeitspanne zwischen Impfung und Ereignis. Ebenso war es nicht möglich, einige der bekannten Risikofaktoren wie Diabetes, Adipositas, Bluthochdruck, Erkrankungen der oberen Atemwege oder Schwangerschaften zu identifizieren, da die meisten Studien hierzu keine ausreichenden Daten lieferten.
Daneben könnten die erfassten Fazialisparese-Fälle nach der Covid-19-Impfung aufgrund des erhöhten Bewusstseins für Nebenwirkungen während der Pandemie anfällig für einen Bias in der Berichterstattung gewesen sein.










