Adipositas und Kardiologie
Adipositas gehört zu den bedeutenden Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen. Daher ist das Disease Management Programm (DPM) Adipositas, das am 1. April 2024 in Kraft trat, auch ein wichtiger Baustein in der kardiovaskulären Prävention. Auf der 90. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) vom 3.-6. April 2024 in Mannheim gab Prof. Dr. med. Dirk Müller-Wieland, Leiter des Koordinierungszentrums für kardiologische Studien in der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin an der Uniklinik RWTH Aachen, einen Überblick über die Inhalte des neuen DMPs und würdigte diese kritisch vor dem Hintergrund aktueller Forschung.
Chancen durch das DMP Adipositas
Grundlage für das DMP Adipositas ist ein Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses vom 16. November 2023, der in den kommenden Monaten umgesetzt werden muss. Das DMP Adipositas kann mehr Aufmerksamkeit für die Erkrankung und mehr Bewusstsein für das gesellschaftliche Problem der Adipositas schaffen. Es bietet den Betroffenen einen erleichterten Zugang zur Regelversorgung der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und ermöglicht es Ärzten, Adipositas-Therapien einfacher abzurechnen.
Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) bieten Fortbildungen zum Adiposiologen und zum Adipositasberater an. Schulungen für Patienten sind noch in der Entwicklung oder der Evaluation.
Inhalte des DMP Adipositas
Patienten können in das DMP Adipositas eingeschrieben werden, wenn sie das 18. Lebensjahr vollendet haben und eine Adipositas Grad 1 (BMI ≥30 kg/m2 und <35 kg/m2) plus mindestens eine der im Beschluss gelisteten Komorbiditäten oder eine Adipositas Grad 2 und höher (BMI ≥35 kg/m2) aufweisen. Die Therapieziele der DMP sind eine nachhaltige Gewichtsabnahme und Vermeidung von Gewichtszunahmen durch eine langfristige Änderung des Lebensstils. Damit sollen Gesundheitsrisiken, Komorbiditäten und Folgen der Adipositas vermieden und/oder verringert werden und die Lebensqualität der Betroffenen verbessert werden.
Basismaßnahmen in der DMP Adipositas
Basismaßnahmen im Rahmen des DMPs sind die Änderung der Ernährung, die Steigerung der körperlichen Aktivität und Verhaltensmodifikationen. Der Behandlung soll im Gespräch mit dem Patienten geplant und auf die individuelle psychische, somatische und psychosoziale Situation des Patienten abgestimmt werden.
- Die diätetische Therapie beruht auf Reduktionsdiäten mit einem Kaloriendefizit von 500 bis 600 kcal/Tag (Richtwert). Der Einsatz von Formuladiäten kann für maximal zwölf Wochen unter besonderen Umständen erwogen werden. Die Kosten für die Produkte werden jedoch nicht von den Krankenkassen übernommen.
- Zur Steigerung der körperlichen Aktivität sollen gemeinsam mit dem Patienten individuell erreichbare Ziele festgelegt und überprüft werden. Moderater Ausdauersport (≥150 Minuten/Woche), moderater bis intensiver Kraftsport und mehr Bewegung im Alltag sind empfehlenswert.
- Verhaltensmodifikationen sollen die Selbstwirksamkeitserwartung der Patienten stärken und ihre Motivation fördern, um Hürden zu bewältigen und eine langfristige Lebensstiländerung zu unterstützen.
Chirurgische und medikamentöse Therapien
Bei Patienten mit einem BMI ≥40 kg/m2 oder einem BMI ≥35 kg/m2 und erheblichen Komorbiditäten können nach Ausschöpfung aller der konservativen Behandlungsmöglichkeiten chirurgische Therapien erwogen werden. Arzneimittel zur Unterstützung der Gewichtsreduktion sind im DMP nicht inbegriffen, weil diese vom Gesetzgeber als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen ausgeschlossen sind.
Kritik am Ausschluss von Arzneimitteln
Der Ausschluss von Arzneimitteln, wie GLP(Glucagon-like Peptide)-1-Rezeptoragonisten, aus dem DMP Adipositas wurde von Müller-Wieland und dem Auditorium kritisch diskutiert, denn die Gewichtsabnahmen durch Lebensstilanpassungen sind aus verschiedenen Gründen nur bei einem Teil der Patienten nachhaltig. Die Studie SELECT (Semaglutid) zeigte hingegen, dass diese Therapie eine starke und nachhaltige Gewichtsreduktion bei Adipositas erzielen konnte und von präventivem Nutzen, hinsichtlich Diabetes Typ 2 und kardiovaskulärer Erkrankungen ist.
Der Eingang von medikamentösen Therapien in das DMP Adipositas ist jedoch nur dann möglich, wenn der Gesetzgeber den § 34 des Sozialgesetzbuches (SGB) ändert, der die Kostenübernahme der GKV für Arzneimittel „...zur Abmagerung oder zur Zügelung des Appetits oder zur Regulierung des Körpergewichts,…“ prinzipiell ausschließt, wie Müller-Wieland erklärte.







