Hohe kardiovaskuläre Last durch Hypertonie: Prävention im Fokus
Weltweit leben rund 1,28 Milliarden Menschen mit arterieller Hypertonie. Die Erkrankung bleibt häufig unkontrolliert und ist mit einem deutlich erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt (+49 %), Schlaganfall (+62 %) und Herzinsuffizienz (+77–89 %) assoziiert. Körperliche Aktivität gilt als nicht-medikamentöser Eckpfeiler in der Primär- und Sekundärprävention, doch fehlen bislang spezifische, alltagsnahe Empfehlungen für Personen mit Hypertonie.
Offene Fragen zur Dosis-Wirkung von Bewegung bei Hypertonie
Internationale Leitlinien empfehlen mindestens 30 Minuten moderat-intensiver Bewegung an fünf Tagen pro Woche. Eine weitere gängige Empfehlung aus der Praxis lautet 10.000 Schritte pro Tag. In der klinischen Realität sind solche Empfehlungen schwer umzusetzen, etwa aufgrund mangelnder Ressourcen, eingeschränkter Mobilität oder fehlender Motivation. Schrittbasierte Zielwerte könnten hier Abhilfe schaffen – vorausgesetzt, ihre Wirksamkeit ist belegt. Die aktuell publizierte Studie von Cheng et al. adressiert diese Lücke: Sie untersucht prospektiv die Zusammenhänge zwischen Schrittzahl, Schrittfrequenz (bzw. Schrittintensität) und dem Auftreten kardiovaskulärer Ereignisse bei Menschen mit Hypertonie.
Studiendesign: Objektive Bewegungserfassung und lange Nachverfolgung
Die Analyse basiert auf Daten von 36.192 Teilnehmern der UK Biobank mit etablierter Hypertonie (mittleres Alter: 64 Jahre), die für sieben Tage einen Beschleunigungssensor am Handgelenk trugen. Während einer medianen Nachbeobachtungszeit von 7,8 Jahren wurden 1.935 Major Adverse Cardiovascular Events (MACE) registriert. Neben der absoluten Schrittanzahl wurde auch die Intensität der Bewegung anhand der die mittleren Schrittfrequenz der 30 aktivsten Minuten pro Tag registriert.
Schrittzuwachs senkt Risiko: Bereits unter 10.000 Schritten pro Tag wirksam
Verglichen mit einer Referenz von 2.344 Schritten pro Tag war jede Zunahme um 1.000 Schritte mit einer Reduktion des MACE-Risikos um 17,1 % assoziiert. Besonders deutlich zeigte sich dies bei Schlaganfällen (‒24,5 %) und Herzinsuffizienz (‒22,4 %); beim Myokardinfarkt war der Effekt geringer (‒9,3 %). Interessanterweise zeigte sich für Schlaganfälle eine lineare Dosis-Wirkungs-Beziehung, während für andere Endpunkte eine nichtlineare Beziehung beobachtet wurde.
Auch die Schrittfrequenz zählt: Höhere Intensität, größerer Nutzen
Nicht nur mehr Schritte, auch schnelleres Gehen war mit einer Risikoreduktion verbunden. Die durchschnittliche Schrittfrequenz der 30 aktivsten Minuten pro Tag lag bei 80 Schritten pro Minute. Auch wer eine höhere Frequenz erreichte, profitierte: Selbst bei einer Schrittfrequenz von mehr als 130 Schritten pro Minute bestand weiterhin ein gesundheitlicher Nutzen – unerwünschte Effekte wurden in diesem Bereich nicht festgestellt. Diese Beobachtung spricht für die Sicherheit auch intensiver Gehbelastungen.
Ergebnisse auch auf Menschen ohne Hypertonie übertragbar
Zum Vergleich wurde eine zusätzliche Kohorte mit 37.350 Personen ohne Hypertonie analysiert. Die Ergebnisse zeigten ähnliche Zusammenhänge zwischen Schrittzahl und kardiovaskulären Ereignissen. Die Studie zeigte somit, dass auch Menschen ohne Hypertonie in vergleichbarem Maße vom schrittbasierten Bewegungstraining profitieren können wie Personen mit Hypertonie – ein Hinweis auf die breite präventive Relevanz von Alltagsaktivität.
Fazit: Bewegung als messbares Therapieziel etablieren
Die Ergebnisse stützen die Aussage, dass jede Bewegung zählt – insbesondere für Menschen mit Hypertonie. Schrittzähler und Wearables könnten als niederschwellige Hilfsmittel im Alltag dienen, um Bewegungsziele greifbar und motivierend zu gestalten. Auch wenn es sich um eine Beobachtungsstudie handelt und Kausalität nicht bewiesen ist, liefert die Untersuchung robuste Hinweise für klinische Empfehlungen: Schrittbasierte Zielwerte und intensitätsorientierte Bewegungsvorgaben könnten künftig Teil leitlinienbasierter Therapieansätze bei Hypertonie werden.








