Niedrige Impfquoten trotz hohen Versorgungsangebots
Zum Auftakt der Session auf der Nationalen Impfkonferenz 2026 stellte Ute Leonhardt vom Verband der Ersatzkassen das Innovationsfondsprojekt ALIVE vor. Ziel war die Verbesserung der Impfquoten bei Menschen ab 60 Jahren. Ausgangspunkt war die seit Jahren bestehende Diskrepanz zwischen erhöhtem Risiko für schwere Infektionsverläufe im Alter und gleichzeitig unzureichender Impfquote – trotz grundsätzlich flächendeckendem Zugang, insbesondere über hausärztliche Versorgung.
Impfentscheidung als komplexer, nicht rein rationaler Prozess
Die Impfentscheidung wurde als multifaktoriell geprägt beschrieben. Neben einer kleinen Gruppe konsequenter Impfverweigerer steht eine große Gruppe ambivalenter oder unsicherer Personen im Fokus der Intervention.
Studien zeigen dabei ein hohes Vertrauen in ärztliche Empfehlungen sowie in die Beratung durch medizinische Fachangestellte. Gleichzeitig ist die Impfentscheidung häufig durch externe Einflüsse, aktuelle Risikowahrnehmung und situative Faktoren geprägt. Dies zeigte sich unter anderem in regionalen Unterschieden bei Influenza-Impfungen sowie in stark schwankenden Impfzahlen während der COVID-19-Pandemie. Auch der zeitlich begrenzte Anstieg der Pneumokokken-Impfungen nach öffentlichen Impfappellen verdeutlichte die Bedeutung externer Impulse.
Theoretische Grundlagen: 5C- und 7C-Modell der Impfentscheidung
Als theoretische Grundlage wurde das 5C-Modell der Impfentscheidung herangezogen. Dieses beschreibt fünf zentrale psychologische Determinanten:
- Confidence (Vertrauen): Vertrauen in Wirksamkeit und Sicherheit von Impfungen sowie in das Gesundheitssystem
- Complacency (Risikowahrnehmung): geringe subjektive Wahrnehmung der Krankheitsgefährdung
- Constraints (Barrieren): strukturelle oder praktische Hürden wie Zeit, Zugang oder Organisation
- Calculation (Abwägung): intensive, oft informationsgetriebene Risiko-Nutzen-Abwägung
- Collective Responsibility (Gemeinwohlorientierung): Bereitschaft, sich zum Schutz anderer impfen zu lassen
Nach der COVID-19-Pandemie wurde dieses Modell in der Literatur in verschiedenen Ansätzen um zusätzliche Dimensionen erweitert („7C-Modell“). Dabei existiert jedoch keine einheitlich standardisierte Erweiterung, sondern unterschiedliche theoretische Weiterentwicklungen, die insbesondere kontextuelle und kommunikative Einflussfaktoren stärker berücksichtigen (z. B. Einfluss von Informationsumwelten, Krisenkommunikation und sozialen Dynamiken).
Im Projektkontext wurde diese Erweiterung vor allem genutzt, um zu verdeutlichen, dass Impfentscheidungen zunehmend auch durch externe Informationslagen, Unsicherheiten in Krisensituationen und kommunikative Rahmenbedingungen beeinflusst werden.
Für die Versorgungspraxis ergibt sich daraus die Konsequenz, dass Impfkommunikation nicht statisch erfolgen kann, sondern zielgruppen- und situationsabhängig angepasst werden muss – insbesondere an die stark ausgeprägte „Calculation“-Gruppe mit hoher Informations- und Abwägungstiefe.
Aufbau und Umsetzung des ALIVE-Projekts
ALIVE wurde in drei Kassenärztlichen Vereinigungen umgesetzt und über den Innovationsfonds gefördert. Kernintervention war ein strukturiertes E-Learning-Programm für Ärzte und medizinische Fachangestellte (MFA).
Die Inhalte umfassten:
- kommunikationspsychologische Grundlagen
- motivierende Gesprächsführung
- verständliche Darstellung von Risiken (absolute vs. relative Risiken)
- praxisnahe Fallbeispiele und Checklisten
- standardisierte Informationsmaterialien für die Impfberatung
Die gezielte Einbindung der MFA wurde als zentraler Baustein gewertet, da diese häufig erste Ansprechpartner in der Versorgung darstellen.
Evaluation und Ergebnisse
Die Evaluation basierte auf Primär- und Sekundärdaten (Befragungen von Praxisteams und Patienten sowie Abrechnungsdaten).
Subjektive Bewertung:
- Medizinische Fachangestellte (MFA) berichteten einen deutlichen Kompetenzzuwachs und bewerteten die Intervention überwiegend positiv
- Ärzte bewerteten die Inhalte zurückhaltender, da Teile als bereits bekannt eingeschätzt wurden
Primäre Zielgröße:
- Keine signifikante Steigerung der Influenza-Impfquote nachweisbar
- Keine messbare Verbesserung der Impfintention oder Gesundheitskompetenz bei Patienten
Sekundäre Effekte:
- geringe, aber statistisch signifikante Zunahme der Pneumokokken-Impfungen
- ebenfalls leichte Zunahme von Auffrischimpfungen gegen Tetanus, Diphtherie und Pertussis
Die Ergebnisse wurden unter anderem im Kontext pandemiebedingter Sondereffekte, hoher Arbeitsbelastung in hausärztlichen Praxen und bereits bestehenden Impfkampagnen interpretiert.
Bedeutung für die Versorgungspraxis
Das Projekt zeigt, dass strukturierte Impfkommunikation allein nicht zwangsläufig zu einer signifikanten Steigerung zentraler Impfquoten führt. Gleichzeitig liefern die Ergebnisse Hinweise darauf, dass:
- systematische Schulungen insbesondere bei MFA relevante Kompetenzgewinne erzeugen
- einzelne Impfindikationen durchaus positiv beeinflusst werden können
- die Einbindung des gesamten Praxisteams ein entscheidender Erfolgsfaktor ist
Die entwickelten E-Learning-Module sollen daher weiter verfügbar gemacht werden, um die Impfberatung langfristig zu stärken.












