Wenn die Patientin von Burnout spricht
Eine 46-jährige Patientin berichtet über Müdigkeit, Schlafstörungen, innere Unruhe, Rücken- und Kopfschmerzen sowie Konzentrationsprobleme. Die Basisdiagnostik bleibt unauffällig. Gleichzeitig schildert sie berufliche und private Überlastung, Grübeln und einen zunehmenden Interessensverlust. Im Internet hat sie bereits zu Burnout und Depression recherchiert.
Genau solche Konstellationen gehören inzwischen zum Alltag vieler Praxen. In der Falldiskussion des Online-Kongresses Spektrum Depression 2026 beschrieben die Experten diesen Fall als typisch für Patienten, bei denen sich depressive Symptome zunächst hinter Erschöpfungssymptomen verbergen.
Burnout ist oft der Türöffner zur eigentlichen Diagnose
Für viele Patienten ist der Begriff Burnout leichter akzeptierbar als die Diagnose Depression. Aus ärztlicher Sicht ist die Einordnung jedoch entscheidend.
Prof. Dr. Jens Kuhn, Ärztlicher Direktor und Chefarzt am Alexianer Krankenhaus Köln, betonte, dass Burnout nur begrenzt konzeptualisiert sei und häufig als Vorstufe oder Ausdruck einer depressiven Entwicklung verstanden werde. Entscheidend sei letztlich die klinische Beurteilung.
Statt über Begrifflichkeiten zu diskutieren, sollte die ärztliche Anamnese den Fokus auf die tatsächlichen Symptome legen:
- Interessenverlust
- Gedrückte Stimmung
- Antriebsmangel
- Schlafstörungen
- Konzentrationsprobleme
- Grübelneigung
Diese Faktoren ermöglichen eine belastbare Einschätzung des Schweregrads.
Screening-Fragebögen helfen, ersetzen aber nicht das Gespräch
Zur Unterstützung der Diagnostik können standardisierte Instrumente eingesetzt werden. Im Kongress wurden unter anderem PHQ-2, PHQ-9 und das Beck-Depressions-Inventar (BDI) genannt. Sie können helfen, die depressive Belastung strukturiert zu erfassen.
Die Referenten machten jedoch deutlich, dass die Depression letztlich eine klinische Diagnose bleibt. Fragebögen ergänzen die Anamnese, ersetzen aber nicht das ärztliche Gespräch.
Suizidalität gehört in jede Depressionsdiagnostik
Ein wichtiger Punkt der Fallbesprechung war die aktive Exploration möglicher Suizidgedanken.
Kuhn empfiehlt, das Thema behutsam anzusprechen – etwa mit Fragen nach der Belastung oder danach, ob Patienten manchmal das Gefühl haben, nicht mehr da sein zu wollen.
In seinem Vortrag hatte Kuhn darauf hingewiesen, dass besonders konkrete Suizidgedanken, fehlende therapeutische Bindung oder die Vorstellung, für Angehörige nur noch eine Belastung zu sein, Warnsignale darstellen.
Nicht in Diagnostikschleifen verlieren
Bei Patienten mit Erschöpfung und depressiver Symptomatik gehört eine somatische Basisdiagnostik dazu. Dazu zählen Anamnese, körperliche Untersuchung, Labor und Schilddrüsenwerte. Weitere Untersuchungen sollten sich an zusätzlichen Symptomen orientieren.
Wichtig ist jedoch, den therapeutischen Einstieg nicht unnötig zu verzögern.
Prof. Dr. Andreas Stengel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart, warnte davor, Patienten zu lange in diagnostischen Abklärungen festzuhalten. Häufig bestehe das Problem nicht in einer unzureichenden Diagnostik, sondern darin, dass zu spät behandelt werde.
Wann die Hausarztpraxis bereits behandeln sollte
Die Experten plädierten für mehr Sicherheit im hausärztlichen Umgang mit Depressionen.
Während bei leicht ausgeprägten Symptomen zunächst engmaschige Begleitung und psychotherapeutische Maßnahmen infrage kommen können, sollte bei einer mittelgradigen depressiven Episode spätestens eine aktive Behandlung eingeleitet werden.
Als Optionen wurden genannt:
Die Fallbesprechung machte deutlich: Hausärzte dürfen und sollen auch selbst therapeutisch aktiv werden.
Fazit: Auf die Symptome schauen, nicht auf das Etikett
Ob Patienten von Burnout, Erschöpfung oder Stress sprechen, ist zunächst zweitrangig. Entscheidend ist die systematische Erfassung depressiver Symptome. Der Kongress machte deutlich: Müdigkeit, Schlafstörungen und körperliche Beschwerden können Ausdruck einer behandlungsbedürftigen Depression sein. Wer früh nachfragt, den Schweregrad einordnet und rechtzeitig behandelt, kann Chronifizierung verhindern und den weiteren Verlauf entscheidend beeinflussen.