Myopie

Bei der Myopie können durch eine verlängerte Augenachse oder eine erhöhter Brechkraft der Augenlinse Objekte in der Ferne nicht mehr scharf fixiert werden. Die Erkrankung entwickelt sich häufig in der Kindheit und Jugend und kann ohne adäquate Diagnostik und Therapie zu schwerwiegenden Komplikationen führen.

ICD-10 Code
Kurzsichtigkeit

Definition

Myopie, auch als Kurzsichtigkeit bekannt, ist eine refraktive Anomalie des Auges. Die in das Auge eintretenden Lichtstrahlen werden vor der Netzhaut und nicht direkt darauf fokussiert, was zu einer unscharfen Sicht in der Ferne führt. Diese Abweichung kann durch die Form des Auges, insbesondere durch eine zu lange Augenachse oder durch eine zu starke Brechkraft der Linse und Hornhaut verursacht werden. Bei unzureichender Diagnostik und Therapie kann es zu schweren Komplikationen bis hin zur Erblindung kommen.

Epidemiologie

Die Myopieprävalenz liegt in Deutschland bei etwa 25% und in den letzten 20 Jahren wurde hierzulande keine nennenswerte Zunahme der Betroffenen verzeichnet. Über die ganze Welt kam es allerdings in diesem Zeitraum zu einer Zunahme der Prävalenz.

Myopie entwickelt sich häufig in der Kindheit oder Jugend, als Risikofaktoren gelten neben einer genetischen Vorbelastung intensivere Nah- und Lesearbeit, vor allem in Lichtverhältnissen mit einem reduzierten Anteil an violettem Licht, Diabetes mellitus, Katarakt und Frühgeburtlichkeit. In Nationen mit höherem Bildungsstandard sind mehr Menschen betroffen, was man auf die dort erhöhte Lesearbeit zurückführt.

Pathogenese

Die Pathophysiologie der Myopie ist durch die Wechselwirkung zwischen genetischen und umweltbedingten Faktoren gekennzeichnet.

Eine der Hauptursachen ist die Verlängerung der Augenachse. Bei myopischen Augen ist die Entfernung zwischen der Hornhaut und der Netzhaut länger als normal. Dies führt dazu, dass das einfallende Licht nicht genau auf die Netzhaut fokussiert wird, sondern davor. Dadurch erscheinen entfernte Objekte unscharf. Dieser Zustand ist teilweise auf Störungen im Prozess der Emmetropisierung zurückzuführen, bei der sich das Auge während der Kindheit und Jugend an seine Form und Größe anpasst.

Darüber hinaus kann eine erhöhte Brechkraft der Augenlinse zu Myopie führen. Dies tritt auf, wenn die Linse stärker gekrümmt ist als bei einem normalen Auge. Eine verstärkte Krümmung bewirkt, dass das Licht stärker gebrochen wird und zu Fokussierungsproblemen auf der Netzhaut führt.

Die genetische Prädisposition für Myopie ist gut dokumentiert. Studien zeigen, dass Kinder von myopen Eltern eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, selbst kurzsichtig zu werden. Die Vererbung der Myopie ist jedoch polygenetisch. Die Identifizierung spezifischer Gene, die zur Myopie beitragen, ist ein aktives Forschungsfeld. Mehrere Gene wurden bereits identifiziert, die in Verbindung mit der Entwicklung der Myopie stehen.

Umweltfaktoren wie intensive Naharbeit und geringe Außenaktivität spielen ebenfalls eine Rolle und können die Expression dieser Gene beeinflussen.

Symptome

Die primären Symptome der Myopie umfassen eine verminderte Sehschärfe für entfernte Objekte, was häufig zu einer erhöhten Anstrengung der Augen führt. Diese Anstrengung kann sekundäre Symptome wie Augenbelastung und Kopfschmerzen verursachen. Personen mit Myopie neigen oft dazu, die Augen zusammenzukneifen, um die Sehschärfe zu verbessern, was wiederum zu einer weiteren Augenbelastung führen kann.

Diagnostik

Die Diagnose von Myopie erfolgt durch eine Kombination von Sehtests und Untersuchungen durch Augenärzte. Ein gründlicher diagnostischer Prozess ist entscheidend, um die geeignete Korrektur und Behandlung bereitzustellen.

Zur Beurteilung der Sehschärfe können Snellen-Tafeln oder Nahsehproben herangezogen werden. Anhand einer Refraktionsprüfung, oft mit einem Phoropter oder automatischen Refraktometern, kann der Grad der Myopie bestimmt und die benötigte Linsenstärke ermittelt werden.

Durch eine vollständige Augenuntersuchung, einschließlich einer Spaltlampenuntersuchung und Funduskopie, lassen sich  die Gesundheit des Auges beurteilen und andere Augenprobleme ausschließen.

Bei hochgradiger Myopie kann eine Messung der Augenlänge erforderlich sein. Dies erfolgt typischerweise mit Ultraschall oder optischer Kohärenztomographie (OCT).

Regelmäßige Augenuntersuchungen sind wichtig, um Veränderungen im Sehvermögen frühzeitig zu erkennen, die Behandlung anzupassen und Langzeitkomplikationen zu vermeiden. Das gilt besonders für Kinder und Jugendliche, bei denen sich eine Myopie schnell entwickeln kann.

Therapie

Die Therapie der Myopie zielt darauf ab, die Sehschärfe zu korrigieren und das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit zu verlangsamen. Verschiedene Behandlungsmethoden stehen zur Verfügung, abhängig von Alter, Lebensstil und Schweregrad der Myopie.

Brillen und Linsen

Die gängigsten Methoden zur nicht invasiven Korrektur der Sehschärfe sind Brillen und Kontaktlinsen mit Konkavgläsern bzw. Zerstreuungslinsen.

Eine weitere nicht-chirurgische Möglichkeit ist die Orthokeratologie (Ortho-K). Dabei werden speziell gestaltete Kontaktlinsen verwendet, die über Nacht getragen werden. Diese Linsen formen vorübergehend die Hornhaut um, um tagsüber eine klare Sicht ohne Brille oder Kontaktlinsen zu ermöglichen.

Pharmakotherapie

Bestimmte Medikamente, wie Atropin in niedrigen Dosen, wurden in Studien untersucht, um das Fortschreiten der Myopie bei Kindern zu verlangsamen. Dabei ist zu beachten, dass es bei der Anwendung von Atropin zu Nebenwirkungen wie Akkommodationsstörungen, Mydriasis und einer potenziellen allergischen Reaktion kommen kann. Demnach sollte diese Therapie unter strenger ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden.

Refraktive Chirurgie

Für Erwachsene ist die refraktive Chirurgie, z.B. die Laser-in-situ-Keratomileusis (LASIK) oder photorefraktive Keratektomie (PRK) eine Option zur dauerhaften Korrektur. Bei hoher Myopie oder wenn LASIK nicht geeignet ist, können intraokulare Linsen implantiert werden.

Komplikationen

Eine Myopie kann zu verschiedenen Komplikationen führen, insbesondere bei schweren Fällen oder unzureichender Behandlung. Zu den schwerwiegendsten Komplikationen gehören Netzhautprobleme wie Netzhautablösung und degenerative Veränderungen der Netzhaut.

Eine Netzhautablösung wird dadurch gefördert, dass sich die Netzhaut durch die Verlängerung des Augapfels ausdehnen und dünner werden kann. Bei hochgradiger Myopie können Degenerationen des Gewebes hinter der Netzhaut (Chorioidea) und der Netzhaut selbst auftreten. Besonders relevant ist die myopische Makuladegeneration, die den zentralen Sehbereich der Netzhaut betrifft und zu einem Verlust des zentralen Sehvermögens führen kann.

Personen mit Myopie haben zudem ein erhöhtes Risiko für Glaukome und Katarakte. Bei Kindern kann eine fortschreitende Myopie zu einer stärkeren Belastung der Augen führen und das Risiko für diese Komplikationen im späteren Leben erhöhen.

Prognose

Die Prognose von Myopie hängt von verschiedenen Faktoren ab, einschließlich des Alters, in dem sie beginnt, des Grades der Myopie und der allgemeinen Gesundheit des Auges. Generell ist die Prognose für Personen mit Myopie gut, wenn sie frühzeitig erkannt und angemessen behandelt wird, um potenziellen Komplikationen entgegenzuwirken.

Prävention

Besonders bei Kindern und Jugendlichen sind zur gezielten Prävention von Myopie und deren Progression verschiedene Maßnahmen wichtig:

  • mehr Zeit im Freien verbringen, um die Augenentwicklung positiv zu beeinflussen
  • die Dauer intensiver Naharbeit begrenzen und regelmäßige Pausen einlegen
  • regelmäßige Augenuntersuchungen zur Früherkennung und Behandlung von Sehproblemen
  • die Verwendung von korrektiven Sehhilfen wie Brillen oder Kontaktlinsen
  • in einigen Fällen pharmakologische Interventionen wie niedrig dosiertes Atropin unter ärztlicher Aufsicht
  • eine gesunde Ernährung und Lebensweise zur Unterstützung der allgemeinen Augengesundheit
  • Sensibilisierung für Risikofaktoren und Aufklärung über präventive Strategien in Schulen und Gemeinschaften
Autor:
Stand:
12.01.2024
Quelle:
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