Urämie

Bei der Urämie handelt es sich um eine Komplikation einer verschlechterten Nierenfunktion, bei der es zur Kontamination des Blutes mit harnpflichtigen Substanzen kommt. Ohne Therapie ist die Urämie mit hoher Morbidität und Mortalität assoziiert.

Urämie

Definition

Urämie, charakterisiert durch das Vorhandensein von 'Urin im Blut', manifestiert sich typischerweise im Kontext eines (terminalen) Nierenversagens, oft infolge einer chronischen Nierenerkrankung. Die toxischen Auswirkungen der Urämie können alle Organsysteme betreffen und sich in verschiedenen klinischen Syndromen, darunter urämische Perikarditis, Enzephalopathie, Neuropathie und Pruritus, manifestieren. Ohne eine zeitnahe Dialyse ist die Urämie mit einer erheblichen Mortalität verbunden [1].

Epidemiologie

Die Urämie ist meist Folge einer chronischen Nierenerkrankung (CKD). In Deutschland weist die CKD in den Stadien drei bis fünf eine geschätzte Prävalenz von 10% bei Personen über 18 Jahren auf, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer [2]. In Deutschland weist die CKD in den Stadien drei bis fünf eine geschätzte Prävalenz von 10% bei Personen über 18 Jahren auf, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer [2].

Obwohl der Einfluss der Ethnizität auf die Entwicklung urämischer Symptome unklar bleibt und Männer ein 1,2-fach höheres Risiko für terminale Niereninsuffizienz aufweisen, neigen Frauen stärker zu urämischen Komplikationen [1]. Akutes Nierenversagen, das ebenfalls mit Urämie assoziiert ist, zeigte in einer Metaanalyse, die Daten von hospitalisierten Patienten von 2004 bis 2012 umfasste, eine globale Inzidenz von 23,2% [4]. Die Mortalität bei akutem Nierenversagen beträgt etwa 30-40% [5].

Datenlage zu Nephrogenen Urämischen Komplikationen

Die verfügbaren Daten zu nephrogenen urämischen Komplikationen präsentieren sich als vergleichsweise limitiert, was teilweise auf die stark variierenden diagnostischen Kriterien der einzelnen klinischen Erscheinungsbilder zurückzuführen ist.

Mit einer Prävalenz von 55% tritt ein urämischer Pruritus bei Patienten mit progredienter Niereninsuffizienz häufig auf. Die Neuropathie stellt ebenfalls eine häufige Manifestation der Urämie dar. 60-100% der Dialyse-Patienten sind von dieser betroffen.

Etwa 5% der Patienten mit einer stark eingeschränkten Nierenfunktion entwickeln bei inadäquater Dialysetherapie eine urämische Perikarditis. Weiterhin wird bei den meisten Patienten mit einer Niereninsuffizienz im Stadium fünf davon ausgegangen, dass ein gewisser Grad einer urämischen Enzephalopathie vorliegt [6-9].

Ursachen

Die Urämie ist in der Regel Folge einer chronischen Niereninsuffizienz. Diese kann im Zusammenhang mit primär renalen Erkrankungen auftreten, beispielsweise Zystennieren, IgA-Nephropathie, fokal-segmentaler Glomerulonephritis oder membranoproliferativer Glomerulonephritis. Auch systemische Erkrankungen, wie Diabetes mellitus, Hypertonie und Neoplasien können in einer Niereninsuffizienz resultieren.

Akutes Nierenversagen, welches beispielsweise durch Harnwegsobstruktion, Flüssigkeitsverlust oder Sepsis verursacht werden kann, ist ebenso in der Lage, eine urämische Symptomatik hervorzurufen [1].

Pathogenese

Aufgrund einer Niereninsuffizienz kommt es zur inadäquaten Regulation des Hormon-, Flüssigkeits- und Elektrolythaushalts sowie zur mangelhaften Elimination von harnpflichtigen Substanzen, welche im Blut akkumulieren. Ein spezifisches urämisches Toxin, welches die klinischen Manifestationen auslöst, wurde noch nicht identifiziert, wobei angenommen wird, dass insbesondere Harnstoff eine wichtige Rolle spielt. Weitere urämische Stoffe könnten unter anderem Phenole, Carnitin und Guanidin sein.

Die Akkumulation urämischer Toxine wirkt sich auf verschiedene Organsysteme und Körperfunktionen aus:

  • Im Perikard induzieren sie die Freisetzung proinflammatorischer Marker wie Interleukin 1, Interleukin 6 und Tumornekrosefaktoren, was Entzündungsprozesse und Fibrosierung begünstigt und in einer urämischen Perikarditis kulminieren kann [8].
  • Es wird postuliert, dass harnpflichtige Substanzen oxidativen Stress in den Zellen induzieren. Die resultierende Akkumulation reaktiver Sauerstoffspezies kann zur Demyelinisierung von Axonen beitragen und somit eine urämische Neuropathie begünstigen. Zudem fördern häufig bei urämischen Patienten vorliegender Hyperparathyreoidismus und Hyperkaliämie die Axondegeneration [12].
  • Des Weiteren könnten reaktive Sauerstoffspezies zur Nitrierung von Proteinen im Gehirn beitragen, was potenziell eine Rolle bei der Entstehung der urämischen Enzephalopathie spielt, obgleich die genaue Pathogenese hier noch unklar ist [11].
  • Urämische Stoffe können außerdem Histamin-Rezeptoren aktivieren, was in einem Juckreiz resultiert [6].
  • Weiterhin führen sie zur Modifikation des GPIIb/IIIa-Rezeptors. Dies geht mit einer verschlechterten Thrombozytenadhäsion an die subendotheliale Gefäßwand einher, sodass das Blutungsrisiko bei Betroffenen erhöht ist.
  • Bei Patienten mit einer verminderten GFR wird die Thrombozytendysfunktion als Hauptdeterminante für Blutungen angesehen, wobei allerdings zu beachten ist, dass der Terminus “urämische Blutung” oft irrtümlichzur Beschreibung von Blutungen bei Patienten mit Niereninsuffizienz, jedoch ohne relevante Urämie, verwendet wird [13].

Symptome

Urämische Symptome präsentieren sich oft in einer heterogenen Weise. Allgemeine Anzeichen können Müdigkeit, ein urinähnlicher Körpergeruch sowie Blutungen umfassen, während die Hauptmanifestationen der Urämie Pruritus, Neuropathie, Perikarditis und Enzephalopathie einschließen.

Der urämische Pruritus zeigt sich vorwiegend im Gesicht, Rücken sowie am Arm mit dem Dialyseshunt, allerdings kann jede Körperregion betroffen sein. Häufig verschlechtert sich die Symptomatik bei Hitze sowie nachts. Der Leidensdruck ist sehr variabel, wobei einige Patienten vorübergehend von einem milden Juckreiz betroffen sind, während andere persistierende  Irritationen empfinden [6].

Bei einer urämischen Polyneuropathie sind anfänglich meist die unteren Extremitäten betroffen, wobei Parästhesien an den Zehen ein frühes Symptom darstellen.  Mit der Zeit kann die Neuropathie proximal fortschreiten und in schweren Fällen Muskelschwäche, Myoklonie, brennende Schmerzen und Paralyse verursachen [7].Im Rahmen einer urämischen Perikarditis können die Betroffenen mit Brustschmerzen, Dyspnoe und Fieber vorstellig werden [8].

Die urämische Enzephalopathie ist ein Syndrom ohne fest etablierte diagnostische Kriterien. Die klinischen Erscheinungen variieren stark und sind abhängig vom Grad der vorliegenden Niereninsuffizienz. Bei einer langsamen GFR-Verschlechterung können Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Gewichtsabnahme auftreten, während bei einer raschen GFR-Verschlechterung schwerere Symptome wie Verwirrung, Desorientierung, Reizbarkeit, Krampfanfälle und Bewusstseinsstörungen möglich sind. Oft sind auch Neuropathie, Myopathie, Hyperreflexie, Myoklonie und Asterixie präsent [11].

Zusätzlich kann Urämie im Kontext des hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS) auftreten, welches typischerweise infektionsbedingt zu akutem Nierenversagen, hämolytischer Anämie und Thrombozytopenie führt [14].

Diagnostik

Die Diagnose der Urämie stützt sich auf die oben beschriebenen klinischen Manifestationen, kombiniert mit erhöhten Retentionswerten für Harnstoff, Kreatinin und Harnsäure sowie einer deutlich reduzierten glomerulären Filtrationsrate (GFR). Häufig ist zudem eine metabolische Azidose vorhanden.

  • Bei Verdacht auf eine urämische Perikarditis kann das zusätzliche Vorhandensein von Perikardergüssen und perikardialen Verdickungen in der Echokardiographie sowie Anzeichen einer perikardialen Entzündung in weiterführenden bildgebenden Verfahren den Verdacht untermauern [15].
  • Im Falle eines Verdachts auf eine urämische Enzephalopathie, insbesondere bei Veränderungen des mentalen Status in Verbindung mit erhöhten Retentionsparametern im Blut, kann nach Stabilisierung des Patienten eine Computertomographie des Gehirns durchgeführt werden. Mögliche Befunde können hierbei obliterierte anatomische Grenzen zwischen der tiefen grauen subkortikalen Substanz sowie hypodens erscheinende Basalganglien, Thalamus und Mesencephalon sein [16].

Für die Diagnose eines hämolytisch-urämischen Syndroms sind neben der Urämie selbst Anzeichen einer Hämolyse diagnostisch wegweisend. Hierzu zählen ein abfallender Hämoglobinspiegel, Fragmentozyten, Polychromasie, erhöhte Retikulozytenzahl, erhöhtes Serum-LDL und Serumbilirubin sowie reduziertes Haptoglobin. Zudem ist eine Thrombozytopenie charakteristisch [14].

Differentialdiagnostik

Trotz des Vorliegens einer Niereninsuffizienz können die oben genannten Symptome grundsätzlich auch andere Ursachen besitzen.

Eine mild bis moderat reduzierte GFR deutet häufig auf nicht-nephrogene bzw. nicht-urämische Ursachen der Beschwerden hin.. Beispielsweise können ähnliche Reduktionen des mentalen Status, wie sie oben beschrieben wurden, auch im Kontext einer hepatischen Enzephalopathie oder bei Alkohol- bzw. Drogenintoxikation vorkommen [16].

Auch bei urämischen Patienten kann ein nicht-urämischer Pruritus vorliegen, zum Beispiel im Rahmen von Lymphomen oder Post-Herpes-Neuralgie [6].

Die Perikarditis kann ebenfalls durch andere Faktoren verursacht werden, wie beispielsweise durch autoimmunologische Prozesse oder traumatische Ereignisse. Bei der urämischen Perikarditis ist die Abwesenheit diffuser ST- und T-Elevationen ein charakteristisches EKG-Merkmal, was vermutlich damit zusammenhängt, dass es sich um eine metabolische Perikarditis handelt, bei der epikardiale Schädigungen eher untypisch sind [17].

Therapie

Bei urämischer Symptomatik stellt die Dialyse die wichtigste therapeutische Option dar und wird so schnell wie möglich, unabhängig von der GFR, eingeleitet. Parallel spielt die Behandlung der kausalen Niereninsuffizienz eine wichtige Rolle, wobei hier insbesondere der Fokus auf der Korrektur der Anämie sowie des Calcium- und Phosphat-Stoffwechsels liegt. Für die jeweiligen urämischen Syndrome gibt es spezifische Therapieansätze:

  • Perikarditis: Sollte eine intensive Dialyse nicht ausreichend sein, kann die Behandlung mit systemischen oder intraperikardialen nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) oder Kortikosteroiden in Betracht gezogen werden [15].
  • Pruritus: Hier kommen Therapieoptionen wie Phototherapien, Mastzellstabilisatoren, Antihistaminika und Gabapentin zum Einsatz [6].
  • Neuropathie: Gabapentin kann auch zur Behandlung neuropathischer Schmerzen verwendet werden.
  • Enzephalopathie: Bei Krampfanfällen werden Antikonvulsiva eingesetzt.
  • Blutungen: Hier steht die Korrektur der Anämie im Vordergrund.

Die Therapie zielt darauf ab, sowohl die Symptome zu lindern als auch die Ursachen der Niereninsuffizienz zu adressieren, um das Fortschreiten der Erkrankung möglichst effektiv zu verlangsamen und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Komplikationen

Die Akkumulation urämischer Toxine resultiert in den zuvor erläuterten Syndromen und kann, ohne adäquate therapeutische Intervention, in der Regel zu einem letalen Ausgang führen [1]. Die Komplexität und Schwere der urämischen Syndrome können erhebliche Auswirkungen auf verschiedene Organsysteme besitzen und somit die Lebensqualität der Betroffenen signifikant beeinträchtigen.

Prognose

Dank Dialyse können heute weltweit rund zwei Millionen Menschen, die ohne entsprechende Behandlung an den urämischen Komplikationen eines Nierenversagens verstorben wären, weiterleben. Die rechtzeitige Diagnose und Einleitung einer Therapie sind daher entscheidend für eine verbesserte Prognose [10].

Prophylaxe

Gesunde Ernährung, körperliche Aktivität sowie regelmäßige Blutzucker- und Blutdruckkontrollen reduzieren das Risiko, eine Niereninsuffizienz zu entwickeln. Zudem kann das Risiko einer Nierenschädigung durch Vermeidung nephrotoxischer Medikamente minimiert werden. Ein gesunder Lebensstil und diätologische Beratung können zudem dazu beitragen, die Progression einer bereits bekannten Niereninsuffizienz zu verlangsamen [1].

Autor:
Stand:
11.10.2023
Quelle:
  1. Zemaitis et al. (2023): Uremia, StatPearls, PMID: 28722889
  2. S3-Leitlinie “Versorgung von Patienten mit chronischer nicht-dialysepflichtiger Nierenerkrankung in der Hausarztpraxis” der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e.V., Stand Juni 2019
  3. Gupta et al. (2021): Epidemiology of end-stage kidney disease, DOI: 10.1053/j.semvascsurg.2021.02.010
  4. Kulkarni, Bhosale (2020): Epidemiology and Pathogenesis of Acute Kidney Injury in the Critically Ill Patients, DOI: 10.5005%2Fjp-journals-10071-23394
  5. Willam, John (2014): Akutes Nierenversagen - aktuelle Diagnostik und Therapie in Innere Medizin up2date, DOI: 10.1055/s-0034-1365086
  6. Osakwe, Hashmi (2023): Uremic Pruritus Evaluation and Treatment, StatPearls, PMID: 36508514
  7. Krishnan, Kiernan (2007): Uremic neuropathy: clinical features and new pathophysiological insights, DOI: 10.1002/mus.20713
  8. Nesheiwat, Lee (2023): Uremic Pericarditis, StatPearls, PMID: 30725605
  9. Lohr et al. (2022): Uremic Encephalopathy, Medscape
  10. Meyer, Hostetter (2014): Approaches to Uremia, DOI: 10.1681/ASN.2013121264
  11. Olano et al. (2023): Uremic Encephalopathy, StatPearls, PMID: 33231997
  12. Palmer (2023): Uremic polyneuropathy, UpToDate
  13. Berns (2023): Uremic platelet dysfunction, UpToDate
  14. Kuter (2020): Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS), MSD Manual, Ausgabe für medizinische Fachkreise
  15. ESC Pocket Guidelines “Perikarderkrankungen” der Euopean Society of Cardiology (ESC) und der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), Version 2015
  16. Kumar (2015, aktualisiert 2023): Uremic encephalopathy, Radiopedia, DOI: 10.53347/rID-37902
  17. Rosenberg (2023): Overview of the management of chronic kidney disease in adults, UpToDate
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