Zungenkarzinom

Zungenkarzinome sind die häufigste Form der Plattenepithelkarzinome im Mundraum. Risikofaktoren sind chronischer Tabak- und Alkoholkonsum. Eine frühzeitige Diagnose und Therapie verbessern die Prognose erheblich.

Zungenkrebs

Definition

Das Zungenkarzinom ist ein von der Zunge ausgehender maligner Tumor und zählt zu den Mundbodenkarzinomen. Es geht zu 95% aus dem Plattenepithel hervor und betrifft meist die vorderen zwei Drittel des Zungenkörpers, seltener das hintere Drittel der Zunge [1].

Epidemiologie

Genaue Angaben zur Häufigkeit des Zungenkarzinoms sind nicht möglich, da die Daten zum Mundbodenkarzinom nicht ausreichend in die jeweiligen Unterarten differenziert werden. Das Mundbodenkarzinom macht ca. 5% aller Tumore aus. Die Inzidenz ist global steigend und beträgt aktuell 200.000-350.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Es bestehen geographische Unterschiede mit einer höheren Inzidenz in Entwicklungsländern, insbesondere im südasiatischen Raum [2].

In Deutschland erkranken jährlich ca. 10.000 Menschen an einem bösartigen Tumor der Mundhöhle. Männer sind häufiger betroffen als Frauen und der Altersgipfel liegt bei Männern zwischen 55 und 56 und bei Frauen zwischen 50 und 75 Jahren [3]. Die Mortalitätsrate beträgt in Europa 13,6% [2].

Ursachen

Zu den Risikofaktoren des Zungenkarzinoms gehören [3,4]:

  • chronischer Tabakkonsum: Erhöhung des Risikos bis 6-fach [5,3]
  • Alkoholabusus: Erhöhung des Risikos bis 6fach [3,6]
  • Kombination von Nikotin- und Alkohol: erhöht das Risiko um 30-fach [3]
  • Konsum von Kautabak [7]
  • übermäßiger Konsum von Fleisch und gebratenem Essen [3]
  • Nachweis vom humanen Papilloma Viren (HPV-16) [8]
  • Chronische Entzündung der Schleimhäute im Mund- und Zungenbereich
  • Unzureichende Mundhygiene
  • Genetische Faktoren

Vorläuferläsionen des Plattenepithelkarzinoms der Zungen stellen intraepitheliale Neoplasien (z.B. Leukoplakien) dar (siehe unten).

Symptome

Im frühen Stadium ist der Zungenkrebs meist asymptomatisch. Häufig fällt zunächst eine schmerzlose Läsion (weiße oder rote Flecken, Ulzerationen) im Bereich der Zunge auf. Bei fortgeschrittener Erkrankung können ein Foetor ex ore, brennende Schmerzen, insbesondere beim Schlucken, und eine Dysarthrie durch eine eingeschränkte Zungenbeweglichkeit imponieren [4].

Weitere Symptome beinhalten [4]:

  • Blutungen
  • Fremdkörpergefühl
  • Taubheitsgefühl
  • Allgemeinsymptome wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust
  • Lymphknotenvergrößerung

Diagnostik

Die frühzeitige Diagnose des Zungenkarzinoms ist der wesentliche Faktor, der die Prognose und das Überleben verbessert.

Klinische Untersuchung

Die Diagnostik beginnt mit der klinischen Untersuchung, welche eine genaue und vollständige Inspektion und eine Palpation des Mundraums beinhalten sollte. Hierdurch können bereits bis zu 99% der malignen Läsionen detektiert werden [9]. Während die malignen Läsionen anfangs beschwerdefrei sein können, fallen sie häufig dennoch durch ihre abnorme Oberfläche und Struktur auf. Grundsätzlich ist jede länger als zwei Wochen bestehende Schleimhautveränderung tumorverdächtig und sollte weiter abgeklärt werden. Zu den suspekten Schleimhautveränderungen gehören [4]:

  • Leukoplakie oder Erythroplakie
  • Schleimhautdefekt oder Ulzeration
  • Schwellungen im Bereich der Mundhöhle bzw. Zunge
  • unklare Zahnlockerung, die nicht mit einer Parodontalerkrankung assoziiert ist
  • persistierendes, insbesondere einseitiges Fremdkörpergefühl
  • Schluckstörungen oder Schmerzen beim Schlucken
  • Schwierigkeiten beim Sprechen, verminderte Zungenbeweglichkeit
  • Taubheitsgefühl an der Zunge
  • unklare Blutungen
  • Schwellung am Hals
  • Foetor
  • Schmerzen

Bildgebung

Im Kontext einer möglichen Strahlenbehandlung sollte eine zahnärztliche Betreuung mit Panorama-Schichtaufnahme zur Beurteilung des Zahnstatus hinzugezogen werden [3].
Für das Staging wird zur Bestimmung der lokalen Tumorausdehnung (T-Kategorie) ein CT oder MRT durchgeführt. Es gibt keine belastbare Evidenz, die eine Überlegenheit von einer der beiden Methoden zeigt, jedoch sollte bei zu erwartenden Metallartefakten die MRT bevorzugt werden.

Für die Beurteilung des Lymphknoten-Status (N-Kategorie) sollte ein CT oder MRT von der Schädelbasis bis zur oberen Thoraxapertur erfolgen. Die Lymphknotendiagnostik kann weiterhin durch eine Ultraschall-gestützte Feinnadelbiopsie und/oder eine FDG-PET-CT ergänzt werden.

Bei lokoregionär fortgeschrittenen Karzinomen kann eine FDG-PET/CT zum Ausschluss von Fernmetastasen durchgeführt werden [3].

Biopsie und Histopathologie

Die Biopsie stellt den diagnostischen Goldstandard dar. Nach Empfehlung der WHO sollte jede suspekte Läsion im Mundraum, die länger als zwei Wochen besteht, biopsiert werden [10,11]. Sie sollte nach der bildgebenden Diagnostik erfolgen, um die Beurteilbarkeit der Bildgebung nicht einzuschränken [3].

Differentialdiagnosen

  • Stomatitis, Glossitis
  • Benigne Läsionen
  • Leukoplakien, Erythroplakien
  • Candidiasis
  • Oraler Lichen planus
  • Submuköse Fibrose

Leukoplakien, Erythroplakien, oraler Lichen planus und die submuköse Fibrose können Vorstufen von Zungenkrebs sein und werden auch zu der Gruppe der potentiell malignen oralen epithelialen Läsionen gezählt. In der Mehrheit der Fälle findet jedoch keine Entartung statt [10].

Klassifikation/Staging

Nach der Diagnostik sollten Zungenkarzinome auf Basis ihrer pathohistologischen und klinischen Merkmale gemäß der aktuellen TNM-Klassifikation der American Joint Committee on Cancer (AJCC) oder der Union for International Cancer Control (UICC) eingeteilt werden [12]. Dabei wurden beim Mundbodenkarzinom die T-Kategorie um den Parameter der Eindringtiefe (DOI = depth of invasion) ergänzt, da dieser zusätzlich zum Flächendurchmesser des Tumors prognostische Relevanz zeigte [13].

Therapie

Generell sollte die Therapie des Zungenkarzinoms interdisziplinär unter der Beteiligung der Fachdisziplinen Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie, Hals-Nasen-Ohrenkunde, Strahlentherapie, Onkologie, Pathologie und Radiologie erfolgen. Die Therapie ist abhängig von der Lage und Größe des Primärtumors (Resektabilität), dem Allgemeinzustand des Patienten, der Wahrscheinlichkeit therapiebedingter Beeinträchtigungen der Funktion und Ästhetik, und vom Patientenwunsch. Ziel der Behandlung ist eine möglichst dauerhafte Tumorkontrolle bei größtmöglichem Erhalt oder Wiederherstellung der Funktion (Phonation, Artikulation, Kau- und Schluckfunktion) [3].

Möglichkeiten der kurativ intendierten Therapie sind:

  • die alleinige chirurgische Therapie
  • die alleinige Strahlentherapie
  • Kombination aus chirurgischer Therapie, Chemotherapie und Strahlentherapie

Die aktuelle Datenlage trifft keine definitive Aussage zur Überlegenheit von entweder der Strahlentherapie oder chirurgischen Therapie.

Chirurgische Therapie

Bei resektablen Tumoren und ausreichendem Allgemeinzustand des Patienten sollte die Operation ggf. in Kombination mit einer sofortigen Rekonstruktion durchgeführt werden. Der Resektionsrand sollte mindestens 3-5mm betragen und kann ggf. mithilfe einer intraoperativen Schnellschnitthistologie beurteilt werden.

Beim Mundbodenkarzinom kommt es in 20-40% der Fälle zu einer okkulten Metastasierung in die Halslymphknoten, wobei fast immer die Level I-III betroffen sind. Eine elektive Neck-Dissection (Halslymphknotenausräumung) soll bei Patient*innen mit klinisch unauffälligem Lymphknotenstatus auch unabhängig von der T-Kategorie durchgeführt werden. Bei klinisch oder radiologisch auffälligem Lymphknotenbefund sollte eine (meist modifizierte radikale) Halslymphknotenausräumung erfolgen.

Rekonstruktive Verfahren umfassen unter anderem Lappenplastiken, freie Transplantation von Haut, Schleimhaut und Knochen, sowie die Defektprothetik [3].

Strahlentherapie und Radiochemotherapie

Bei kleinen und oberflächlichen Karzinomen (T1-T2) kann sowohl durch die Operation als auch durch Strahlentherapie eine Heilung erreicht werden.

Eine adjuvante Strahlentherapie ist bei fortgeschrittenen Primärtumoren (T3-T4), knappen (<3mm) oder positiven Resektionsrändern, perineuraler Invasion, Gefäßinvasion und Lymphknotenbefall indiziert. Diese sollte möglichst früh nach der Operation begonnen werden.

Bei fortgeschrittenem, nicht resektablen, und nicht metastasiertem Mundhöhlenkarzinom wird eine kombinierte primäre Radiochemotherapie der alleinigen Strahlentherapie vorgezogen. Hierfür wird Cisplatin, eine Cis-Platin-haltige Kombination oder alternativ Cetuximab eingesetzt.

Eine alleinige Chemotherapie kommt nur in der palliativen Situation zum Einsatz. Hier werden die monoklonalen Antiköper Cetuximab und Pembrolizumab eingesetzt [3].

Prognose

Die 5-Jahres-Überlebensrate bei Zungengrundtumoren beträgt 15-25%, bei Zungenrandtumoren liegt sie bei 35-50%. Wird die Erkrankung im frühen Stadium erkannt und angemessen behandelt, kann eine 5-Jahres-Überlebensrate von über 80% erreicht werden [14].

Nachsorge

Die Nachsorgekontrollen erfolgen in den ersten zwei Jahren alle drei Monate und im dritten bis fünften Jahr alle 6 Monate. Dabei sollten eine systematische Inspektion und Palpation des gesamten Mundraumes, des Oropharynx und des Halses und ggf. eine Sonographie der Halslymphknoten durchgeführt werden. Zudem sollte in den ersten zwei Jahren ein MRT oder CT in Abständen von sechs Monaten und im dritten bis fünften Jahr alle zwölf Monate erfolgen [3].

Etwa ein Fünftel der Patient*innen mit einem Mundbodenkarzinom erleidet ein Rezidiv und in 76% der Fälle innerhalb der ersten zwei Jahre [15]. Kurativ intendierte Therapieoptionen sind in diesen Fällen die erneute Operation und/oder die Radio- oder Radiochemotherapie [12].

Prophylaxe

Im Mittelpunkt der Prävention steht die Vermeidung der Risikofaktoren. Edukation und Aufklärung über das Mundhöhlenkarzinom können die öffentliche Wahrnehmung der Problematik in der Bevölkerung verbessern und zu einer stärkeren Vermeidung der Risikofaktoren führen [3].

Aktuell gibt es keine Evidenz zu effektiven Screening-Programmen für das Zungenkarzinom. Patient*innen nehmen die Läsionen im Mundraum häufig erst verzögert als bedrohliche Befunde wahr. Daher nimmt die regelmäßige Untersuchung der Mundschleimhaut durch Zahnärzt*innen, HNO-, Haut- und Hausärzt*innen (z.B. im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen und Hautkrebsscreenings) im Rahmen der Früherkennung einen hohen Stellenwert ein [3].

Autor:
Stand:
09.10.2023
Quelle:
  1. Mangold, Torgerson, Rogers III (2016): Diseases of the tongue. Clinics in Dermatology, DOI.
  2. Sarode et al. (2020): Epidemiologic aspects of oral cancer. Dis Mon, DOI: 10.1016/j.disamonth.2020.100988
  3. Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Mundhöhlenkarzinoms, Langversion 3.0, 2021, AWMF Registernummer: 007/100OL (abgerufen am: 19.09.2023)
  4. Wolff, Follmann, Nast (2012): The Diagnosis and Treatment of Oral Cavity Cancer. Dtsch Arztebl Int; DOI: 10.3238/arztebl.2012.0829
  5. Talamini et al. (2002): Combined effect of tobacco and alcohol on laryngeal cancer risk: a case-control study. Cancer causes & control, DOI: 10.1023/a:1021944123914
  6. Bagnardi et al. (2001): Alcohol consumption and the risk of cancer: a meta-analysis. Alcohol Res Health
  7. Critchley, Unal (2003): Health effects associated with smokeless tobacco: a systematic review. Thorax, DOI: 10.1136/thorax.58.5.435
  8. Dahlstrom et al. (2003): Human papillomavirus type 16 infection and squamous cell carcinoma of the head and neck in never-smokers: a matched pair analysis. Clin Cancer Res. 2003;9(7):2620-2626.
  9. Walsh et al. (2013): Clinical assessment to screen for the detection of oral cavity cancer and potentially malignant disorders in apparently healthy adults. Cochrane Database Syst. Rev. DOI: 10.1002/14651858.CD010173.pub2
  10. Abati et al. (2020): Oral Cancer and Precancer: A Narrative Review on the Relevance of Early Diagnosis. Int J Environ Res Public Health, DOI:10.3390/ijerph17249160
  11. Rethman et al. (2010): Evidence-Based Clinical Recommendations Regarding Screening for Oral Squamous Cell Carcinomas. J. Am. Dent. Assoc, DOI: 10.14219/jada.archive.2010.0223
  12. Klinghammer et al. (2022) Kopf-Hals-Plattenepithelkarzinome, Onkopedia-Leitlinien, abgerufen am 21.09.2023
  13. Lydiatt et al. (2017): Head and neck cancers—major changes in the American Joint Committee on cancer eighth edition cancer staging manual. CA: A Cancer Jounal for Clinicians, DOI.
  14. Silverman et al. (2010): Oral and Pharyngeal Cancer Control and Early Detection. J. Cancer Educ, DOI: 10.1007/s13187-010-0045-6
  15. Boysen et al. (1992): The value of follow-up in patients treated for squamous cell carcinoma of the head and neck. Eur J Cancer, DOI: 10.1016/s0959-8049(05)80068-1
  16. Schmidt et al. (2018): Quality of life, problems, and needs of disease-free breast cancer survivors 5 years after diagnosis. Quality of Life Research, DOI: 10.1007/s11136-018- 1866-8
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