Invasive Pilzinfektionen (IFD) sind eine zunehmende Herausforderung in der Intensivmedizin. Während sie traditionell mit immunsupprimierten Patienten assoziiert wurden, nimmt die Inzidenz auch bei nicht-neutropenischen, kritisch kranken Patienten auf Intensivstationen kontinuierlich zu. Weltweit sind schätzungsweise 800 Millionen Menschen jährlich betroffen, mit über 1,6 Millionen Todesfällen – eine Zahl, die der globalen Mortalität durch Tuberkulose entspricht.
Candida- und Aspergillus-Spezies zählen zu den häufigsten Erregern. Die klinische Relevanz ergibt sich unter anderem aus der unspezifischen Symptomatik und der begrenzten Sensitivität konventioneller diagnostischer Verfahren. Besonders problematisch ist, dass die aktuell verwendeten Diagnosekriterien ursprünglich für onkologische oder transplantierte Patientenkollektive entwickelt wurden. Dadurch werden IFD bei Intensivpatienten häufig nicht adäquat erkannt.
Globale Prävalenzdaten und regionale Unterschiede – eine systematische Analyse
Trotz der klinischen Relevanz fehlte bislang eine umfassende Datensynthese zur Prävalenz invasiver Pilzinfektionen bei kritisch kranken Patienten. Frühere Studien konzentrierten sich meist auf invasive Candidose oder Aspergillose. Eine nun in 'BMC Infectious Diseases' veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse schließt diese Lücke. Ziel war es, die Prävalenz invasiver Pilzinfektionen bei erwachsenen Intensivpatienten weltweit zu ermitteln und regionale sowie methodische Unterschiede zu untersuchen.
Die Metaanalyse basiert auf 34 Beobachtungsstudien, die zwischen 1999 und 2024 veröffentlicht wurden und Daten von insgesamt 655.169 kritisch kranken Patienten umfassen. Die Studienauswahl und -auswertung erfolgte gemäß den PRISMA-Kriterien. Eingeschlossen wurden ausschließlich Studien zur erwachsenen Intensivpopulation ohne COVID-19- oder pädiatrische Kohorten.
Gesamtprävalenz bei 5 % – jedoch starke regionale Schwankungen
Die gepoolte Prävalenz invasiver Pilzinfektionen lag bei 5 % (95 %-Konfidenzintervall [KI]I: 3–7 %). Diese Zahl erscheint zunächst moderat, gewinnt jedoch vor dem Hintergrund einer berichteten Mortalität von bis zu 70 % an Bedeutung.
Auffällig war die ausgeprägte regionale Varianz:
- Hochlohnländer: 3 % Prävalenz
- Niedrigere mittlere Einkommen: 21 % Prävalenz
Auch zwischen den Kontinenten zeigten sich Unterschiede:
- Europa: 3 %
- Nordamerika: 4 %
- Asien: 10 %
- Südamerika: 15 %
Diese Unterschiede spiegeln unter anderem die Verfügbarkeit diagnostischer Ressourcen, infrastrukturelle Bedingungen sowie regionale Unterschiede in der Pilzexposition wider.
Aspergillus häufiger als Candida – ein Wandel in der Erregerverteilung
Im Gegensatz zur bisherigen Dominanz der Candida-Spezies weist die Analyse eine höhere Prävalenz von Aspergillus spp. (10 %) im Vergleich zu Candida spp. (3 %) auf. Als mögliche Einflussfaktoren für die erhöhte Prävalenz invasiver Aspergillosen diskutieren die Studienautoren unter anderem virales ARDS (z. B. infolge von Influenza oder SARS-CoV-2), chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen, den Einsatz systemischer Kortikosteroide, solide Tumoren sowie immunmodulatorische Therapien wie Ibrutinib.
Fazit: IFD auf Intensivstationen erfordern differenzierte Diagnostik und gezielte Surveillance
Diese Metaanalyse liefert erstmals einen globalen Überblick über Prävalenz invasiver Pilzinfektionen bei kritisch kranken Erwachsenen. Trotz einer mittleren Gesamtprävalenz von 5 % unterstreichen die hohen Mortalitätsraten von bis zu 70 % sowie die erhebliche regionale Varianz die hohe klinische Relevanz.
Die Ergebnisse zeigen die Notwendigkeit:
- standardisierte diagnostische Kriterien für Intensivpatienten zu etablieren,
- Surveillance-Systeme in einkommensschwachen Regionen auszubauen,
- sowie nicht-immunologische Risikofaktoren in der Risikostratifikation stärker zu berücksichtigen.
Zukünftige Studien sollten eine differenzierte Erfassung klinischer Verläufe und Diagnosestrategien anstreben, um das Management dieser lebensbedrohlichen Infektionen zu verbessern.










