Chronische Nierenerkrankungen (CKD) entwickeln sich häufig schleichend, und klassische diagnostische Grenzwerte wie die eGFR-Schwelle von < 60 ml/min/1,73 m² erfassen pathologische Veränderungen der Nierenfunktion oftmals erst in einem fortgeschrittenen Stadium. Neue Daten aus der groß angelegten SCREAM-Studie des Karolinska Instituts zeigen, dass bereits geringfügige Abweichungen innerhalb des scheinbar normalen eGFR-Spektrums mit einem deutlich erhöhten Risiko für ungünstige renale und klinische Endpunkte assoziiert sein können.
Durch die Analyse von knapp sieben Millionen eGFR-Messungen aus über 1,1 Millionen erwachsenen Patienten wurden alters- und geschlechtsspezifische eGFR-Perzentile berechnet, die eine wesentlich präzisere Einordnung individueller Nierenfunktionswerte und -verläufe erlauben als starre absolute Grenzwerte.
Bevölkerungsbasierte eGFR-Perzentile – ein neues Instrument für die Risikostratifizierung
Die Ergebnisse der SCREAM-Analyse zeigen, dass Patienten mit eGFR-Werten unterhalb des 25. Perzentils (< P25) ein signifikant erhöhtes Risiko für ein Nierenversagen mit Notwendigkeit einer Nierenersatztherapie (kidney failure requiring therapy, KFRT) aufweisen – selbst dann, wenn die absolute eGFR noch über dem etablierten Schwellenwert von 60 ml/min/1,73 m² liegt.
Darüber hinaus wurde ein U-förmiger Zusammenhang zwischen eGFR-Perzentilen und Gesamtmortalität beobachtet: Sowohl sehr niedrige als auch sehr hohe Perzentilbereiche waren mit einer erhöhten Sterblichkeit assoziiert. Diese Beobachtung unterstreicht, dass nicht nur reduzierte, sondern auch ungewöhnlich hohe eGFR-Werte prognostisch relevant sein können.
Besonders klinisch bedeutsam ist zudem eine identifizierte Versorgungslücke: Nur etwa ein Viertel der Patienten mit einer eGFR ≥ 60 ml/min/1,73 m², deren Wert jedoch unterhalb des 25. Perzentils liegt, erhält zeitnah eine Albuminurie-Diagnostik. Gerade diese stellt jedoch den frühesten verfügbaren Marker einer strukturellen Nierenschädigung dar.
Klinische Relevanz und diagnostische Konsequenzen
1. Bedeutung subtiler Funktionsabweichungen
Die alleinige Betrachtung absoluter eGFR-Werte vernachlässigt die physiologische Abnahme der Nierenfunktion mit zunehmendem Alter sowie geschlechtsspezifische Unterschiede. Ein eGFR-Wert von beispielsweise 80 ml/min/1,73 m² kann – abhängig von Alter und Geschlecht – entweder im populationstypischen Bereich liegen oder bereits eine relevante Abweichung darstellen. Die Einordnung anhand alters- und geschlechtsspezifischer Perzentile ermöglicht daher eine deutlich sensitivere und individualisierte Früherkennung von Risikopatienten.
2. Kombination mit Albuminurie als Schlüsselparameter
Die prognostische Aussagekraft steigt erheblich, wenn eGFR-Perzentile mit Albuminurie-Messungen kombiniert werden. Patienten mit eGFR-Werten < P25 und gleichzeitig nachweisbarer Albuminurie gelten als besonders gefährdet und profitieren nachweislich von einer frühzeitigen intensivierten Diagnostik und Therapie.
3. Rolle weiterer Biomarker
Die diagnostische Genauigkeit lässt sich weiter verbessern, wenn zusätzlich Cystatin-C-basierte oder kombinierte eGFR-Formeln eingesetzt werden. Insbesondere die CKD-EPI-Formeln (CKD-EPI 2021), entweder auf Kreatininbasis oder in Kombination mit Cystatin-C, sind bei grenzwertigen Befunden oder unklaren klinischen Verläufen von besonderem Nutzen.
4. Interpretation hoher Perzentile
Auch eGFR-Werte oberhalb des 97,5. Perzentils (> P97,5) verdienen Aufmerksamkeit. Sie können auf eine glomeruläre Hyperfiltration hinweisen, einen Zustand, der mit einer erhöhten Mortalität assoziiert ist und als möglicher Risikofaktor für eine spätere strukturelle Nierenschädigung gilt – insbesondere bei Patienten mit Diabetes, Adipositas oder Hypertonie.
Praxisorientierte Leitlinien für die Anwendung der eGFR-Perzentile
Wann ist eine erweiterte Diagnostik erforderlich?
| Perzentilbereich | Klinische Bedeutung | Empfohlene Maßnahmen |
| < P25 | Erhöhtes Risiko für KFRT trotz oft „normaler“ eGFR | Albuminurie-Testung (Urin-Albumin/Kreatinin-Quotient), Blutdruck- und Stoffwechselkontrolle, engmaschige Verlaufskontrolle, ggf. Therapieanpassung |
| P25–P75 | Populationstypischer Bereich | Standard-Monitoring |
| > P97,5 | Hinweis auf mögliche Hyperfiltration | Abklärung auf Diabetes, Hypertonie und Adipositas, Ernährungs- und Lebensstilanamnese |
Fallbeispiele
Fallbeispiel A – Der „übersehene Risikopatient“
Ein 58-jähriger Mann stellt sich mit einer eGFR von 67 ml/min/1,73 m² vor. Dieser Wert wird im klinischen Alltag häufig als nur leicht erniedrigt interpretiert und wäre für sich genommen nicht zwingend Anlass für eine erweiterte Diagnostik.Die alters- und geschlechtsspezifische Perzentil-Berechnung ergibt jedoch: P20.
→ Der Patient befindet sich damit klar im Risikobereich.
Klinische Konsequenzen:
- Albuminurie-Diagnostik
- Optimierung der Blutdruckeinstellung
- Prüfung potenziell nephrotoxischer Medikation
- Einsatz von SGLT2-Inhibitoren bei entsprechender Indikation
- Regelmäßige Verlaufskontrollen
Fallbeispiel B – „Normwert“ mit hohem Risiko
Eine 52-jährige Frau weist eine eGFR von 81 ml/min/1,73 m² auf, klassisch als „normal“ eingestuft.
Die Perzentil-Einordnung zeigt jedoch: P10.
→ Die Patientin hat ein signifikant erhöhtes Risiko für ein zukünftiges Nierenversagen mit Nierenersatztherapie.
Klinische Konsequenzen:
- Frühe Albuminurie-Diagnostik
- Optimierung aller kardiometabolischen Risikofaktoren
- Jährliche oder – je nach Befund – häufigere eGFR-Kontrollen
Fallbeispiel C – Hyperfiltration als Risiko
Ein 45-jähriger Mann mit Adipositas und prädiabetischem Stoffwechselprofil zeigt eine eGFR von 125 ml/min/1,73 m².
Perzentil: > P97,5.
→ Verdacht auf glomeruläre Hyperfiltration.
Klinische Konsequenzen:
- Abklärung auf Diabetes mellitus
- Ausführliche Ernährungsanamnese
- Lebensstilinterventionen und gegebenenfalls Mitbehandlung durch Endokrinologie oder Ernährungsmedizin
Praktischer Leitfaden für den klinischen Alltag
1. Standardisierte Befundinterpretation
Laborberichte sollten idealerweise um eine alters- und geschlechtsspezifische Perzentil-Angabe ergänzt werden (z. B. „eGFR 72 ml/min/1,73 m² → Perzentil 22“).
2. Diagnostische Pflichtschritte bei < P25
- Urin-Albumin/Kreatinin-Quotient
- Blutdruckmanagement
- Medikationsreview (insbesondere NSAID, PPI, Kontrastmittel)
- Metabolische Diagnostik (HbA1c, Lipidprofil)
3. Monitoring-Strategie
- < P25 → Verlaufskontrollen alle 3–6 Monate
- P25–P75 → Routine-Monitoring
- P97,5 → je nach Begleiterkrankungen engmaschigere Kontrollen
4. Arzt-Patient-Kommunikation
Kurze, verständliche Risikoerklärung:
„Ihr eGFR-Wert liegt im unteren Perzentilbereich. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass bereits eine Erkrankung vorliegt, zeigt aber, dass wir frühzeitig gegensteuern können.“
Fazit
Die Einführung bevölkerungsbasierter eGFR-Perzentile stellt einen bedeutsamen Fortschritt in der nephrologischen Diagnostik dar. Sie ermöglicht es, Patienten mit erhöhtem Risiko deutlich früher zu identifizieren als mit herkömmlichen Schwellenwerten und gezielt präventive Maßnahmen einzuleiten. In Kombination mit Albuminurie-Diagnostik und einer umfassenden kardiometabolischen Bewertung entsteht ein wirkungsvolles Instrument zur Vermeidung späten Nierenversagens.










