Alzheimer-Krankheit als ungelöste therapeutische Herausforderung
Die Alzheimer-Krankheit (AD) betrifft weltweit über 55 Millionen Menschen und ist die häufigste Ursache für Demenz. Neben Amyloid-β-Ablagerungen und der Tau-Pathologie rücken zunehmend synaptische Dysfunktion und mitochondriale Schädigung in den Fokus der Forschung. Trotz der Einführung neuer Antikörper-Therapien, jüngst Lecanemab (Leqembi®), bleibt die Wirksamkeit begrenzt, sodass innovative Behandlungsansätze dringend benötigt werden.
Rolle des NMDAR/TRPM4-Komplexes in der Alzheimer-Pathogenese
N-Methyl-D-Aspartat (NMDA)-Rezeptoren haben eine Schlüsselrolle in der Regulation der Gehirnfunktionen. Sie sind für kognitive Prozesse wichtig, ihre Aktivierung kann aber auch eine Glutamat-Exzitotoxizität auslösen und dadurch zum Zelltod bei verschiedenen neurodegenerativen Erkrankungen beitragen. Die toxische Wirkung entfaltet sich über einen Proteinkomplex, der sich außerhalb der Synapsen befindet und aus dem eNMDA-Rezeptor und dem Ionenkanal TRPM4 zusammensetzt.
Neuere Arbeiten identifizieren den NMDAR/TRPM4-Komplex als Schaltstelle dieser toxischen Signalwege. Eine aktuelle Studie adressierte die Frage, ob eine gezielte Blockade dieses Komplexes neuroprotektive Effekte in einem murinen AD-Modell (5xFAD-Mäuse) entfalten kann.
Untersuchung des TwinF-Interface-Inhibitors FP802 im AD-Mausmodell
Die Forschenden unter Leitung des Neurobiologen Prof. Dr. Hilmar Bading von der Universität Heidelberg untersuchten das Small Molecule FP802, einen selektiven TwinF-Interface-Inhibitor, im Mausmodell. Diese Inhibitoren stören die Wechselwirkung der eNMDA-Rezeptoren mit dem TRPM4-Ionenkanal. Der Komplex kann dadurch seine toxische Wirkung nicht entfalten. Im Gegensatz zu klassischen NMDA-Rezeptor-Inhibitoren wie Memantin, unterdrücken TwinF-Interface-Inhibitoren die notwendige physiologische Funktion der synaptischen NMDA-Rezeptoren nicht.
Über vier Monate erhielten die Tiere FP802 in unterschiedlicher Dosierung über das Trinkwasser. Erfasst wurden kognitive Leistungen, mitochondriale Integrität, dendritische Architektur, synaptische Dichte sowie die Amyloid-β-Last.
FP802 schützt kognitive Funktionen
In der Studie verhinderte FP802 signifikante Gedächtnis- und Lernstörungen der 5xFAD-Mäuse. In Verhaltenstests zur Gedächtnisleistung erreichten behandelte Tiere Leistungen vergleichbar mit Wildtyp-Kontrollen, während unbehandelte Tiere deutliche Defizite zeigten. Dabei blieb die allgemeine Lokomotion unbeeinträchtigt.
Erhalt neuronaler Strukturen im Alzheimer-Modell
Auf zellulärer Ebene zeigte FP802 eine breite Schutzwirkung:
- Mitochondrien: Strukturelle Schädigungen wurden reduziert, die normale Morphologie blieb erhalten.
- Dendriten: FP802 verhinderte den Verlust an Komplexität und Länge der Dendriten.
- Synapsen: Positive Effekte auf die Dichte exzitatorischer und inhibitorischer Synapsen.
- Amyloid-β: Plaquebelastung in Hippokampus und Kortex wurde signifikant gesenkt.
Potentielle klinische Bedeutung von FP802 in der Alzheimer-Therapie
Die Ergebnisse zeigen, dass FP802 eine breite neuroprotektive Wirkung entfaltet, indem es sowohl funktionelle als auch strukturelle AD-typische Veränderungen eindämmt. Besonders relevant ist, dass ein bisher kaum adressierter Pathomechanismus – die NMDAR/TRPM4-vermittelte Exzitotoxizität – gezielt unterbrochen wird.
NMDAR/TRPM4-Komplex als neues Target in der Alzheimer-Forschung
Die Studie von Yan et al. etabliert den NMDAR/TRPM4-Komplex als neues therapeutisches Target in der AD-Forschung. FP802 verhinderte im Mausmodell sowohl kognitive Defizite als auch neurodegenerative Veränderungen.
„Statt auf die Entstehung oder Entfernung von Amyloid aus dem Gehirn zu zielen, blockieren wir mit dem NMDAR/TRPM4-Komplex einen nachgeordneten zellulären Mechanismus, der einerseits zum Absterben von Nervenzellen führen kann und andererseits – in einer krankheitsverstärkenden Rückkopplung – die Bildung von Amyloid-Ablagerungen befördert“, so der Heidelberger Neurobiologe in einer Meldung der Universität. Künftige Arbeiten sollten die Translation in die Klinik prüfen und die langfristige Wirksamkeit und Sicherheit der Substanz evaluieren.




