Burnout als wachsende Herausforderung in der Neurologie
Burnout, ein Zustand emotionaler, körperlicher und geistiger Erschöpfung infolge chronischer arbeitsbedingter Belastung, gilt inzwischen als ernstzunehmendes Berufsrisiko im Gesundheitswesen. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO ist Burnout nicht nur ein Symptom anderer Erkrankungen, sondern ein eigenständiger Risikofaktor für Depressionen und Abhängigkeitserkrankungen.
In der Neurologie treffen mehrere Risikofaktoren zusammen: komplexe Krankheitsbilder, zeitkritische Notfälle wie etwa Schlaganfälle, hoher Dokumentationsaufwand und häufige interdisziplinäre Abstimmungen. Internationale Daten weisen auf eine Burnout-Prävalenz von bis zu 75 % bei Neurologen hin – deutlich über dem Durchschnitt anderer Fachrichtungen. Bisher fehlten jedoch genaue Daten zur Situation in Deutschland.
Bundesweite Erhebung zu Burnout in der Neurologie
Die Sektion „Junge Neurologie“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) führte im Herbst 2024 eine bundesweite Online-Befragung durch. Ziel war es, Häufigkeit und Ursachen belastender Arbeitssituationen, deren Zusammenhang mit Burnout sowie potenziell schützende Faktoren zu identifizieren.
Insgesamt nahmen 493 Ärzte teil (318 Assistenzärzte, 175 Fachärzte). Erfasst wurden unter anderem soziodemografische Daten, Arbeitsbedingungen, Belastungshäufigkeit, Ursachen, Bewältigungsstrategien sowie das Burnout-Risiko (Messung mittels Burnout Assessment Tool BAT-12).
Hauptursachen für Burnout in der Neurologie
Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden berichtete von belastenden Ereignissen, die monatlich oder häufiger auftraten. Diese traten vor allem in Notaufnahmen, auf Intensivstationen und in allgemein-neurologischen Stationen auf.
Zentrale Auslöser waren:
• Hohe Patientenzahlen,
• Second-Victim-Phänomen nach kritischen Ereignissen,
• Kommunikationsprobleme zwischen Abteilungen,
• Organisatorische Defizite.
Assistenzärzte nannten zusätzlich Wissens- und Fertigkeitslücken als wesentliche Stressquellen, die mit zunehmender Berufserfahrung abnahmen.
Einflussfaktoren auf das Burnout-Risiko von Ärzten
Die Analyse zeigte: 53 % der Assistenzärzte waren entweder gefährdet oder erfüllten die Kriterien für Burnout. Bei Fachärzten lagen die Werte im Normbereich.
Unabhängige Prädiktoren für ein erhöhtes Burnout-Risiko waren:
• Häufigkeit belastender Ereignisse,
• Niedrige Arbeitszufriedenheit,
• Fehlende strukturierte Nachbesprechungen (Debriefings),
• Institutionelle Rahmenbedingungen,
• Jüngeres Alter und geringere Kinderzahl.
Problematisch war die Nutzung maladaptiver Bewältigungsstrategien: 20 % konsumierten Alkohol und 9 % Medikamente nach kritischen Ereignissen – beides war mit signifikant höheren Burnout-Werten assoziiert.
Potenzial wirksamer Gegenmaßnahmen zur Resilienzförderung
Die Studienteilnehmer bewerteten folgende Maßnahmen als besonders hilfreich:
• Strukturiertes Onboarding zu Beginn der Tätigkeit,
• Spezifische Debriefings nach kritischen Ereignissen,
• Prozessoptimierungen, um organisatorischen Stress zu reduzieren.
Trotz dieser Einschätzung gaben 90 % der Assistenzärzte und 77 % der Fachärzte an, keine oder unbekannte Debriefing-Strukturen zu haben.
Studie zeigt Handlungsbedarf bei Prävention und strukturellen Änderungen auf
Die Ergebnisse unterstreichen, dass besonders die neurologische Weiterbildung eine vulnerable Phase für Burnout darstellt. Die Prävention erfordert nicht nur eine individuelle Resilienzförderung, sondern auch strukturelle Veränderungen: klare Einarbeitungskonzepte, leicht zugängliche Nachbesprechungen und eine Kultur, die Fehler als Lernchance begreift.
„Wir müssen eine Atmosphäre schaffen, in der das Sprechen über kritische Ereignisse und die eigene Belastung nicht mit Schwäche assoziiert wird, sondern mit dem Willen zur Weiterentwicklung und Verbesserung, auch im Sinne der Patientensicherheit“, betont die DGN in einer Meldung anlässlich der Veröffentlichung der Studie.





