Demenz: die Problematik dahinter
Die Entwicklung einer Demenz stellt nicht nur die Patienten selbst und deren Angehörige vor eine große Herausforderung, auch das Gesundheits- und Sozialsystem ist durch die steigende Anzahl an Demenzkranken außerordentlich belastet. Betroffene Patienten sind im Alltag stark beeinträchtigt. Sie bedürfen meistens intensiver Pflege zu Hause oder in Pflegeheimen. Im Jahr 2021 lag die Zahl der Demenzpatienten bei ca. 55,2 Millionen weltweit. Die WHO rechnet im Jahr 2050 sogar mit 139 Millionen Demenzkranken.
Das Risiko an einer Demenz zu erkranken steigt mit dem Alter exponentiell an. Die Prävalenz bei den 65- bis 69-Jährigen liegt bei ca. 1,85% und steigt auf über 36% bei den über 90-Jährigen [1].
Demenz: Prävention der Schlüssel?
Demenzsyndrome zählen zu den neurodegenerativen Erkrankungen und gehen mit dem Abbau und dem Verlust kognitiver Fähigkeiten einher. Die aktuellen Therapiemöglichkeiten können lediglich den kognitiven Verfall abbremsen, nicht jedoch zum Stillstand bringen. Präventive Maßnahmen sind daher von größter Bedeutung.
Neben der hohen und auch weiterhin steigenden Lebenserwartung sind genetische Faktoren und sogenannte modifizierbare Risikofaktoren ursächlich für die Entstehung einer Demenz. Vermeidbar sind natürlich nur die Letztgenannten. 40% aller Demenzfälle sind diesen zugeschrieben. Es gilt also diesen Prozentsatz zu erhöhen, um Demenzen zu verhindern [2].
Hoher Laxanziengebrauch in der Bevölkerung
Es ist nicht selten, dass man auf dem Medikamentenplan eines älteren Patienten mindestens ein Abführmittel findet. 20% der Gesamtbevölkerung und ca. 70% der Pflegeheimbewohner sind von einer Verstopfung betroffen. 85% aller Patienten mit Verstopfung werden wiederum mit Laxanzien behandelt (Daten aus UK (United Kingdom)). Laxanzien sind rezeptfrei und somit für jedermann sehr leicht zugänglich. Ein regelmäßiger Gebrauch bei Älteren findet sich häufig [2].
Die Darm(mikrobiom)-Hirn-Achse
Die ständige Verwendung von Abführmitteln kann zur Veränderung der Darmflora führen. Dieses Mosaik aus verschiedenen Mikroorganismen, das sogenannte Darmmikrobiom ist Teil der Darm-Hirn-Achse, über welche der Darm und das Gehirn miteinander interagieren. Es ist bekannt, dass eine gestörte Darmflora die Produktion von verschiedenen Neurotransmittern ändern und somit auch in die Signalübertragung eingreifen kann.
Es wurde bereits gezeigt, dass osmotisch wirkende Laxanzien das Darmmikrobiom verändern können. Zudem ist es durch die Anwendung von Laxanzien möglich, die Epithelbarriere im Darm derart zu stören, dass das Eindringen von Mikroorganismen oder deren Neurotoxinen in das ZNS (zentrales Nervensystem) erleichtert wird. Entzündliche Prozesse z. B. sind die Folgen [2].
Umfassende Studie zum Zusammenhang zwischen Laxanzien und Demenz
In einer prospektiven Kohortenstudie mit >500000 Teilnehmern aus einer Biobank im Vereinigten Königreich wurde der Zusammenhang zwischen dem regelmäßigen Gebrauch von Abführmitteln und der Entwicklung einer Demenz untersucht. Die Teilnehmer waren zwischen 40 und 69 Jahre alt und hatten zu Beginn der Studie keine Demenzdiagnose.
Das Follow-up betrug 9,8 Jahre. Als regelmäßiger Gebrauch von Laxanzien wurde die Einnahme an den meisten Tagen der Woche in einem Zeitraum von vier Wochen deklariert. Das Auftreten einer Demenz, einer vaskulären Demenz oder einer Alzheimer-Demenz waren das Outcome. Die Daten wurden bezüglich verschiedener Störfaktoren (soziodemografische Aspekte, Lebensführung, medizinische Vorgeschichte, Familienanamnese, Medikamenteneinnahme) statistisch angepasst [2].
Laxanzien: Potenzielle neue Risikofaktoren für Demenz?
1,3% der Studienteilnehmer, die regelmäßig Abführmittel einnahmen, erhielten die Diagnose einer Demenz und nur 0,4% der Teilnehmer ohne Abführmitteleinnahme. Es errechnete sich ein signifikant erhöhtes allgemeines Demenzrisiko von 51% (HR (Hazard Ratio) 1,51). Das Risiko, dass eine vaskuläre Demenz auftritt, war dabei ebenfalls mit 65% signifikant erhöht (HR 1,65). Jedoch konnte kein bedeutsamer Zusammenhang zwischen dem Abführmittelgebrauch und einer Alzheimer-Demenz festgestellt werden (HR 1,05).
Unter den Laxanzien waren nur die osmotisch wirksamen mit einem erhöhten Risiko eine Demenz zu entwickeln assoziiert (allgemeine Demenzdiagnose HR 1,64 und vaskuläre Demenz HR 1,97). Je mehr Abführmittel miteinander kombiniert eingenommen wurden, umso mehr stieg das Risiko eine Demenz zu entwickeln an [2].
Abführmittel scheinen potenzielle Risikofaktoren für die Entwicklung einer Demenz zu sein. Das Positive an Risikofaktoren ist, dass sie vermeidbar sind. Es ist also unverkennbar, dass diese Studie einen guten Beitrag zur Demenzprävention geleistet hat. Sicherlich sind dennoch weitere Studien nötig, um eine Kausalität zwischen Laxanziengebrauch und Demenz zu beweisen, zumal hier keine randomisierte-kontrollierte Studie vorlag [3].




