Ist Therapieresistenz bei Depressionen erblich?

Daten aus einer großen Kohortenstudie legen nahe, dass eine familiäre Vorbelastung mit behandlungsresistenter Depression die Wahrscheinlichkeit für eine Therapieresistenz erhöht und zugleich ein Risikofaktor für eine erhöhte Mortalität durch Suizidalität bei den Betroffenen ist. Ferner besteht auch ein erhebliches Risiko für andere psychiatrische Erkrankungen.

Depression Genetik

Depression und Erblichkeit

Die Pathogenese schwerer Depressionen weist, wie bei vielen anderen Erkrankungen, eine genetische Komponente auf. Genomweite Assoziationsstudien (GWAS) schätzen die Erblichkeit schwerer Depressionen auf 8%, während Zwillingsstudien Werte zwischen 30-40% ergeben. Ebenso scheint das Ansprechen auf eine antidepressive Medikation erblich zu sein, was Auswirkungen auf die Behandlung hat. GWAS-Daten legen nahe, dass Patienten mit Therapieresistenz eine erhöhte Anfälligkeit für andere psychiatrische Störungen wie Schizophrenie, bipolare Störungen, Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) und Angststörungen aufweisen. Schwere depressive Episoden, insbesondere solche mit Therapieresistenz, sind mit einem erhöhten Risiko für Mortalität und im Speziellen für Mortalität durch Suizid verbunden.

Eine Studie zur Vererbbarkeit der TRD innerhalb von Familien

Eine umfassende Kohortenstudie, welche die gesamte Bevölkerung von Taiwan umfasste, untersuchten Cheng et al. die Vererbbarkeit von therapieresistenter Depression (TRD) innerhalb von Familien.  Die Forschenden prüften zudem die Koaggregation von TRD und anderen psychiatrischen Erkrankungen bei erstgradigen Verwandten und deren Einfluss auf Suizidalität. Während der Follow-Up-Phase von 15 Jahren (2003-2017) betrug die Prävalenz der TRD in Taiwan etwa 8%.

Als therapieresistent definierten die Wissenschaftler eine depressive Episode, die innerhalb von 2 Jahren mit mindestens drei verschiedenen Antidepressiva in ausreichender Dosierung und Dauer der Therapie behandelt wurde.

Es wurden die Verwandten ersten Grades von Patienten mit TRD identifiziert (n=34.467) sowie eine Kontrollgruppe generiert (n=137.868), die nach Geburtsjahr, Geschlecht und Verwandtschaftsgrad übereinstimmte und bei der keine TRD in der Verwandtschaft ersten Grades vorlag.

Neunfach erhöhtes relatives Risiko für Entwicklung einer TRD bei Verwandten ersten Grades

Nach einer modifizierten Poisson-Regressionsanalyse wurde ein angepasstes relatives Risiko (aRR) von etwa 9,16 für die Entwicklung einer TRD bei Patienten mit familiärer Vorbelastung festgestellt. Für andere psychiatrische Erkrankungen wurden folgende Risiken ermittelt:

  • etwa 2-fach erhöhtes Risiko für Autismus-Spektrum-Störungen,
  • etwa 2,5-fach erhöhtes Risiko für Schizophrenie oder ADHS,
  • etwa 3-fach erhöhtes Risiko für Angst- und Zwangsstörungen,
  • etwa 4-fach erhöhtes Risiko für bipolare Störungen und schwere depressive Störungen.

Familiäre Vorbelastung mit TRD ist ein klinischer Risikofaktor

Die Studie zeigte, dass eine familiäre Vorbelastung mit TRD ein klinischer Risikofaktor ist, insbesondere für eine Therapieresistenz, andere psychiatrische Erkrankungen und erhöhte Mortalität durch Suizidalität. Daher wird eine frühzeitige und intensivierte Therapie, wie etwa eine ergänzende Pharmakotherapie oder eine frühere nicht-medikamentöse Behandlung empfohlen, so die Autoren der Studie.

Autor:
Stand:
22.04.2024
Quelle:

Cheng, C-M. (2024): Susceptibility to Treatment-Resistant Depression Within Families. JAMA Psychiatry, DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2024.0378

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