DGN 2023: Es geht nicht ohne Prävention!

Großes, bis dato weitgehend ungenutztes Potenzial im Bereich neurodegenerativer Erkrankungen liegt bei der Prävention. Das günstige Nutzen-Risiko-Verhältnis präventiver Therapien erlaubt deren Einsatz bereits im Frühstadium und zusätzlich zu medikamentösen Therapien.

Gesunder Lebensstil

Neurodegenerative Erkrankungen sind durch eine lange Prodromalphase und späte Diagnosestellung gekennzeichnet. Am Beispiel von Alzheimer-Demenz und Parkinson machte Dr. Eva Schäffer, Fachärztin für Neurologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, deutlich, dass die hohen Prävalenzen und deren prognostizierte starke Zunahme mit einer immer größeren ökonomischen Belastung des Gesundheitssystems verbunden sind [1,2]. Daraus ergibt sich ein dringender Bedarf an präventiven und krankheitsmodifizierbaren, kostengünstigen Therapien.

Prävention ist kostengünstig und weitreichend verfügbar

Auch wenn in den kommenden Jahren große Fortschritte auf dem Gebiet krankheitsmodifizierender medikamentöser Therapien zu erwarten sind, werden diese Therapien aufgrund der hohen Kosten welt- und EU-weit nicht allen Patienten zur Verfügung stehen, so Schäffer. Präventivmaßnahmen dagegen sind kostengünstig, weitreichend verfügbar, haben nicht die für Pharmakotherapien typischen Nebenwirkungen und weisen zusätzliche positive Effekte (z.B. Verbesserung des BMI) auf.

Günstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis

Prävention ist in allen Phasen des Krankheitsverlaufs möglich. Schäffer betonte „das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Präventivmaßnahmen ist so günstig, dass sie bereits ganz früh eingesetzt werden können“. Primärprävention berücksichtigt Risikofaktoren wie Alter und Genetik und greift bereits in der gesunden Phase, um die Krankheitsentstehung zu verhindern und Inzidenzen zu reduzieren. Die Sekundärprävention in der langen Prodromalphase, d.h. vor Manifestation stark beeinträchtigender Symptome, dient vor allem der Verlangsamung der Krankheitsprogression. Tertiärprävention soll bei der klinisch manifesten Erkrankung die Lebensqualität erhöhen, Selbständigkeit erhalten und Komplikationen vermeiden. Insgesamt geht es um zwei zentrale Aspekte – Risikoreduktion zum einen und Krankheitsmodulation zum anderen. Beides gelingt durch Beeinflussung modifizierbarer Faktoren.

Modifizierbare Faktoren

Individuell beeinflussbare Faktoren betreffen vor allem den Lebensstil, wie z.B. körperliches und kognitives Training, Ernährung und Schlafdauer, aber auch endogene Faktoren wie ein Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie oder das Mikrobiom. In dem Zusammenhang wies die Neurologin auch auf die zunehmend anerkannte Bedeutung der Darm-Hirn-Achse bei neurodegenerativen Erkrankungen hin. Patienten sollten ermuntert werden, ihren Lebensstil zu ändern, und Schäffer gab Tipps, wie dies auch bei knappen zeitlichen Ressourcen in den Arztpraxen umgesetzt werden kann. So können Patienten über Flyer informiert oder auch an spezielle Beratungs- und Forschungszentren weitergeleitet werden.

Die Rolle der Umwelt bei neurodegenerativen Erkrankungen

Allgemeine externale Faktoren, denen wir mehr oder weniger ausgesetzt sind, wie Pestizide und Luftverschmutzung, lassen sich dagegen nur im großen Maßstab ändern, z.B. durch politischen Konsens. Gerade Pestizide stehen im Verdacht die Entwicklung neurodegenerativer Erkrankungen zu begünstigen. Sie sind seit einigen Jahren anerkannter Risikofaktor für die Parkinsonerkrankung und werden zu Forschungszwecken sogar eingesetzt, um Parkinson im Tiermodell auszulösen. Hier ist ein gesellschaftliches Umdenken erforderlich.

Zahlreiche Evidenzen für Wirksamkeit präventiver Maßnahmen

Für die Wirksamkeit von Präventivmaßnahmen gibt es umfassende epidemiologische, klinische und pathophysiologische Evidenzen. Regelmäßiges moderates Ausdauertraining sowie Mediterrane Diät bzw. Neue Nordische Diät sind nur zwei Möglichkeiten, die sowohl für Alzheimer als auch für Parkinson relevant und leicht adressierbar sind. Für Parkinson konnten risikoreduzierende und krankheitsmodifizierende Effekte insbesondere in den Bereichen der Tertiär- und Primärprävention gezeigt werden. Interventionsstudien im Bereich der Sekundärprävention fehlen noch.

Für Alzheimer gibt es viele Studien auch im Bereich der Sekundärprävention. Hier wurde bei Individuen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen (MCI) die Verbesserung kognitiver Funktionen und Verzögerung des kognitiven Abbaus gezeigt sowie ein reduziertes Risiko für den Übergang von MCI zu Demenz. Darüber hinaus konnte nachgewiesen werden, dass Training und Ernährung einen positiven Effekt auf alle zentralen Pathomechanismen (Proteinakkumulation, Neuroinflammation, mitochondriale Dysfunktion) wie auch auf die Neuroregeneration haben.

Ethische Aspekte

Für die Entwicklung neuer Arzneimittel und Therapien sind Studien mit Individuen in der Prodromalphase erforderlich. Dazu müssen Menschen z.B. mit ideopatischen REM-Schlaf-Verhaltensstörungen (für Parkinson) oder mit MCI (für Alzheimer) rekrutiert und über eine möglicherweise anstehende schwere Erkrankung informiert werden. Früherkennung sollte aber immer auch mit einem Angebot zur Selbstwirksamkeit (Aufklärung über Krankheitsmodulation durch sekundärpräventive Maßnahmen) einhergehen, so Schäffer. Entsprechende Therapieangebote sind daher dringend erforderlich.

Autor:
Stand:
11.01.2024
Quelle:
  1. Schäffer E. Vortrag „Es wird nicht ohne Prävention“ auf dem Presidential Symposium des DGN-Kongresses 2023, Berlin 09.11.2023
  2. Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Pressemeldung, 10.11.2023
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