DGN 2023: Herausforderung Neurodegeneration

Steigende Prävalenzen neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson sind eine Herausforderung für unsere Zukunft. Jüngste Forschungsergebnisse stimmen optimistisch, Früherkennungstests und krankheitsmodifizierende Therapien scheinen in Reichweite zu sein.

Arzt Gespraech Patient

Das Presidential Symposium mit hochkarätigen Vorträgen zu den Herausforderungen neurodegenerativer Erkrankungen bildete laut Kongress-Präsidentin Prof. Dr. Daniela Berg das Herzstück des diesjährigen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Berlin. Die Alzheimer-Demenz und Morbus Parkinson standen im Fokus der Veranstaltung, aber auch weniger häufige Erkrankungen wie die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und die Frontotemporale Demenz (FTD) waren Teil der Betrachtungen.

Alzheimer ist Erkrankung mittleren Alters

Einer der größten Risikofaktoren für neurodegenerative Erkrankungen ist das Alter, und so spiegelt sich der demografische Wandel unserer Gesellschaft auch in den stark steigenden Inzidenzen von Alzheimer-Demenz und Morbus Parkinson wider. Bis zum Jahr 2050 wird eine Verdreifachung für Alzheimer und mehr als eine Verdopplung für Parkinson erwartet [1]. Beide Erkrankungen beginnen jedoch viele Jahre vor den ersten klinisch sichtbaren Symptomen und sind deshalb keine Alterserkrankungen, so Prof. Dr. Michael Heneka, Neurowissenschaftler der Universität Luxemburg und Direktor des interdisziplinären Luxembourg Centre for Systems Biomedicine [2].

Prodromalphase und Biomarker bei neurodegenerativen Erkrankungen

Ursache fast aller neurodegenerativen Erkrankungen sind pathologische Ablagerungen fehlgefalteter Proteine, zum Teil durch Mutationen in den entsprechenden Genen vermittelt. Weitere Gemeinsamkeit neurodegenerativer Erkrankungen ist der Krankheitsbeginn in einem bestimmten Hirnareal und eine von dort ausgehende, charakteristisch verlaufende, pathologische Ausbreitung. Dieses Ausbreitungsverhalten sorgt bei allen Erkrankungen für eine lange Prodromalphase, und Jahre bis Jahrzehnte vor den ersten klinischen Symptomen kann bereits ein Anstieg bestimmter Biomarker (z.B. Amyloid β-Ablagerungen bei Alzheimer) sowie das Auftreten sogenannter Red Flags (z.B. REM-Schlafstörungen bei Parkinson) verzeichnet werden.

Mehrere Pathomechanismen zeitgleich …

Wenig ist bekannt über die zugrunde liegenden pathogenetischen Prozesse. Klar ist jedoch, verschiedene Pathomechanismen, wie z.B. Proteinablagerungen, Störungen des axonalen Transports, Änderungen des zellulären Energiehaushaltes, DNA-Defekte, RNA-Defekte, Aktivierung immunologischer Prozesse und synaptische Dysfunktion, finden zeit- und ortsgleich statt und können sich gegenseitig beeinflussen. So können Proteinaggregate vermutlich eine synaptische Dysfunktion verursachen und immunologische Prozesse die synaptische Plastizität unterdrücken. Darüber hinaus wurden direkte Interaktionen zwischen immunologischen Prozessen und dem Synapsenverlust gezeigt wie auch Interaktionen zwischen immunologischen Prozessen und Amyloid β-Ablagerungen. Heneka betonte, dass die synaptische Dysfunktion immer vor dem Zelltod kommt und damit Möglichkeiten bietet, therapeutisch einzugreifen. Diverse Marker für Synapsenstörungen befinden sich bereits in der Testung, z.B. Neurogranin und SNAP-25.

…. wie ein Staffellauf

Heneka verglich das Fortschreiten neurodegenerativer Erkrankungen mit einem Staffellauf. So führen erste Amyloid β-Ablagerungen zu immunologischen Prozessen, die wiederrum eine Störung des Energiehaushaltes hervorrufen und letztlich zu einer Neurofibrillenbildung und dem Tod des Neurons führen. Wie in einem Wettkampf mit verschiedenen Teams kann die „Staffelübergabe“, also das Anstoßen der nächsten krankhaften Veränderung, in unterschiedlichen Hirnarealen zeitgleich aber mit unterschiedlicher Geschwindigkeit ablaufen. Heneka schlussfolgerte, dass sich die Erkrankungen daher nie mit nur einem Medikament therapieren lassen, sondern eine Kombination von verschiedenen Medikamenten erforderlich ist. Dazu müsste für jeden Patienten individuell festgelegt werden, welche Hirnstruktur sich in welchem Stadium befindet.  

Gute Aussichten für neue Therapien

Bislang können die wenigsten der neurodegenerativen Erkrankungen kausal behandelt werden. Prof. Dr. Günter U. Höglinger, Klinikdirektor der Neurologischen Klinik des LMU Klinikums München sieht jedoch die Forschung auf einem guten Weg und gab sich in seinem Vortrag zu neuen verlaufsmodifizierenden Therapien optimistisch [3]. Neuartige Therapieansätze schließen unter anderem Antisense Oligonukleotide, Antikörper, anti-inflammatorische Ansätze, posttranslationale Modifikationen, anti-aggregatorische Substanzen, Mitochondrien sowie Protein-Degradation/Reparatur ein. Krankheitsmodifizierende Therapien sind in naher Zukunft realistisch, erfordern jedoch die Identifikation molekularer Zielstrukturen und eine molekular-basierte Diagnostik, so Höglinger.

Autor:
Stand:
18.12.2023
Quelle:
  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Pressemeldung, 10.11.2023
  2. Heneka M. Vortrag „Krankheitsübergreifende Mechanismen neurodegenerativer Erkrankungen“ auf dem Presidential Symposium des DGN-Kongresses 2023, Berlin 09.11.2023
  3. Höglinger G.U. Vortrag „Können wir neurogenerative Erkrankungen beeinflussen (Verlaufsmodifizierende Ansätze)“ auf dem Presidential Symposium des DGN-Kongresses 2023, Berlin 09.11.2023
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