Angesichts der zu erwartenden Zunahme von Demenz und dem Mangel an kausalen Therapien, kommt der Prävention der Erkrankung eine große Bedeutung zu. Einfach umsetzbare Präventionsmaßnahmen zum Erhalt der Kognition betreffen Ernährung und Lebensstil. Vitamin B1, auch als Thiamin bezeichnet, hat einen positiven Einfluss auf die Kognition. Das essenzielle, wasserlösliche Vitamin ist beteiligt am Energiemetabolismus und wichtig für die Synthese und Ausschüttung von Neurotransmittern.
Studienlage zum Einfluss von Thiamin auf die Kognition
Viele klinische Studien haben sich bislang vor allem mit der hochdosierten Thiamin-Gabe bei Patienten mit bereits bestehenden kognitiven Einschränkungen beschäftigt. In Dosen von 5-600 mg pro Tag verbesserte Thiamin die kognitive Funktion bei Menschen mit leichten kognitiven Einschränkungen oder Demenz sowie bei Patienten mit Alkoholabhängigkeit.
Thiamin ist in verschiedenen Nahrungsmitteln enthalten. Gute Thiamin-Quellen sind Vollkornprodukte, angereicherte Frühstückscerealien, Hülsenfrüchte und Lachs. Bislang gibt es jedoch nur wenige Daten zum Einfluss der Thiamin-Zufuhr über die Nahrung auf die Kognition bei älteren Menschen. Ein Team von Wissenschaftlern um Chengzhang Liu von der Anhui Medical University, China, wollte dies ändern und untersuchte den Zusammenhang zwischen Thiamin-Aufnahme und Kognition bei älteren, kognitiv gesunden Menschen.
Thiamin-Einfluss im Langzeitverlauf
Das Team um Liu nutzte Daten des China Health and Nutrition Survey (CHNS), einer Langzeitstudie mit Start im Jahr 1989. Bis zum Jahr 2011 wurden die Daten von etwa der Hälfte der Einwohner des Landes erfasst. In den Jahren 1997, 2000, 2004 und 2006 wurde die geistige Leistungsfähigkeit bei kognitiv gesunden Menschen ab dem 55. Lebensjahr wiederholt untersucht. In die aktuellen Auswertung von Lui et al. gingen die Daten von 3.106 Teilnehmern mit einem Durchschnittsalter von 63 Jahren ein, welche an mindestens zwei Erhebungsrunden im Rahmen des CHNS teilgenommen hatten.
Messung von Nährstoffaufnahme und Kognition
Die durchschnittliche Beobachtungsdauer lag bei 6 Jahren. Aus diesem Zeitraum wurden in jeder Umfragerunde Daten zur Nährstoffaufnahme gesammelt, ergänzt durch detaillierte Daten zur täglichen Nahrungsaufnahme an drei aufeinander folgende Tagen der Woche.
Die Kognition der Teilnehmer wurde in Telefoninterviews mithilfe des „modified Telephone Interview for Cognitive Status“ (TICSm) gemessen. Verschiedene Aufgaben des TICSm, beispielsweise von 20 an rückwärts zählen, wurden genutzt, um das verbale Gedächtnis, die Aufmerksamkeit sowie die numerische Kognition zu prüfen. Je höher die Werte im TICSm, desto besser die Kognition.
Zu viel Thiamin wirkt sich nachteilig auf Kognition aus
Im Ergebnis zeigte sich eine J-förmige Relation zwischen Vitamin B1-Aufnahme und Kognition. Die durchschnittliche Thiamin-Aufnahme lag bei 0,93 mg täglich. Der Wendepunkt in der J-Kurve lag bei 0,68 mg. Unterhalb dieser Thiamin-Menge zeigte sich keine signifikante Assoziation zur Kognition. Über dem Schwellenwert von 0,68 mg führte jede Zunahme um eine tägliche Einheit (1 mg täglich) zu einem signifikanten Abfall der Kognition um 4,24 Punkte beim globalen kognitiven Score und um 0,49 Einheiten im zusammengesetzten Score. Diese Entwicklung zeigte sich über einen Zeitraum von fünf Jahren. Der globale kognitive Score kann Werte zwischen 0-27 annehmen, so dass ein Rückgang um 4 Punkte einen Rückgang der kognitiven Funktion um etwa 15% bedeutet.
Dieser Zusammenhang zeigte sich noch stärker ausgeprägt bei Menschen mit Adipositas, Bluthochdruck und bei Nichtrauchern. Nach detaillierteren Analysen war dieser Effekt allerdings nur noch bei Menschen mit Adipositas statistisch signifikant.
Optimale Vitamin B1-Menge
Um die optimale Vitamin B1-Menge zum Erhalt der Kognition zu ermitteln, unterteilten die Forsche die tägliche Vitamin B1-Aufnahme in unterschiedliche Gruppen (0,4; 0,6; 0,8; 1,2 und 1,4 mg/Tag). Dabei ermittelten sie eine tägliche Thiamin-Zufuhr von 0,6-1 mg/Tag als optimal in Bezug auf den Erhalt der Kognition. Vergleichbare Muster zeigten sich für andere B-Vitamine (Riboflavin, Niacin) und andere Nahrungsmittel wie rotes oder verarbeitetes Fleisch.
Bezogen die Forscher weitere Variablen wie Alter, Geschlecht, Alkoholkonsum und tägliche Zufuhr von Fett, Proteinen und Kohlenhydraten mit ein, so änderten sich die Ergebnisse nicht signifikant.
Limitationen der Studie
Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, so dass keine kausalen Zusammenhänge daraus abgeleitet werden können. Weiterhin ist es durch den relative kurzen Zeitraum, in dem die Nährstoffzufuhr ermittelt wurde, möglich, dass die Daten nicht repräsentativ sind. Die Durchführung der Studie ausschließlich in China lässt eine Übertragung der Ergebnisse auf andere Länder nicht ohne Weiteres zu.
Vitamin B1-Zufuhr über die Nahrung wichtig für Kognition
In dieser Beobachtungsstudie zeigte sich eine J-förmige Relation zwischen Thiamin-Aufnahme über die Nahrung und Kognition bei älteren, kognitiv gesunden Menschen. Die optimale tägliche Vitamin B1-Zufuhr lag bei 0,60-1,00 mg. Die Autoren betonen die Bedeutung einer optimalen Thiamin-Versorgung zum Erhalt der Kognition bei älteren Menschen.





