Folgenreiche Verhaltensstörung
Die soziale Verhaltensstörung (conduct disorder [CD]) ist eine psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen, die durch ein persistentes, antisoziales Verhalten gekennzeichnet ist. Zu den Symptomen gehören aggressives Verhalten gegenüber Menschen und Tieren, Zerstörung von Eigentum, Betrug und Diebstahl sowie schwerwiegende Missachtung von Regeln. Die Störung führt zu bedeutsamen Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen.
Eine CD in der Kindheit kann darüber hinaus das Risiko für viele Problemen im Erwachsenalter erhöhen. Hierzu gehören z. B. Substanzmissbrauch, Kriminalität, niedriges Bildungsniveau, erratische Erwerbstätigkeit und schlechte körperliche Gesundheit. Kinder mit CD haben darüber hinaus ein 3-fach erhöhtes Risiko für einen vorzeitigen Tod.
Gibt es eine diagnostische Kontinuität von CD hinzu ASPD?
Es gibt die Vermutung, dass die oppositionelle Verhaltensstörung (oppositional defiant disorder [ODD]) bei jüngeren Kindern eine Vorstufe der CD sein könnte und diese wiederum der Antisozialen Persönlichkeitsstörung (antisocial personality disorder [ASPD]) bei Erwachsenen vorausgehen könnte. Gegen diese eindeutige diagnostische Kontinuität sprechen Beobachtungen, dass eine CD im Kindesalter mit einer ganzen Reihe an psychischen Erkrankungen im Erwachsenalter assoziiert sein kann. Tatsächlich gibt es aber bislang nur wenig Evidenzen zu Ursachen, Entstehung und Komorbiditäten der CD.
Große Kohortenstudie zu Assoziationen der CD
Norwegische Wissenschaftler um Erstautorin Natalia Tesli vom NORMENT Center für Mental Disorders Resaerch haben nun erstmals die assoziierten psychischen Komorbiditäten der CD bei Kindern und Jugendlichen in einer großen populationsbasierten Kohorte untersucht. Die Daten stammten aus der Norwegian Mother, Father and Child Cohort Study (MoBa), die zum Zeitpunkt der Studie Datensätze von 114.500 Kindern umfasste. Zusätzlich wurden auch die polygenetischen Risiko Scores (PRS) mit anderen psychischen Störungen verglichen sowie die Interaktionen von Umwelt und Genetik beleuchtet.
Erhebung von Daten aus Registern
Die psychischen Diagnosen der Kinder und Jugendlichen stammten aus Patientenakten des Norwegian Patient Registry (NPR). Alle Diagnosen waren von spezialisierten Zentren in Norwegen gestellt worden. Für 76.577 Kinder der MoBa-Kohorte lagen genetische Analysen vor. Um Gen-Umwelt-Interaktionen zu untersuchen, wurden Informationen zum Bildungsgrad der Eltern und zu Mobbing- und Gewalterfahrungen der Kinder mit den Diagnosen und genetischen Daten abgeglichen.
Deutliche Assoziationen mit ADHS
Insgesamt hatten 0,5% der Gesamtkohorte (598) Kinder und Jugendliche (436 Jungen, Durchschnittsalter 14,6 Jahre) eine CD-Diagnose. Unter ≥1 mentalen Komorbidität litten 64,1% der Kinder mit CD (Odds Ratio [OR] OR 15,1; p<0.001). Am häufigsten kam die ADHS als Komorbidität der CD vor (14,5% der Patienten). Am zweithäufigsten waren Entwicklungsstörungen in den Datensätzen vermerkt. Viele Kinder wiesen mehrere Komorbiditäten auf.
Genetische Ähnlichkeiten und Umwelteinflüsse
Beim Abgleich von PRS für eine Reihe von psychischen Erkrankungen fanden die Wissenschaftler signifikante Zusammenhänge zwischen CD-Diagnosen in der Kindheit und PRS für das Auftreten von disruptiven Verhaltensweisen im Erwachsenenalter. Bei CD-Diagnosen bestanden auch signifikante Assoziationen mit den PRS für ADHS, schweren Depressionen (major depressive disorders [MDD]) und Autismus-Spektrum-Störungen. Überlappungen genetischer Muster bei CD wurden mit ODD, MDD, Bipolarer Störung und Schizophrenie gefunden.
Zwischen dem Bildungsgrad der Eltern und Mobbingerfahrungen der Kinder und einer CD-Diagnose wurden Assoziationen festgestellt. Nach einer multiplen Regression hatten aber nur noch die Mobbingerfahrungen einen signifikanten Einfluss auf die CD-Diagnose.
Breitgefächertes Muster von Komorbiditäten
Die Studienergebnisse zeigen, dass im Zusammenhang mit CD im Kindesalter verschiedene psychische Komorbiditäten auftreten können. Zu diesen Komorbiditäten bestehen korrespondierende Assoziationen auf der genetischen Ebene, repräsentiert durch PRS und Überlappungen genetischer Muster. Die genetische Vulnerabilität für das Auftreten einer CD interagiert mit Umweltfaktoren, in der vorliegenden Studie vor allem Mobbingerfahrungen.
Es besteht Forschungsbedarf, um das Wissen über das Zusammenwirken von Genetik, Komorbiditäten und Umweltfaktoren in Relation zu disruptivem Verhalten bei Kindern zu vertiefen. Ein tiefgreifendes Verständnis für diese Zusammenhänger wäre von großer Bedeutung für die Prävention und eine frühzeitige Behandlung.




