Rolle des Lebensstils bei MS
Es gibt eine Reihe von Lebensstilfaktoren, die nicht nur zur Entstehung der Multiplen Sklerose (MS) beitragen können, sondern auch die Schwere der Erkrankung beeinflussen. Rauchen, beispielsweise, ist mit einer schnelleren MS-Progression, langfristig einer schlechteren kognitiven Leistung und einer vorzeitigen Mortalität assoziiert. Vitamin-D-Mangel und Adipositas tragen gleichfalls zu einem schlechteren MS-Verlauf bei.
Auf der anderen Seite wird MS-Patienten eine ausgewogene Ernährung mit spezifischen Inhaltsstoffen empfohlen, um den Krankheitsverlauf zu verbessern — wenn auch ohne solide wissenschaftliche Evidenzen. Von physischer Aktivität ist bekannt, dass sie positive Effekte auf MS-assoziierte Fatigue, die Lebensqualität (quality of life [QoL]) und die Stimmung von MS-Patienten hat
Patientenwunsch nach aktiver Beteiligung
Viele MS-Patienten möchten aktiv an Therapieentscheidungen beteiligt werden und zur Verbesserung ihrer Gesundheit beitragen. Neben der Behandlung mit krankheitsmodifizierenden Therapien ist eine Anpassung des Gesundheitsverhaltens von großer Bedeutung und das Führen eines gesunden Lebensstils scheint ein entscheidender Faktor für ein erfolgreiches Selbstmanagement zu sein.
Um die Versorgung und die aktive Beteiligung von MS-Patientenzu verbessern, hat eine Arbeitsgruppe deutscher Neurologen unter der Leitung von Prof. Dr. med. Christoph Heesen vom Universitätsklinikum Hamburg (UKE) zusammen mit der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) und anderen Kooperationspartnern das Forschungsprojekt mit interaktiver Webplattform POWER@MS ins Leben gerufen [1,2].
Erhebung von Baseline Daten
In einem ersten Schritt sollte die Studie POWER@MS1 Baseline Charakteristika und das Gesundheitsverhalten von neudiagnostizierten MS-Patienten beschreiben und untersuchen, ob es Assoziationen zwischen MS-Charakteristika, Lebensqualität, Gesundheitsverhalten und der Intention, das Gesundheitsverhalten zu optimieren, gibt. Darüber hinaus soll die laufende Multicenterstudie eine interaktive digitale Lifestyle-Management-App als Add-on zur MS-Standardbehandlung evaluieren.
In POWER@MS1 wurden 234 Teilnehmer aus 20 Studienzentren in ganz Deutschland eingeschlossen. Alle Teilnehmer waren an MS im Frühstadium erkrankt und von den behandelnden Neurologen rekrutiert worden. Die Baseline-Daten wurden von Juli 2019 bis März 2022 über Fragebögen zur Demographie, Krankheitsverlauf, Behinderungsgrad, Komorbiditäten, Gesundheitsverhalten und psychischem Befinden sowie über ein webbasiertes Screening-Tool zur gesunden Ernährung erhoben und beschreibend analysiert.
Bedarf an Stressbewältigung
Die Teilnehmer waren im Durchschnitt seit 4 Monaten an MS erkrankt. Ein Screening Tool zeigte bei 15% der Teilnehmer schwere Symptome von Angststörungen. Bessere Mittel für das Stress-Management schienen für alle Teilnehmer besonders wichtig zu sein. Fast ein Fünftel (19%) der Teilnehmer waren aktive Raucher, 16% waren adipös und 36% nicht ausreichend körperlich aktiv. Im Durchschnitt befolgten die Teilnehmer die Ernährungsempfehlungen zur Aufnahme von wichtigen Nahrungsgruppen, wie z. B. Gemüse, Obst und fettem Seefisch, nur teilweise.
Behinderungsgrad und T2-Läsionen
Höhere Behinderungsgrade (expanded disability status scale [EDSS]) waren mit einer ungefähr 20% höheren T2-Läsionslast (Rate Ratio [RR] 1,2 /p<0,001) und einer 13% höheren Rückfallrate (p=0,02) pro Grad verbunden. Nichtraucher hatten zu Krankheitsbeginn 24% weniger T2-Läsionen als aktive Raucher. Raucher pflegten zudem ungesündere Essgewohnheiten als Nichtraucher.
Höhere EDSS-Scores und ein höherer Body Mass Index (BMI) waren mit höheren Scores in der Hamburg Quality of Life in Multiple Sclerosis Scale (HAQUAMS) und damit mit einer geringeren QoL verbunden. Höhere HAQUAMS deuteten auf eine größere Intention der MS-Patienten hin, das Stressmanagement, die physische Aktivität und das Schlafverhalten zu optimieren. Auch MS-Patienten mit höheren EDSS und einer größeren Zahl von T2-Läsionen zeigten eine stärkere Intention das Stressmanagement zu verbessern.
Gesundheitsverhalten sollte verbessert werden
Die Ergebnisse weisen klar daraufhin, dass bei den neudiagnostizierten MS-Patienten in der POWER@MS1 Kohorte das Gesundheitsverhalten verbessert werden sollte. Individualisierte psychologische Beratungen zum Gesundheitsverhalten sollten ein wichtiger Bestandteil der Behandlung bei MS-Patienten im Frühstadium sein. Das gilt in besonderem Maße für Patienten mit schweren Erkrankungen.




