Geruchsstörungen: Ein oft unterschätzter Risikomarker im Alter
Mit zunehmendem Alter treten sensorische Defizite häufiger auf. Besonders die Beeinträchtigung des Geruchssinns – als olfaktorische Dysfunktion bezeichnet – wird oft übersehen, obwohl sie weltweit Millionen betrifft. Die klinische Relevanz dieses Symptoms reicht weit über den Verlust der Lebensqualität hinaus: Es gibt Hinweise, dass Riechstörungen als Prädiktoren für neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Alzheimer dienen und mit einer erhöhten Gesamtmortalität korrelieren.
Kontext der aktuellen Forschung: Wo bisherige Studien an Grenzen stießen
Obwohl frühere Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen Riechstörungen und Sterblichkeit nahelegten, blieben die zugrunde liegenden Mechanismen und mediierenden Risikofaktoren weitgehend unklar. Die hier analysierte schwedische Kohortenstudie SNAC-K (Swedish National Study on Aging and Care in Kungsholmen) zielte daher darauf ab, diesen Zusammenhang differenzierter zu untersuchen: über verschiedene Todesursachen hinweg und unter Berücksichtigung potenzieller Mediatoren wie Demenz, Gebrechlichkeit und Mangelernährung.
Assoziation zwischen Riechstörung und Mortalität: Ergebnisse aus einer zwölfjährigen Langzeitstudie
Die SNAC-K-Studie basiert auf Daten von 2.524 älteren Erwachsenen (Alter 60–99 Jahre) aus Stockholm. Die olfaktorische Leistung wurde zu Studienbeginn mittels eines sechzehnteiligen Geruchserkennungstests (Sniffin’ Sticks Odor Identification Test) erfasst. Die Mortalität wurde anhand des nationalen Sterberegisters über sechs und zwölf Jahre verfolgt. Zur Identifikation mediierender Faktoren kamen strukturierte Gleichungsmodelle zum Einsatz, die unter anderem die Entwicklung von Demenz sowie den Ernährungsstatus und die Gebrechlichkeit der Teilnehmenden berücksichtigten.
Klarer Zusammenhang zwischen Riechstörung und Sterblichkeit
Jeder zusätzliche Fehler im Geruchstest war mit einem um 6 % (6 Jahre) bzw. 5 % (12 Jahre) erhöhten Sterberisiko verbunden. Besonders ausgeprägt war der Zusammenhang bei Todesursachen durch neurodegenerative Erkrankungen: Eine schlechtere Riechleistung erhöhte das Risiko hier um bis zu 340 % innerhalb von sechs Jahren. Für respiratorische und kardiovaskuläre Todesursachen zeigte sich ein moderater Anstieg des Risikos.
Demenz, Gebrechlichkeit und Mangelernährung als Mediatoren
Die Bedeutung potenziell erklärender Faktoren (Mediatoren) wurde analysiert und ergab, dass 39 % des Zusammenhangs zwischen Riechstörung und Mortalität nach sechs Jahren durch neu auftretende Demenz (23 %), Gebrechlichkeit (11 %) und Mangelernährung (5 %) erklärbar waren. Nach zwölf Jahren blieb lediglich die Gebrechlichkeit als signifikanter Mediator bestehen (9 %). Andere Faktoren wie Depression, Diabetes oder kardiovaskuläre Erkrankungen hatten keinen relevanten mediierenden Effekt.
Limitationen der Studie
Trotz der robusten Datenbasis und der langen Nachbeobachtungszeit zeigt die Studie auch methodische Grenzen: So wurden mediierende Faktoren wie Gebrechlichkeit und Mangelernährung nur zu Beginn erhoben, während Demenz als Inzidenz betrachtet wurde. Künftige Studien sollten die Dynamik dieser Faktoren über die Zeit hinweg erfassen. Weiterhin war die Studienpopulation sehr homogen und auf Bewohner des Stockholmer Stadtteils Kungsholmen beschränkt, was die Generalisierbarkeit der Ergebnisse einschränkt.
Geruchssinn älterer Patienten systematisch prüfen
Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, olfaktorische Defizite in der geriatrischen Praxis ernst zu nehmen – nicht nur als Begleitsymptom, sondern als potenziellen Marker für erhöhte Morbidität und Mortalität. Die Erhebung der Riechfunktion könnte künftig zur Früherkennung vulnerabler Patienten beitragen. Besonders im Kontext neurodegenerativer Erkrankungen und bei gebrechlichen Patienten sollte der Geruchssinn systematisch überprüft werden.




