Hintergrund
Besonders zu Beginn der Covid-19-Pandemie bestanden Sorgen, welche Auswirkungen das globale Infektionsgeschehen auf die psychische Gesundheit nach sich ziehen würde. Befürchtet wurde eine zunehmende Anzahl von Depressionen und Angststörungen. Jetzt zeigte eine groß angelegte Übersichtsarbeit, dass die mentalen Folgen zumindest in den reicheren Ländern nur minimal sind. Der Analyse zufolge haben die coronabedingten Restriktionen nicht zu einer Zunahme von psychischen Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung geführt. Die Ergebnisse der Metaanalyse wurden im „British Medical Journal“ veröffentlicht [1].
Daten von 134 Kohortenstudien ausgewertet
Ein Team um Brett Thombs von der McGill University in Montreal untersuchte in der nach eigenen Angaben bislang umfangreichsten Metaanalyse weltweit 134 Kohortenstudien zum Thema mentale Gesundheit. Die Forschenden wählten ausschließlich Studien, die dieselben Personen während der Pandemie und in den beiden vorpandemischen Jahren (2018/19) untersucht hatten.
Die Ergebnisse wurden als standardisierte Mittelwertdifferenz (SMD) angegeben. SMD-Werte von <0,2 zeigen minimale Auswirkungen an, bei 0,2–0,5 sind diese gering ausgeprägt. SMD-Werte von 0,5¬–0,8 spiegeln einen deutlichen Effekt wider, bei ≥0,8 sind die Auswirkungen sehr groß.
Allgemeinbevölkerung zeigt große Resilienz
Für die Kohorte „Allgemeinbevölkerung“ ermittelten die Forschenden einen SMD-Wert von 0,11 für eine verschlechterte allgemeine psychische Gesundheit. Bei einem 95%-Konfidenzintervall (95%-KI) von 0,00–0,22 wurde das Signifikanzniveau knapp verfehlt. Das gleiche traf auf Angstsymptome (SMD 0,05, 95%-KI 0,04¬–0,13) zu. Depressive Beschwerden (SMD 0,12, 95%-KI 0,01–0,24) verschlechterten sich geringfügig.
In den Kohorten der Männer, jungen Erwachsenen sowie Kinder und Jugendlichen war keine Zunahme von psychischen Problemen zu verzeichnen. Selbst Menschen mit körperlichen oder psychischen Erkrankungen scheinen nicht nachweisbar unter der Pandemie gelitten zu haben.
Geringfügige Veränderungen bei Senioren, Studierenden und Frauen
Bei älteren Menschen zeigte sich ein leichter Anstieg der depressiven Symptome (SMD 0,22, 95%-KI 0,06–0,38), ebenso bei Studenten (SMD 0,14, 95%-KI 0,01–0,26).
Bei Frauen verschlechterten sich die allgemeine psychische Gesundheit (SMD 0,22, 95%-KI 0,08–0,35), Angststörungen (SMD 0,20, 95%-KI 0,12–0,29) und Depressionssymptome (SMD 0,22, 95%-KI 0,05–0,40) minimal bis geringfügig.
Stärkste Auswirkungen bei den Eltern
Die stärksten Auswirkungen verzeichneten die Forschenden in der Eltern-Kohorte. Diese wiesen leicht erhöhte Angstsymptome (SMD 0,25, 95%-KI 0,02–0,49) und eine Verschlechterung des psychischen Allgemeinbefindens (SMD 0,39, 95%-KI 0,21–0,56) auf. Das könnte auf die längeren Schulschließungen und die damit verbundenen organisatorischen Herausforderungen zurückzuführen sein.
Medizinisches Personal war besonders während der Covid-19-Pandemie gefordert. Viele beklagten den höheren Arbeitsaufwand, vor allem in den Kliniken. Für Gesundheitsdienstleistende liegen jedoch nur Berechnungen zu depressiven Symptomen vor. Diese verschlechterten sich nicht signifikant (SMD 0,11, 95%-KI 0,09–0,32).
Fazit: Verschlechterungen insgesamt nur minimal
Verschlechterungen der allgemeinen psychischen Gesundheit sowie von Angstsymptomen und Depressionen gingen in den meisten Kohorten gen Null und waren statistisch nicht signifikant; signifikante Veränderungen waren von minimaler bis geringer Größenordnung. „Unsere Studie ist bei weitem die bisher umfangreichste zur mentalen Gesundheit während Covid-19 weltweit“, sagt Erstautorin Ying Sun vom Lady Davis Institut in Montreal. „Sie zeigt, dass die Menschen generell viel widerstandsfähiger waren als das oft angenommen wurde.“
Einschränkungen der Studie
Einschränkungen der Studie bestehen in der erheblichen Heterogenität und im Risiko einer Verzerrung in vielen Studien. Zudem flossen in die Metaanalyse fast nur Studien aus Ländern mit hohem Einkommen (77%) und mittlerem Einkommen (20%) ein. Aussagen zu ärmeren Regionen sind deshalb nicht möglich. Daneben gab es keine Studien über Kinder im Alter von 0–9 Jahren.
Das Autorenteam wird die Ergebnisse ihrer systematischen Überprüfung aktualisieren und neue Studienergebnisse online stellen, sobald weitere Erkenntnisse vorliegen.




