Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2024: Angst, Depression, PTBS und Rückenschmerzen

Angststörungen, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen können Rückenschmerzen verstärken und zu ihrer Chronifizierung beitragen. Für einen guten Therapieerfolg sollten diese Erkrankung und andere psychosoziale Faktoren im Einzelfall berücksichtigt werden.

Rückenschmerzen unterer Rücken

Stimmung schlägt auf den Rücken

„Das bricht mir das Kreuz!“ Schon der Volksmund wusste, dass psychische Belastungen, Stress und Stimmungen auf den Rücken „schlagen“ können. Die Internistin und Psychotherapeutin Prof. Dr. Claudia Christ erklärte in ihrem Vortrag „Angst, Traumastörung und Depression bei Rückenschmerzpatienten“ auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag die Zusammenhänge zwischen diesen psychischen Erkrankungen und Rückenschmerzen. Dabei gab sie den Zuhörern praktische Tools für die Anamnese bei Schmerzpatienten an die Hand.

Schmerzen sind multifaktoriell bedingt

Die International Association for the Study of Pain (IASP) definierte den Begriff „Schmerz“ im Jahr 2020 neu. Die aktuelle Definition lautet: „Schmerz ist eine unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung, die mit einem tatsächlichen oder potenziellen Gewebeschaden assoziiert ist, oder dieser ähnelt.“ Chronische Schmerzen werden ab der ICD-11 nicht mehr als Symptom gewertet, sondern als eigenständige Erkrankungen klassifiziert.  Die Klassifikation umfasst als Hauptdiagnosen „Chronische primäre Schmerzen" und sechs verschiedene „Chronische sekundäre Schmerzen“.

Man geht heutzutage davon aus, dass Schmerzen multifaktoriell, biologisch, psychisch und sozial bedingt sind. In der Hausarztpraxis werden in erster Linie die biologisch-körperlichen Aspekte von Rückenschmerzen behandelt. Dennoch sollte sich der Hausarzt bewusst sein, dass nicht nur körperliche, sondern auch psychische Faktoren und die Lebenssituation des Patienten seine Schmerzen, ihre weitere Entwicklung und den Erfolg einer Schmerzbehandlung beeinflussen. Die depressive Stimmungsstörung gilt beispielsweise als einer der stärksten Prädiktoren für die Chronifizierung von Rückenschmerzen.

Körperliche Symptome psychischer Störungen

Angststörungen, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen können starke körperliche Symptome, wie Schwindel, Schwäche, Herzklopfen, Atemnot, Beklemmungen, Verspannungen und chronische Schmerzen hervorrufen.  Der Eindruck eines physischen Ursprungs dieser Symptome kann für die Betroffenen so überzeugend sein, dass sie einen Zusammenhang mit einem psychischen Problem nicht erkennen und — eventuell auch aus Angst vor Stigmatisierung — vehement verneinen. Daher empfiehlt Christ, das Wort „Psycho“ bei der Erstkonsultation in der Hausarztpraxis vorsichtig zu verwenden. Alternativ bieten sich Fragen beispielsweise nach den Lebensumständen, privaten und beruflichen Belastungen, sowie der Zufriedenheit mit der Lebenssituation an. 

Tools für die Anamnese

Die medizinische Anamnese steht in der Hausarztpraxis im Vordergrund. Um jedoch mehr über den Patienten zu erfahren, empfiehlt Christ das Balance-Modell nach Peseschkian, das neben dem Lebensbereich „Körper und Sinne“ (medizinische Anamnese), die drei weiteren Lebensbereiche „Beruf und Finanzen“, „Kontakte und Familie“ und „Werte und Normen“ (Interessen, Hobbys Engagement) erfasst. Häufig fallen dem Patienten bei diesem Gespräch selbst Faktoren in den verschiedenen Bereichen auf, die ihn belasten und eventuell auch in Zusammenhang mit seinen Rückenschmerzen stehen könnten. Hierzu gehören beispielsweise:

  • Körper und Sinne: andere Erkrankungen, iatrogene Noceboeffekte, Stress
  • Beruf und Finanzen: berufliche Belastungen, finanzielle Sorgen
  • Kontakte und Familie: private Belastung, belastende Lebenserfahrungen
  • Werte und Normen: passiver Lebensstil, Gefühle von mangelnder Selbstwirksamkeit

Patienten für psychosoziale Faktoren öffnen

Christ räumte ein, dass der Hausarzt auf viele der potenziell schmerzauslösenden oder -verstärkenden Faktoren keinen Einfluss hat. Zudem fällt die Behandlung psychischer Erkrankungen, wie Angststörungen, Depressionen und Traumafolgestörungen nicht in seinen Verantwortungsbereich. Die Ergebnisse der ganzheitlichen Anamnese in der Hausarztpraxis können die betroffenen Patienten jedoch anregen, sich auch auf der psychosozialen Unterstützung zu suchen oder Strategien zur Selbsthilfe zu entwickeln.

Medizinische Red Flags beachten!

Folgende Red Flags in der medizinischen Anamnese erfordern besondere Beachtung bevor Behandlungen eingeleitet werden:  

  • Sturz- oder Unfallanamnese
  • Malignom
  • Infektion
  • Drogenanamnese
  • Immunsuppression
  • Paresen

Multimodale Schmerztherapie

So vielfältig die Faktoren sind, die chronische Rückenschmerzen hervorrufen oder sie unterhalten, so vielfältig sollten auch die Interventionen sein. In der multimodalen Schmerztherapie gibt es neben den medizinischen auch ein breites Angebot effektiver nicht-medizinischer Interventionen, die auf den Einzelfall abgestimmt werden:

  • Aktives Zuhören des Arztes
  • Bewegung (z. B. Ausdauer- und Kraftsport, Rückengymnastik)
  • Entspannungsmethoden (z. B. progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Qigong)
  • Stressbewältigung
  • Training sozialer Kompetenzen
  • Psychotherapie
  • Lebensstiländerungen
Autor:
Stand:
22.04.2024
Quelle:
  1. Prof. Dr. Claudia Christ „Angst, Traumastörung und Depression bei Rückenschmerzpatienten“ Deutscher Schmerz- und Palliativtag der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (digital). Donnerstag, 14.März 2024
  2. International Association for the Study of Pain (IASP). Pressemeldung, 16. Juli 2020
  3. Böger at al. (2024): Neuroorthopädische Untersuchung bei chronischem Rückenschmerz. Schmerzmedizin. DOI: 10.1007/s00940-024-4664-0
  4. Peseschkian (2015): Positive Psychosomatik. Erfahrungsheilkunde; 64: 314-322 DOI: 10.1055/s-0041-109247
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