Schlaganfallprophylaxe bei MS mit Stammzellen?

Bei Multipler Sklerose besteht ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. Nachdem Stammzelltherapien bei MS und bei Schlaganfall vielversprechende Ergebnisse geliefert haben, wird diskutiert, ob sich das Schlaganfallrisiko bei MS durch Stammzellen verringern lässt.

Stammzellen 3d

Stammzellentherapien bei MS

Stammzelltherapien bei Multipler Sklerose (MS) haben das Ziel die für das Autoimmungeschehen verantwortliche Immunzellpopulation auszutauschen. Sowohl europäische als auch amerikanische Gesellschaften sehen die autologe Stammzelltransplantation (autologous hematopoetic stem cell transplantation [aHSCT]) als Option bei hochaktiver (insbesondere schubförmiger) MS mit schneller Behinderungsprogression und Versagen mindestens einer medikamentösen Immuntherapie. Solange eine deutliche entzündliche Aktivität besteht, wird ein Nutzen bei chronischen Verläufen nicht ausgeschlossen [1].

Das Potenzial von Stammzellen zur Therapie der MS gilt als hoch, wie die aktuelle S2k Leitlinie „Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen“ von 2023 bestätigt. Da eine Überlegenheit der Stammzellen gegenüber anderen Therapien vor allem unter Sicherheitsaspekten nicht klar belegt ist, empfehlen die Leitlinien die aHSCT im Rahmen von Studien durchzuführen.

Schlaganfallrisiko bei Multipler Sklerose

Gegenüber gesunden Menschen haben Patienten mit MS ein um den Faktor 6,09 erhöhtes Risiko für einen ischämischen Schlaganfall (IS) [2]. Dieses hohe Risiko wird dadurch erklärt, dass MS-Patienten häufig auch Risikofaktoren für einen Schlaganfall aufweisen, wie z. B. Adipositas in der Kindheit. Atherosklerose, Diabetes mellitus und sitzende Lebensweise. Mittlerweile gilt aber die von MS induzierte Neuroinflammation im ZNS als einer der wichtigsten Wegbereiter für einen Schlaganfall bei diesen Patienten [3].

Derzeit gibt es keine MS-Therapie, die eine Reduktion des Schlaganfallrisiko zum Ziel hat. Vor dem Hintergrund der erwiesenen antiinflammatorischen Effekte von Stammzellen im Zusammenhang mit vielversprechenden Fortschritten der Stammzelltherapie bei MS und IS wird aktuell diskutiert, ob eine frühzeitige Stammzelltherapie das Schlaganfallrisiko bei MS-Patienten verringern könnte. Ein Autorenteam um Molly Monsour vom Morsani College an der Universität von South Florida sieht in der zell-basierten regenerativen Medizin eine Chance, das Schlaganfallrisiko bei MS zu senken und hat hierzu einen Review verfasst, der einen Überblick über den aktuellen Wissenstand gibt [4].

Neuroinflammation und Schlaganfall

MS ist eine Autoimmunerkrankung, in deren Verlauf die Myelinscheiden im ZNS zerstört werden. Vorausgehen dieser Zerstörung von der aktiven MS verursachte Defekte der Blut-Hirn-Schranke (BHS), die es aktivierten Leukozyten, insbesondere Th17, und Th1, ermöglichen, das ZNS zu infiltrieren. Gemeinsam mit inflammatorischen Zytokinen, die ebenfalls die defekte BHS passieren, lösen die Leukozyten eine Neuroinflammation aus. Zusätzlich aktiviert MS die inflammatorische M1 Mikroglia und Astrozyten, die die Neuroinflammation unterhalten und verstärken.

Die Neuroinflammation führt zu Demyelinisierung, zur Zerstörung von Axonen und zum Absterben Nervenzellen. Gleichzeitig fördert das Entzündungsgeschehen eine Atherosklerose in den Hirngefäßen, die das Risiko für einen IS erhöht. Hier setzt die Idee an, dass eine frühzeitige Stammzelltherapie der MS das Schlaganfallrisiko verringern könnte.

Vorgestellter Wirkmechanismus der Stammzellen

Die Autoren schreiben, dass Stammzellen die Neuroinflammation unter Kontrolle bringen können, indem sie eine Absenkung inflammatorischer Zytokine, einen Anstieg regulatorischer T-Zellen (Treg) sowie die Aktivierung von anti-inflammatorischer M2 Mikroglia bewirken. Verbunden damit ist auch eine Wiederherstellung der BHS, die vor der erneuten Infiltration von Leukozyten und inflammatorischen Zytokinen ins ZNS schützt. Da Stammzellen aufgrund ihrer antiinflammatorischen und regenerativen Effekte bereits gute Ergebnisse bei der IS-Therapie erzielt haben, erscheint ihr Einsatz bei einem IS als Folge einer bestehenden MS den Autoren ebenfalls als vielversprechend.

Studien zur präventiven Effektivität von Stammzelltherapien

Vor dem Hintergrund der Evidenzen, die das unabhängige, antiinflammatorische Potenzial von Stammzellen sowohl bei MS als auch bei IS belegen sowie den vielversprechenden Ergebnissen von Stammzelltherapien bei beiden Erkrankungen, ist nach Ansicht der Autoren die Erforschung von Stammzelltherapien zur Prophylaxe von IS bei MD der nächste logische Schritt. Sie fordern deshalb Studien, die untersuchen, ob Stammzelltherapien bei MS tatsächlich das Potenzial haben, das hohe Schlaganfallrisiko bei diesen Patienten zu verringern. Darüber hinaus plädieren sie dafür, die Effektivität von Stammzelltherapien bei IS infolge von MS zu untersuchen.

Autor:
Stand:
04.09.2023
Quelle:
  1. Hemmer et al.(2023): Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen, S2k-Leitlinie in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie (abgerufen am 08.08.2023).
  2. Hong et al. (2019): Multiple sclerosis and stroke: a systematic review and meta-analysis. BMC Neurol. 2019;19:139. DOI:10.1186/s12883-019-1366-7
  3. Doskas et al. (2022) Stroke risk in multiple sclerosis: a critical appraisal of the literature, International Journal of Neuroscience, DOI: 10.1080/00207454.2022.2056459
  4. Monsour et al. (2023): Stem Cells Attenuate the Inflammation Crosstalk Between Ischemic Stroke and Multiple Sclerosis: A Review. Cell Transplantation. 2023;32. DOI:10.1177/09636897231184596
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