Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2020 hatte eine beachtliche moderate Effektstärke der transkraniellen Gleichstromstimulation (engl. transcranial direct current stimulation, tDCS) zur Verbesserung depressiver Symptome gezeigt, berichtete Dr. Gerrit Burkhardt von der Stimulationsambulanz der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der LMU Klinikum München [1,2]. Darum bestand eine gute Rationale, die tDCS in einer großen, multizentrischen randomisiert-kontrollierten Studie als Add-on zur Antidepressivatherapie zu untersuchen. Die tDCS ist eine relativ einfach durchzuführende nicht-invasive Stimulation, die nicht selbst zur Auslösung einer Erregung führt, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass Neurone erregt werden, moduliert.
Symptomatisch unter stabiler SSRI-Therapie
Die Einschlusskriterien für die randomisiert-kontrollierte Studie DepressionDC wurden relativ hart definiert, erläuterte Burkhardt. Daher dauerte die Rekrutierung lange. Teilnehmen konnten Patienten im Alter von 18 bis 65 Jahren mit einem Wert von mindestens 15 auf der Hamilton Rating Scale for Depression (HDRS-21) trotz Vorbehandlung mit einem selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (engl. Selective Serotonin-Reuptake-Inhibitor, SSRI) in stabiler Dosis für mindestens vier Wochen. Die Dauer der aktuellen Episode durfte nicht länger als fünf Jahre sein. Relevante psychiatrische Komorbiditäten sollten nicht vorliegen.
Patientencharakteristika
Insgesamt nahmen an acht deutschen Zentren 150 Patienten an der Stude teil. Sie wiesen ein mittleres Alter von 40 Jahren auf und hatten im Mittel sechs Jahre früher erstmals eine depressive Episode entwickelt. Die aktuelle depressive Episode hielt im Mittel bereits seit etwa zwölf Monaten an. Die meisten Teilnehmer hatten eine medikamentöse Vorbehandlung hinter sich.
Studientherapie
Alle Patienten wurden über sechs Wochen in 24 Sitzungen behandelt, die Hälfte randomisiert mit einer aktiven tDCS über 30 Minuten (bifrontal über F3/F4, Stromdichte 0,0571 mA/cm, n=77), die andere Hälfte mit einer Sham-Stimulation (nur zu Beginn und Ende jeder Sitzung geringe Stimulation, n=73). Primärer Endpunkt war der Gruppenunterschied in der Veränderung des Werts auf der Montgomery–Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) von der Ausgangsuntersuchung bis zu Woche 6.
Depressionssymptome besserten sich deutlich
In der aktiven Stimulationsgruppe nahm der MADRS-Wert über die sechs Wochen im Mittel um 8,2 Punkte ab. Die Abnahme war allerdings im Sham-Stimulationsarm vergleichbar deutlich (-8,0; p=0,85). Weder nach sechs noch nach 18 oder 30 Wochen gab es einen signifikanten Unterschied in der depressiven Symptomatik zwischen den beiden Gruppen.
Patientenberichtete Endpunkte ergaben ebenfalls keinen Anhaltspunkt für eine größere Effektivität der aktiven gegenüber der Scheinstimulation. Das Monitoring zeigte einen hohen Anteil vollständiger Stimulationen (94,8%), sodass eine nicht auseichende Stimulation in der aktiven Gruppe als Ursache für die enttäuschenden Studienergebnisse unwahrscheinlich ist.
Unerwünschte Ereignisse
Die Nebenwirkungen der Stimulationstherapie waren meist mild und traten bei aktiver Stimulation häufiger auf als bei Sham-Stimulation (60% vs. 43%; p=0,028). Meist handelte es sich laut Burkhardt um Kopfschmerzen, Brennen an den Simulationsorten oder Schlafstörungen. In einem Fall kam es zu einem manischen psychotischen Ereignis, allerdings in der Gruppe mit Sham-Stimulation. Unzumutbare Risiken der tDCS bei Depression sind damit zumindest nicht zu erwarten, meinte Burkhardt.
Ausblick
Auch für andere Anwendungsgebiete der tDCS gibt es bislang keine positiven konfirmatorischen multizentrischen Studien. Im letzten Jahr war schon eine andere deutsche multizentrische Studie zur Augmentation einer kognitiven Verhaltenstherapie mit tDCS gescheitert [4]. Dabei gehen solche multizentrischen Studien mit einem hohen Ressourcenaufwand einher, sagte Burkhardt und erklärte:
„Wir gehen mit unserer Arbeitsgruppe jetzt einen Schritt zurück.“ Es sollen zunächst Parameter für einen Therapieerfolg der Stimulation bei Depression systematisch erforscht werden, um frühzeitig nicht erfolgversprechende Therapien auszuschließen. Für vielversprechende Therapien werden dann konfirmatorische Studien angeschlossen.
Die Studie DepressionDC ist auf ClinicalTrials.gov unter der Nummer NCT02530164 registriert. Sie wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.




