Die Bewältigung von Mangelernährung bei Krebspatienten ist eine Herausforderung, die oft übersehen wird, aber schwerwiegende Auswirkungen auf die Therapieergebnisse haben kann. Dr. Carolyn Presley, außerordentliche Professorin in der Abteilung für Medizinische Onkologie/Innere Medizin am Comprehensive Cancer Center der Ohio State University und am James Cancer Hospital/Solove Research Institute, betonte in einem Gespräch mit dem International Liver Cancer Network (ILCN), dem offiziellen Nachrichtenmedium der International Association for the Study of Lung Cancer (IASLC), dass etwa 70% aller Lungenkrebspatienten im Verlauf ihrer Behandlung von Mangelernährung betroffen sein werden [1]. Diese Tatsache kann nicht nur die Lebensqualität der Patienten beeinträchtigen, sondern auch die Behandlung beeinflussen und zu schlechteren therapeutischen Ergebnissen führen.
Das Hauptthema des Gesprächs war die laufende NutriCare-Studie und die Bedeutung von Ernährung als Medizin, insbesondere im Zeitalter der Immuntherapie. Die NutriCare-Studie, die gerade die Rekrutierung für Phase II abgeschlossen hat, testet eine evidenzbasierte Ernährungsintervention, um herauszufinden, ob Nahrungsmittel den Ernährungsstatus der Patienten verbessern, behandlungsbedingte Toxizitäten reduzieren und die Lebensqualität steigern können [2].
Gruppenzuteilung: NutriCare- und NutriTool-Arm
Die Teilnehmer der NutriCare-Studie werden entweder der Interventionsgruppe (NutriCare-Arm) oder dem erweiterten Kontrollarm (NutriTool-Arm) zugeteilt. Probanden im Interventionsarm bekommen Mahlzeiten und Snacks, die direkt zu ihnen nach Hause geliefert werden, sowie regelmäßige Einzelberatungen mit einer registrierten Ernährungsberaterin. Im Gegensatz dazu erhalten Teilnehmer im erweiterten Kontrollarm ein Ernährungshandbuch mit gedruckten Aufklärungsmaterialien, jedoch keine Mahlzeiten oder persönliche Ernährungsberatung.
Um an der Studie teilnehmen zu können, müssen die Personen ein erhöhtes Risiko für Mangelernährung oder Lebensmittelunsicherheit aufweisen. Dazu gehören Patienten, die:
- wirtschaftlich benachteiligt sind (bei oder unter 130% der US-Bundesarmutsgrenze),
- einer ethnischen Minderheitenpopulation angehören,
- 65 Jahre oder älter sind,
- in ländlichen Gebieten leben (Landkreise mit weniger als 50.000 Einwohnern); oder
- keine Krankenversicherung haben.
Verbesserte Lebensqualität in der NutriCare-Gruppe
In Phase I der NutriCare-Studie wurden 127 Patienten randomisiert, die eines der Vulnerabilitätskriterien erfüllten. Dabei lag der Fokus nicht nur auf der medizinischen Behandlung, sondern auch auf der Verbesserung ihrer Lebensqualität. Die Mehrheit dieser Patienten litt an nicht kleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC), wobei die meisten sich bereits im Stadium III oder IV befanden. Die Forschenden stellten fest, dass sich die Ernährungsqualität, gemessen am Healthy Eating Index, in der NutriCare-Gruppe deutlich verbesserte. „Wir glauben, dass eine Kombination aus der Nahrung, den Motivationsinterviews und der Beratung mit dem Ernährungsberater zu dieser signifikanten Verbesserung geführt hat“, erklärte Presley.
Bei Betrachtung des Gesamtscores des Fragebogens der European Organization for the Research and Treatment of Cancer Quality of Life Group (EORTC QLQ-C30) konnten nur geringe, nicht signifikante Veränderungen festgestellt werden. Nach drei und acht Monaten war die Lebensqualität in der NutriCare-Gruppe jedoch wesentlich höher als im NutriTool-Arm, wenngleich sich die Lebensqualitätswerte in beiden Gruppen verbesserten. Das könnte teilweise darauf zurückzuführen sein, dass die Patienten mit einer Krebsbehandlung begonnen haben.
Besonders interessant sind die Teilwerte der Lebensqualitätskennzahlen. Auch wenn sich die Gesamtpunktzahl nicht wesentlich veränderte, verzeichneten die Forschenden in der NutriCare-Gruppe deutliche Verbesserungen in Bereichen wie Appetit und emotionaler Funktion, Schlaflosigkeit und Müdigkeit im Vergleich zur Kontrollgruppe.
Verkürzte Krankenhausaufenthalte
Zusätzlich fand die Forschungsgruppe heraus, dass zwar die Anzahl der Krankenhausbesuche bei den ersten 127 Probanden nicht verringert wurde, jedoch die Dauer der Krankenhausaufenthalte verkürzt werden konnte. „Wenn wir diese Krankenhausaufenthalte um zwei Tage verkürzen können, ist das großartig“, betonte Presley. Das Ziel besteht darin, die Patienten schnellstmöglich wieder in ihre vertraute Umgebung zu entlassen.
Bedeutung der Ernährung für die Immuntherapie
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Rolle der Ernährung bei der Immuntherapie. Dr. Presley betont die Verbindung zwischen Ernährung, Darmmikrobiom und Immunantwort. Die Forschung konzentriert sich darauf, wie eine gezielte Ernährung die Wirksamkeit von Immuntherapien verbessern könnte. Mögliche Ansätze wären die Förderung bestimmter Bakterienstämme im Darm mittels ballaststoffreicher Ernährung, Probiotika oder Nahrungsergänzungsmitteln, beispielsweise ein Nutrazeutikum oder eine Aminosäure.
Mikrobiom und Antibiotikaeinsatz
Besonders relevant ist die Bedeutung des Mikrobioms und die Auswirkungen von Antibiotika oder Protonenpumpenhemmern auf dieses komplexe ökologische System. Es ist bekannt, dass der Einsatz dieser Arzneimittel das Gleichgewicht des Mikrobioms stört. Antibiotika können nützliche Bakterien schädigen und gleichzeitig das Wachstum unerwünschter Bakterien fördern. Dies stellt nicht nur ein Risiko für die allgemeine Gesundheit dar, sondern kann auch die Wirksamkeit von Krebstherapien beeinträchtigen, wie Presley berichtet. „Wie viele Patienten mit Lungenkrebs erhalten mehrere Runden Antibiotika, bevor sie endgültig diagnostiziert werden, weil das, was zunächst für eine Infektion gehalten wurde, tatsächlich Krebs ist? Sie sind praktisch zum Scheitern verurteilt.“
Ernährungsempfehlungen und körperliche Aktivität bei Krebspatienten
Presley hebt außerdem hervor, dass Zucker nicht direkt Krebs verursacht und rät davon ab, während der Krebsbehandlung restriktive Diäten zu machen. Sie unterstreicht die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung, um das Körpergewicht zu erhalten oder sogar zu erhöhen, insbesondere durch den Aufbau von Muskelmasse.
Die Empfehlung, kleine und häufige Mahlzeiten zu sich zu nehmen, kann dazu beitragen, die Gesamtkalorienaufnahme zu steigern und Symptome wie Übelkeit und Magenbeschwerden zu lindern. Zusätzlich kann körperliche Aktivität einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung von Krebs-assoziierten Müdigkeitssymptomen leisten, erklärt die Onkologin. In einer nächsten Studie könnte beispielsweise untersucht werden, wie sich eine Ernährungsintervention in Kombination mit erhöhter körperlicher Aktivität auf die Gesundheit von Krebspatienten auswirkt.
Kontinuierliche Forschung zur Optimierung der Ernährungstherapie bei Krebspatienten
Insgesamt verdeutlicht die NutriCare-Studie die Bedeutung einer ganzheitlichen Behandlung von Krebspatienten, bei der Ernährung als wichtiger Faktor zur Verbesserung der Lebensqualität und der Behandlungsergebnisse betrachtet wird. Die kontinuierliche Forschung auf diesem Gebiet ist entscheidend, um maßgeschneiderte Ernährungsstrategien für Krebspatienten zu entwickeln und die Wirksamkeit der Therapie kontinuierlich zu verbessern.









