Chirurgische Komplikationen beeinflussen signifikant Morbidität und Mortalität bei HNSCC
Kopf-Hals-Tumore (head and neck squamous cell carcinoma [HNSCC]) waren 2020 die siebthäufigsten Tumore weltweit [1]. Die operative Entfernung ist eine wichtige Therapieoption für Kopf-Hals-Tumoren. Chirurgische Komplikationen beeinflussen die Morbidität und Mortalität bei HNSCC signifikant. Zudem steigt beim Auftreten von Komplikationen das Risiko, dass Patienten eine lebensnotwendige Radiatio zeitlich nach hinten verschieben müssen, was negative Auswirkungen auf ihre Prognose haben kann.
Prädiktoren für das Auftreten chirurgischer Komplikationen wären hilfreich
Prognostische Faktoren, die diejenigen Patienten identifizieren, die ein hohes Risiko für chirurgische Komplikationen aufweisen, sind nützlich für die Therapieentscheidungen und Therapiefindung, um etwaige Komplikationen möglichst zu vermeiden. Dabei könnten blutwertebasierte Biomarker eine geeignete, objektive Option zur klinischen Risikostratifizierung bieten.
Neutrophilen-Lymphozyten-Ratio als Prädiktor für perioperative Komplikationen bei diversen Tumoren
Eine Möglichkeit hierfür stellt die Neutrophilen-Lymphozyten Ratio (NLR) dar, welche mit dem Vorliegen einer systemischen Entzündung und einer schlechten onkologischen Prognose korreliert [2]. Verschiedene Studien konnten bereits zeigen, dass die NLR in der Lage ist, Patienten mit erhöhtem Risiko für perioperative Komplikationen nach Operationen solider Tumoren wie Ösophagus-Karzinom, Bronchial-Karzinom, Magen-Karzinom und kolorektalem Karzinom zu detektieren [3-6].
Retrospektive Studie untersucht NLR als Prädiktor für chirurgisches Outcome bei HNSCC
Eine Studiengruppe untersuchte nun in einer retrospektiven Studie mit 11.187 Veteranen zwischen 2000 und 2020 die NLR als prognostischen Indikator für Komplikationen bei Kopf-Hals-Tumoroperationen [7].
Die Probanden hatten ein medianes Alter von 63 Jahren und waren zu 98% Männer. Die Studie identifizierte insgesamt 8.794 (78,6%) Patienten mit einer niedrigen NLR <4,99 gegenüber 2.393 (21,4%) mit einer erhöhten NLR >4,99. Der Cutpoint der NLR wurde vom Studienteam festgelegt.
Patienten mit erhöhtem NLR waren meist älter
Die Patienten mit erhöhtem NLR waren häufig älter (p=0,003), Männer (p<0,001), weiß (p=0,005), hatten einen höheren Charlson-Komorbiditätsindex (p<0,001), eine höhere ASA-Klassifikation (p<0,001), einen höheren Risk Analysis Index (p<0,001), eher eine Neck-Dissektion erhalten (p<0,001) und erhielten eher eine neoadjuvante Chemotherapie innerhalb 30 Tage präoperativ (p<0,001) im Vergleich zu Patienten mit einer niedrigeren NLR.
Die Mortalitätsrate innerhalb von 30 Tagen betrug bei allen Patienten 1%. 13,3% der Kohorten erlitt mindestens eine postoperative Komplikation und 13,2% erhielten eine weitere Operation innerhalb von 30 Tagen.
Hohe NLR als Prädiktor erhöhter Mortalität und perioperativer Komplikationen
Die Patienten mit einer hohen NLR hatten ein erhöhtes Risiko für eine 30-Tage-Mortalität (OR [Odds Ratio] 2,12; 95% Konfidenzintervall [KI] 1,42 bis 3,16; p<0,001), hatten >1 perioperative Komplikation (OR 1,39; 95%-KI 1,22 bis 1,58; p<0,001), entwickelten vermehrt eine Sepsis (OR 1,51; 95%-KI 1,05 bis 2,17; p=0,03), Pneumonie (OR 1,58; 95%-KI 1,26 bis 1,99; p<0,001), pulmonale Embolien (OR 2,51; 95%-KI 1,17 bis 5,37; p=0,02) und hatten eher Probleme mit dem Weaning (OR 1,30; 95%-KI 1,01 bis 1,68; p=0,04) im Vergleich zu den Patienten mit einer niedrigen NLR.
Die Operation mit der höchsten Todesprävalenz innerhalb von 30 Tagen war die Oropharyngektomie (1,6%), während die kutane Exzision und die Thyreoidektomie die niedrigste Prävalenz hatten (0,6% jeweils). Die Laryngektomie hatte die höchste Prävalenz (20,2%) >1 Komplikation zu haben, während die Thyreoidektomie die geringste hatte (8,1%).
In multivariaten Analysen, die nach chirurgischen Verfahren stratifizierten, zeigte sich, dass eine hohe NLR mit einem erhöhten Risiko für Tod innerhalb von 30 Tagen postoperativ insbesondere die Laryngektomie (OR 2,41; 95%-KI 1,06 bis 5,49) und die Neck Dissektion (OR 2,53; 95%-KI 1,12 bis 5,69) betraf. Es zeigte sich, dass Patienten mit einem erhöhten NLR insbesondere bei der Laryngektomie (OR 1,54; 95%-KI 1,20 bis 1,99), Mundhöhlenoperation (OR 1,66; 95%-KI 1,29 bis 2,14), Parotidektomie (OR 2,55; 95%-KI 1,23 bis 5,29) sowie rekonstruktiver Chirurgie (OR 1,75; 95%-KI 1,11 bis 2,75) >1 postoperative Komplikation entwickelten. Diese Assoziationen blieben auch nach Adjustierung für Tumor-Charakteristika und Exklusion von Patienten, die eine neoadjuvante Chemotherapie erhielten, signifikant.
Fazit
Die NLR zeigte sich als robuster unabhängiger Prädiktor für die 30-Tage-Mortalität und dem Auftreten weiterer Komplikationen nach einer Kopf-Hals-Tumoroperation. Die NLR könnte daher in der klinischen Therapiefindung genutzt werden.







