Hochauflösende Netzhautkartierung als Biomarker für Systemerkrankungen

Forschende haben mithilfe künstlicher Intelligenz Netzhautkarten mit bislang unerreichter Präzision erstellt. Die Analyse zeigt, dass die Netzhautdicke mit einer Vielzahl systemischer Erkrankungen korreliert und als potenzieller diagnostischer Marker dienen könnte.

Auge KI

Die Netzhaut ist ein integraler Bestandteil des zentralen Nervensystems (ZNS) und ein hochspezialisiertes Gewebe, das von einer Vielzahl feinregulierter metabolischer und neurologischer Prozesse beeinflusst wird. Veränderungen in ihrer Struktur und Funktion treten nicht nur bei primär ophthalmologischen Erkrankungen wie der altersbedingten Makuladegeneration oder diabetischen Retinopathie auf, sondern sind auch mit systemischen Krankheiten wie Multipler Sklerose, Diabetes mellitus und neurodegenerativen Erkrankungen assoziiert.

Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass eine Verdünnung der Netzhaut mit einem schlechteren allgemeinen Gesundheitszustand und einem erhöhten Risiko für verschiedene systemische Erkrankungen korreliert. In einer groß angelegten Untersuchung nutzten Wissenschaftler nun künstliche Intelligenz, um Netzhautkarten mit einer bislang unerreichten Auflösung zu erstellen. Die im Fachjournal 'Nature Communications' veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass bestimmte Netzhautregionen besonders empfindlich auf systemische Krankheitsprozesse reagieren.

Hochauflösende Netzhautkartierung mit KI

Ein interdisziplinäres Forschungsteam unter Leitung des Walter and Eliza Hall Institute (WEHI), Australien, analysierte über 50.000 Netzhautscans aus der UK Biobank. Mithilfe eines KI-gestützten Algorithmus wurden Netzhautkarten erstellt. Diese enthielten über 29.000 Messpunkte pro Auge und ermöglichten eine präzise Analyse der anatomischen Strukturen.

Untersuchungsmethoden und Analyseansätze

  • Optische Kohärenztomografie (OCT): Hochauflösende Bildgebung zur detaillierten Vermessung der Netzhautdicke.
  • Künstliche Intelligenz (KI): Automatisierte Analyse zur Identifikation von Mustern und Korrelationen mit klinischen Daten.
  • Genetische Analysen: Untersuchung genetischer Variationen, die mit der Netzhautstruktur in Verbindung stehen.
  • Metabolische und hämatologische Marker: Bestimmung systemischer Biomarker zur Korrelation mit Netzhautveränderungen.

Zusammenhänge zwischen Netzhautdicke und Erkrankungen

Retinale Verdünnung als Marker für neurologische Erkrankungen

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studie ist die enge Assoziation zwischen reduzierter Netzhautdicke und Multipler Sklerose. Besonders die nasale parafoveale Region zeigte eine ausgeprägte Sensitivität für systemische Einflüsse. Die Autoren bestätigen damit frühere Studien, die OCT als potenzielles Biomarker-Verfahren zur Früherkennung und Verlaufsbeurteilung von MS betrachten.

Netzhautveränderungen bei metabolischen Erkrankungen

Die Analyse zeigte eine deutliche Assoziation zwischen einer verminderten Netzhautdicke und kardiometabolischen Krankheiten wie Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Besonders auffällig war die Korrelation mit bestimmten Metaboliten, die bereits in früheren Studien mit retinalen Erkrankungen in Verbindung gebracht wurden. Dazu gehören:

  • Lipidstoffwechsel-Produkte wie Phosphatidylcholine
  • Aminosäuren wie Arginin und Glutamin
  • Entzündungsmarker wie C-reaktives Protein (CRP)

Diese Ergebnisse legen nahe, dass metabolische Dysregulationen bereits frühzeitig strukturelle Veränderungen in der Netzhaut hervorrufen könnten, noch bevor klinische Symptome der Grunderkrankung auftreten.

Genetische und molekulare Mechanismen hinter Netzhautveränderungen

Die genetische Analyse identifizierte 294 Gene, die mit der Netzhautdicke assoziiert sind. Viele dieser Gene sind bereits aus früheren Studien bekannt und spielen eine Rolle in der Augenentwicklung, Zellmigration und Neurodegeneration. Zudem wurden vier neue genetische Loci auf dem X-Chromosom entdeckt, die bisher nicht mit retinalen Strukturen in Verbindung gebracht wurden.

Netzhautdicke als neuer diagnostischer Biomarker?

Die neuen Erkenntnisse könnten dazu beitragen, die Netzhaut als diagnostisches Fenster für systemische Erkrankungen zu etablieren. Da OCT-Scans bereits routinemäßig in der augenärztlichen Praxis eingesetzt werden, könnten diese hochauflösenden Netzhautkarten in Zukunft genutzt werden, um:

  • Frühzeitige Marker für Multiple Sklerose und andere neurodegenerative Erkrankungen zu identifizieren.
  • Subklinische Veränderungen bei Diabetes mellitus und anderen metabolischen Störungen frühzeitig zu erfassen.
  • Risikopersonen für systemische Erkrankungen durch regelmäßige Netzhautanalysen zu erkennen.

Da sich die Netzhaut nicht-invasiv und mit hoher Präzision untersuchen lässt, könnten diese Erkenntnisse langfristig zu einer stärkeren Integration der Ophthalmologie in die Präventionsmedizin führen.

Autor:
Stand:
04.03.2025
Quelle:

Jackson, V. E. et al. (2025): Multi-omic spatial effects on high-resolution AI-derived retinal thickness, Nature Communications. DOI: 10.1038/s41467-024-55635-7.

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