Zeigen Neugeborene Symptome einer bakteriellen Infektion, sollten sie leitliniengemäß innerhalb von einer Stunde nach Symptomerkennung und Entscheidung zur Behandlung eine antibiotische Therapie erhalten. Das Aminoglykosid Gentamicin stellt dabei in der Regel die erste Wahl dar, da es ein breites Bakterienspektrum erfasst und ein geringes Risiko für eine Resistenzentwicklung mit sich bringt.
Bei Neugeborenen mit der Genvariante m.1555A>G erhöht die Behandlung mit Gentamicin allerdings das Risiko, einen Hörverlust zu erleiden.
Schnelltest erkennt Genvariante m.1555A>G
Im Rahmen der prospektiven Implementationsstudie PALOH (Pharmacogenetics to Avoid Hearing Loss) entwickelte die britische Forschungsgruppe um McDermott einen POCT (Point-of-care-Schnelltest), welcher m.1555A>G erkennt, und testete diesen an zwei Zentren.
Im Gegensatz zu Laboruntersuchungen zur Genotypisierung, welche für den Akutfall aus Zeitgründen ungeeignet sind, lieferte der POCT schnelle Resultate, sodass Betroffene zeitgerecht mit einem alternativen Antibiotikum auf Cephalosporin-Basis versorgt werden konnten.
Im Rahmen des Early Value Assessment Projekts, welches darauf abzielt, vielversprechende medizinische Technologien schnell zu beurteilen und im klinischen Alltag einzusetzen, hat NICE (National Institute for Health and Care Excellence) nun eine Empfehlung zur Anwendung dieses Schnelltests bei Neugeborenen, die eine antibiotische Therapie erhalten sollen, ausgesprochen. Der POCT wird vom Unternehmen Genedrive plc herausgebracht.
Evidenz soll weiterhin gesammelt werden
NICE erklärt, dass es vor dem Genedrive-POCT keine Möglichkeit gab, die Genvariante im vorgegebenen Zeitraum von einer Stunde zu identifizieren und Betroffene mit passenden Antibiotika zu behandeln. Der Schnelltest stelle somit eine Option dar, das Risiko für einen Hörverlust frühzeitig zu erkennen, darauf zu reagieren und somit die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
In diesem Sinne wird betont, dass keine Verzögerungen in der Zeit bis zum Therapiebeginn durch den Wangenabstrich-Test in der PALOH-Studie nachgewiesen wurden. Allerdings wird darauf hingewiesen, dass 94% der Daten aus der Neugeborenen-Intensivstation eines einzigen, spezialisierten Zentrums stammten, sodass noch unklar ist, ob die Ergebnisse auch auf kleinere Häuser sowie außerhalb von Intensivstationen übertragbar sind.
Diesbezüglich soll weitere Evidenz gesammelt werden. Die individuellen Zentren sollen dabei, basierend auf dem Anteil der in der Regel mit Aminoglykosiden behandelten Babys, selbst entscheiden, welche Neugeborene getestet werden sollen.
Positive POCT-Ergebnisse durch Laboruntersuchungen bestätigen
Obwohl NICE keine Unterlegenheit der Cephalosporine gegenüber Aminoglykosiden zur Behandlung der neonatalen Sepsis sieht, wird betont, dass die Resistenzentwicklung bei der Behandlung mit Cephalosporinen ausgeprägter ist. Falsch-positive Tests könnten zur vermehrten Anwendung dieser Präparate und der Entstehung von Resistenzen beitragen.
Obwohl die Falsch-Positiv-Raten in der PALOH-Studie niedrig waren, empfiehlt NICE weiteres Monitoring der Test-Sensitivität im Real-Life-Setting durch laboratorische Überprüfung der positiven Ergebnisse.
Kosteneffizienz des Schnelltests
In England werden jährlich etwa 1.250 Babys mit der genetischen Prädisposition zur Entwicklung eines Hörverlusts im Zusammenhang mit der Einnahme von Aminoglykosiden geboren.
Angesichts der Tatsache, dass die Behandlung eines Hörverlustes mit bilateralen Cochlea-Implantaten im ersten Jahr 65.000 £ kostet, wird davon ausgegangen, dass das Anschaffen eines Genedrive-Systems mit POCT kostentechnisch effizient ist.
Weiteres Prozedere
Die Kosteneffizienz soll in vier Jahren erneut evaluiert werden, während klinische Evidenz zur Effektivität des POCT im Real-World-Setting in verschiedenen Krankenhäusern und sozioökonomischen Gruppen gesammelt wird. Ein unabhängiges Komitee des NICE wird das Genedrive-Kit dann erneut bewerten.










