Warum soll geimpft werden?
Invasive Meningokokken B (MenB)-Erkrankungen treten in Deutschland am häufigsten bei Säuglingen und Kleinkindern <5 Jahre auf. Im Mittel erkrankten in den letzten 5 Jahren vor der Coronapandemie jährlich etwa 3,5 pro 100.000 Säuglinge und 1,0 pro 100.000 Kleinkinder (Alter 1–4 Jahre). Damit ist die invasive MenB-Erkrankung zwar sehr selten, sie verläuft aber in vielen Fällen schwer. Die Letalität liegt bei ca. 8%. Bei knapp einem Viertel der Überlebenden bleiben Schäden zurück, die die Lebensqualität dauerhaft mindern. In Nachbeobachtungsstudien waren chronisches Nierenversagen (7,5%), Epilepsie und Krampfleiden (6,8%), Hörverlust (5,7%), Ataxie, Paresen und Lähmungen der Gliedmaßen (5,5%) sowie Hautnekrosen (3,5%) und negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit am häufigsten.
Auf Basis der Meldedaten erreichte die Serogruppe B im Zeitraum von 2015–2019 einen Anteil von 62% an allen invasiven Erkrankungen durch bekapselte Meningokokken. Screenings ergaben, dass bei ca. 10% der gesunden Bevölkerung eine Meningokokken-Besiedlung der Schleimhäute im Nasen-Rachenraum vorliegt [2].
Wie und womit soll geimpft werden?
Aktuell steht für die Altersgruppe der unter 5-Jährigen der MenB-Impfstoff 4CMenB mit dem Handelsnamen „Bexsero“ zur Verfügung. Da schwere Erkrankungen bereits in den ersten Lebensmonaten gehäuft auftreten, soll so früh wie möglich mit der Impfung begonnen werden. Säuglinge sollen drei Impfstoffdosen im Alter von 2, 4 und 12 Monaten erhalten. Die STIKO (Ständige Impfkommission) empfiehlt die erste und zweite Impfstoffdosis zusammen mit der 6-fach-Impfung (DTaP-IPV-Hib-HepB) und die dritte Impfstoffdosis zusammen mit dem MenC-Konjugat-Impfstoff zu verabreichen. Die Koadministration wurde untersucht und ergab keine negativen Auswirkungen auf die Wirksamkeit der Impfungen.
Bei Nachholimpfungen ab einem Alter von 2 Jahren (≥24 Monate) besteht die Impfserie gemäß Fachinformation aus nur zwei Impfstoffdosen, die in einem Mindestabstand von einem Monat verabreicht werden sollen. Eine Änderung des Impfschemas für Frühgeborene wird von der STIKO nicht empfohlen.
Die Injektionen sollen in den Musculus vastus lateralis (anterolateraler Oberschenkelmuskel) gegeben werden. Bei Injektionen von mehreren Impfstoffen auf einer Seite, soll ein Abstand von 2 cm eingehalten werden [2].
Wie wird die Wirksamkeit eingeschätzt?
Für die MenB-Impfung wurde in bevölkerungsbasierten Kohorten- und Fall-Kontrollstudien eine sehr gute Wirksamkeit bezüglich der Verhinderung invasiver MenB-Erkrankungen nachgewiesen. Für Kinder im Alter von <6 Jahren betrug diese 81% (95%-KI: 68 bis 89 %; moderates Vertrauen in die Evidenz). Aufgrund der Diversität der in Deutschland zirkulierenden MenB-Stämme und der eingeschränkten Stammabdeckung des Men-B-Impfstoffs können durch die Impfung jedoch nicht alle Men-B-Infektionen verhindert werden [4]. Auch konnte keine nachweisbare Auswirkung auf das Trägertum von B-Meningokokken festgestellt werden. Die STIKO schätzt deshalb ein, dass die MenB-Impfung zwar einen effektiven individuellen Schutz bietet, jedoch nicht vom Aufbau einer Herdenimmunität auszugehen ist [2].
Mit welchen Nebenwirkungen ist zur rechnen?
Der Impfstoff hat eine hohe Reaktogenität, wobei insbesondere mit Fieber und Schmerzen an der Einstichstelle zu rechnen ist. Deshalb wird vor allem bei Koadministration mehrerer Impfstoffe eine prophylaktische Paracetamol-Gabe empfohlen, die zeitgleich mit der Impfung oder kurz danach begonnen werden kann [1]. Besorgniserregende Sicherheitssignale seien dem Robert-Koch-Institut (RKI) nach in nationalen und internationalen Post-Marketing-Analysen nicht beobachtet worden [2].
Empfehlungen für andere Altersgruppen und Risikogruppen
Bei Kindern im Alter von 5–14 Jahren sowie bei ≥20-Jährigen sind die MenB-Inzidenzen nach wie vor deutlich geringer (0,16 bzw. 0,09 pro 100.000) als bei Säuglingen und Kleinkindern bis 4 Jahren, sodass die STIKO für diese Altersgruppe keine generelle Impfempfehlung ausspricht. Für die Altersgruppe mit dem zweithöchsten Erkrankungsgipfel (14–19-Jährige) habe man die vorliegende Evidenz, einschließlich der Epidemiologie, Modellierungsergebnisse und Aspekte zur Akzeptanz und Umsetzbarkeit ausführlich evaluiert und sei zum dem Schluss gelangt, dass man zum aktuellen Zeitpunkt keine allgemeine Empfehlung aussprechen wolle. Man werde die Lage jedoch genau beobachten und die Empfehlungen gegebenenfalls in der Zukunft anpassen. [2].
Die Empfehlung zur MenB-Indikationsimpfung für Menschen mit spezifischen Grundkrankheiten (z.B. Hypo- oder Asplenie, Eculizumab-Therapie), beruflich gefährdete Personen (z.B. Laborpersonal) sowie Reisende in Hochendemiegebiete bleibt von den aktuellen Empfehlungen unberührt [1,3]. Für Personal im Gesundheitswesen ist die Meningokokken-Impfung nicht routinemäßig empfohlen, da bei ihnen lediglich ein leicht erhöhtes Risiko gegenüber der Allgemeinbevölkerung beobachtet wurde [4].










