Hintergrund
Die Ätiologie von Lungenkrebs ist noch nicht vollständig geklärt, insbesondere was umweltbedingte oder hormonelle Risikofaktoren betrifft. Störungen des zirkadianen Rhythmus, zu denen Nachtschichtarbeit und Schlafstörungen beitragen, wurden als mögliche Ursachen für Gesundheitsstörungen einschließlich Krebs identifiziert. Es wurden bereits mehrere Mechanismen diskutiert, die Störungen des zirkadianen Rhythmus mit der Entwicklung und dem Wachstum von Krebs in Verbindung bringen, darunter die Melatonin-Physiopathologie, die Unterdrückung des Immunsystems und die Aktivierung krebsfördernder Zytokine.
Einige Studien untersuchten bereits den Zusammenhang zwischen Schlafdauer und Lungenkrebsrisiko. Hier ergab sich ein erhöhtes Risiko bei Kurz- und Langschläfern im Vergleich zu Normalschläfern mit einer Dauer von 7 bis 8 Stunden pro Tag. Diese U-förmige Assoziation konnte in anderen Studien und Metaanalysen jedoch nicht bestätigt werden. In einer Mendelschen Randomisierungsanalyse zeigte sich wiederum, dass Schlaflosigkeit mit Lungenkrebs in Verbindung gebracht werden kann.
Zielsetzung
Die Studie untersuchte daher das Lungenkrebsrisiko bei Frauen im Zusammenhang mit Nachtschichtarbeit und Schlafmerkmalen, einschließlich Schlafdauer, Schlafstörungen und Chronotyp anhand von Daten einer Fall-Kontroll-Studie. Da Tabakrauchen und Nachtschichtarbeit Schlafstörungen verstärken können, wurden auch deren Auswirkungen auf den Zusammenhang zwischen Schlafmerkmalen und Lungenkrebs untersucht.
Methodik
Die retrospektive, populationsbasierte Fall-Kontroll-Studie WELCA (Women Epidemiology Lung Cancer) schloss Lungenkrebspatientinnen und gesunde Kontrollen in einem Alter zwischen 18 und 75 Jahren ein. Geschultes Personal befragte die Teilnehmerinnen nach ihrem Schlafverhalten, Nachtschichtarbeit und Raucherstatus mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens. Eine kurze Schlafdauer war definiert als <7 Stunden/Tag, eine normale als 7 bis 7,9 Stunden/Tag und eine lange Schlafdauer als ≥8 Stunden/Tag. Weiterhin wurde der Schlaf-Chronotyp erfasst, d.h. ob die Frauen eher Morgen- oder Abendtypen waren, sowie die Dauer und die maximale Häufigkeit der Nachtschichtarbeit.
Mit diesen Angaben wurde der Schlafstörungsindex (SDI) bestimmt, ein neues Maß zur Addition schlafbezogener Störungen. Hierzu zählen Schwierigkeiten beim Einschlafen, zu frühes Aufwachen, zu müdes oder nächtliches Aufwachen und die mindestens einmalige Einnahme von Schlafmitteln. Der SDI besteht aus drei Kategorien: keine oder eine Störung beschreibt die niedrige Kategorie, zwei bis drei Störungen eine mittlere und vier oder fünf Störungen eine hohe Kategorie.
Erfasst wurden die Neudiagnosen von Lungenkrebs. Multivariable logistische Regressionsmodelle wurden zur Schätzung der Odds Ratios (OR) und der 95%-Konfidenzintervalle (CI) verwendet.
Ergebnisse
In die WELCA-Studie eingeschlossen wurden 716 Lungenkrebs-Patientinnen und 758 gesunde Probandinnen als Kontrollfälle.
Zusammenhang zwischen Schlafdauer und Lungenkrebsrisiko
Im Vergleich zu den Normalschläfern zeigten Frauen mit einer kurzen Schlafdauer einen nicht-signifikanten Anstieg des Lungenkrebsrisikos um 16% (Odds Ratio (OR): 1,16; 95%-Konfidenzintervall (KI): 0,86 bis1,56). Hingegen war bei den Langschläferinnen im Vergleich zu einer normalen Schlafdauer das Lungenkrebsrisiko signifikant um 39% erhöht (OR: 1,39; 95%-KI: 1,04 bis1,86).
Weitere Analysen bzgl. des Lungenkrebsrisikos
Insgesamt zeigte sich keine Assoziation zwischen dem Lungenkrebsrisiko und dem SDI, einer frühen Nachtarbeit oder der Dauer und Häufigkeit der Nachtschicht.
Eine Subgruppenanalyse hingegen zeigte, dass eine Nachtarbeit von ≥5 Jahren und ein aktueller positiver Raucherstatus sich auf das Lungenkrebsrisiko von Frauen mit einer kurzen bzw. langen Schlafdauer auswirken:
Eine Nachtarbeit über ≥5 Jahre war mit einem um mehr als dreifach erhöhten Lungenkrebsrisiko bei Kurzschläferinnen assoziiert (OR: 3,23; 95%-KI: 1,05 bis9,90) sowie mit einem erhöhten Risiko von 78% bei Langschläferinnen (OR: 1,78; 95%-KI: 0,53 bis5,99).
Raucherstatus
Frauen, die bei der Befragung aktuell rauchten, hatten höhere SDI-Scores und einen signifikanten Anstieg des Lungenkrebsrisikos um 88% (OR: 1,88; 95%-KI: 1,09 bis3,26) im Vergleich zu Frauen mit niedrigem SDI-Score. Ein mittlerer SDI-Score führte zu einem Anstieg des Lungenkrebsrisikos um 25% (OR: 1,25; 95%-KI: 0,78 bis2,01).
Fazit
Diese Studie liefert neue Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Störungen im zirkadianen Rhythmus und Nachtschichtarbeit mit dem Lungenkrebsrisiko von Frauen. Die Ergebnisse stimmen mit der bekannten U-förmigen Kurve überein und deuten zudem darauf hin, dass der Raucherstatus oder die Dauer der Nachtschichtarbeit den Zusammenhang zwischen Schlafstörungen und der Lungenkrebsinzidenz verändern könnte. Weitere epidemiologische Studien sind erforderlich, um die mögliche Wechselwirkung zwischen Schlafmerkmalen und Nachtschichtarbeit bei der Ätiologie von Lungenkrebs besser zu verstehen.









