Deutschland mit schwächstem Rückgang bei nichtübertragbaren Krankheiten in Europa

Die Häufigkeit von nichtübertragbaren Krankheiten (NCD) wie Krebs, Diabetes oder Herzleiden nimmt vielerorts ab. Doch Deutschland verzeichnet unter den reichen Ländern nur minimale Verbesserungen. Eine im Fachmagazin Lancet veröffentlichte Analyse zeigt, dass hierzulande nur die USA noch schlechtere Entwicklungen aufweisen.

Vorteil Therapie

London. Nichtübertragbare Krankheiten sind die führende Ursache von Tod und Behinderung. Jeder fünfte Mann und jede zehnte Frau stirbt vor dem 70. Lebensjahr an den Folgen von nichtübertragbaren Krankheiten („Non-communicable Diseases“; NCD) wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, chronischen Atemwegserkrankungen und Diabetes. Die WHO spricht von 1,8 Mio. vermeidbaren Todesfällen und jährlichen Kosten von mehr als einer halben Billion US-Dollar. Vor diesem Hintergrund hat ein internationales Forscherteam vom Imperial College London recherchiert, welche Fortschritte in 185 Ländern in den Jahren 2010 bis 2019 gemacht wurden, also dem Jahrzehnt vor der Coronapandemie.

Globaler Rückgang der NCD-Sterblichkeit

Die in The Lancet publizierte Analyse („Benchmarking progress in non-communicable diseases“) zeigt, dass sich die Wahrscheinlichkeit, zwischen Geburt und dem 80. Geburtstag an einer NCD zu sterben, in den meisten Ländern verringert hat. Bei Frauen sank sie in 152 von 185 Ländern, bei Männern in 147. Das bedeutet, dass mehr als drei Viertel der Staaten weltweit Fortschritte erzielen konnten. Besonders deutlich war der Rückgang in vielen Ländern Osteuropas, in Teilen Asiens und in einzelnen Staaten Lateinamerikas.

Die größten Verbesserungen betrafen Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einige Krebsarten. Auch chronische Atemwegserkrankungen gingen in zahlreichen Ländern zurück. Dennoch weist die Studie darauf hin, dass sich das Tempo der Fortschritte im Vergleich zum Jahrzehnt davor verlangsamte. Das Ziel der Vereinten Nationen, die vorzeitige Sterblichkeit durch NCDs bis 2030 um ein Drittel zu reduzieren, erscheint damit in weiten Teilen der Welt gefährdet.

Regionale Unterschiede: Südkorea, Norwegen und Dänemark besonders erfolgreich

Während in vielen Ländern Westeuropas, Skandinaviens und Ostasiens die Sterblichkeit durch NCDs spürbar sank, zeigen die Ergebnisse erhebliche Unterschiede zwischen den Regionen. Staaten wie Südkorea, Norwegen und Dänemark zählen zu den Ländern mit dem stärksten Rückgang. Dort ist es gelungen, durch Präventionsmaßnahmen, verbesserte Versorgung und Früherkennung die Sterblichkeit nachhaltig zu reduzieren.

In Mittel- und Osteuropa war das Ausgangsniveau der NCD-Sterblichkeit höher. Dennoch konnten zahlreiche Länder große Fortschritte erzielen, insbesondere bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In Lateinamerika und der Karibik fiel das Bild gemischter aus: Einige Länder konnten Verbesserungen verzeichnen, in anderen kam es zu einer Stagnation oder sogar zu erneuten Anstiegen bei bestimmten Krankheitsgruppen.

Deutschland: Leichter Anstieg der Sterblichkeit bei Frauen in mehreren Altersgruppen

Deutschland schneidet in der Analyse auf den ersten Blick schlecht ab. Zwischen 2010 und 2019 sank das NCD-Risiko nur minimal. Nur die USA erzielten im Untersuchungszeitraum noch geringere Fortschritte. Bei Frauen zwischen 30 und 40 Jahren sowie zwischen 65 und 75 Jahren verzeichnet die Studie sogar leichte Anstiege der NCD-Sterblichkeit, vor allem durch Lungenkrebs und Demenz. Damit unterscheidet sich Deutschland deutlich von vielen anderen europäischen Ländern, die in diesen Bereichen Fortschritte erzielen konnten.

Gründe für geringeren Fortschritt beim Kampf gegen NCD in Deutschland

Die Studie verweist auf mehrere Faktoren, die die geringe Verbesserung in Deutschland erklären. Ein wesentlicher Punkt ist die Entwicklung bestimmter Krankheitsbilder, die in anderen Ländern stärker zurückgedrängt werden konnten. Dazu zählt insbesondere Lungenkrebs, der hierzulande bei Frauen weiterhin an Bedeutung gewinnt. Auch die wachsende Zahl von Demenzerkrankungen trägt dazu bei, dass die Mortalitätszahlen stagnieren oder steigen.

Hinzu kommt, dass sich der Rückgang insgesamt verlangsamt hat. Während im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ein deutlicher Abwärtstrend zu verzeichnen war, hat dieser Schwung zwischen 2010 und 2019 nachgelassen. Die Forscher sehen darin ein Anzeichen, dass bestehende Maßnahmen ihre Grenzen erreicht haben und zusätzliche Strategien erforderlich sind.

Mehr Prävention und Früherkennung könnte Mortalitätsrisiko senken

Experten weisen darauf hin, dass Deutschland stärker in Prävention und Früherkennung investieren muss, wenn die NCD-Sterblichkeit weiter verringert werden soll. Maßnahmen zur Tabakkontrolle und zur Reduktion weiterer Risikofaktoren wie Übergewicht und Bluthochdruck könnten entscheidend sein, um das Mortalitätsrisiko zu senken. Darüber hinaus sei ein besserer Zugang zu Diagnostik und Behandlung notwendig, insbesondere in ländlichen Regionen und für vulnerable Bevölkerungsgruppen.

Auch der Umgang mit demenzbedingten Todesfällen wird zunehmend zur Herausforderung. Da die Bevölkerung altert, ist mit einer weiteren Zunahme dieser Erkrankungen zu rechnen. Strategien, die frühzeitige Diagnosen und eine umfassende Versorgung sicherstellen, könnten die Entwicklung bremsen.

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