Nutzung sozialer Medien bei Jugendlichen mit und ohne psychische Erkrankungen

Eine britische Studie untersucht erstmals umfassend, wie sich die Nutzung sozialer Medien bei Jugendlichen mit und ohne psychische Erkrankungen unterscheidet. Die Ergebnisse liefern wichtige Anhaltspunkte für eine differenzierte Betrachtung in Praxis und Forschung.

Maedchen Smartphone

Zunehmende psychische Belastung im Jugendalter – eine digitale Dimension?

Die psychische Gesundheit Jugendlicher hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. In Großbritannien wird ein signifikanter Anstieg psychischer Störungen  bei Jugendlichen beobachtet. Parallel dazu nimmt die Nutzung sozialer Medien rasant zu – eine Entwicklung, die potenzielle Wechselwirkungen nahelegt.

Studienlage zur Rolle sozialer Medien bleibt uneinheitlich

Zahlreiche Studien untersuchen mögliche Zusammenhänge zwischen Social-Media-Nutzung und psychischen Beschwerden wie Depressionen, Angststörungen oder Essstörungen. Viele dieser Untersuchungen beruhen jedoch auf methodisch eingeschränkten Designs oder basieren ausschließlich auf Selbstauskünften gesunder Jugendlicher. Klinische Stichproben wurden bislang kaum systematisch analysiert.

Neue Einblicke durch die MHCYP-Studie aus Großbritannien

Die Studie von Fassi et al. schließt diese Lücke und nutzt Daten der britischen "Mental Health of Children and Young People"-Erhebung (MHCYP). Anhand diagnostischer Interviews mit über 3.000 Jugendlichen im Alter von 11 bis 19 Jahren analysiert sie Unterschiede im Nutzungsverhalten sozialer Medien zwischen klinisch belasteten und unauffälligen Jugendlichen. Dabei wird zwischen internalisierenden (z. B. Depression, Angst) und externalisierenden Störungen (z. B. ADHS ) unterschieden.

Social-Media-Verhalten differenziert analysiert

Neben der täglichen Nutzungsdauer flossen auch qualitative Aspekte in die Auswertung ein – etwa der Grad des sozialen Vergleichs, die Sensitivität gegenüber Online-Feedback, die Freundschaftsqualität oder das Ausmaß an Selbstoffenbarung. So entsteht ein vielschichtiges Bild der Social-Media-Nutzung im Jugendalter.

Klinisches Profil beeinflusst digitale Nutzungsmuster

Jugendliche mit psychischen Erkrankungen verbringen nicht nur signifikant mehr Zeit auf sozialen Medien, sondern zeigen auch stärker ausgeprägte Tendenzen zu negativem Vergleichsverhalten und erhöhter Feedbacksensitivität. Besonders deutlich treten diese Muster bei internalisierenden Störungen auf: Die Betroffenen empfinden etwas die Anzahl ihrer Online-Freunde häufiger als unzureichend und vergleichen sich vermehrt mit anderen. Bei externalisierenden Störungen zeigt sich eine längere Nutzungsdauer, jedoch weniger ausgeprägte qualitative Unterschiede.

Wichtige Erkenntnisse für Prävention und Versorgung

Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass psychisch belastete Jugendliche soziale Medien nicht nur intensiver, sondern auch auf problematischere Weise nutzen. Daraus ergeben sich potenzielle Ansatzpunkte für gezielte Interventionen, beispielweise zur Förderung digitaler Resilienz oder für diagnostische Verfahren im Rahmen präventiver Versorgung. Wissenschaftlich bedeutsam ist die methodische Stärke der Studie, die auf standardisierten Diagnosen und einer differenzierten Erhebung des Medienverhaltens beruht.

Besonders anfällig für negative Online-Erfahrungen

„Die Studie zeigt, dass Jugendliche mit psychischen Erkrankungen empfänglicher für negative Wirkungen sozialer Medien sind – zum Beispiel durch verstärkten sozialen Vergleich oder emotionale Reaktionen auf Online-Feedback. Diese Mechanismen können bestehende Symptome wie Selbstwertprobleme oder Rückzugstendenzen verstärken. Ein unreflektierter oder exzessiver Konsum kann dadurch zur Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens beitragen“, so das Fazit von Dr. Anne Kaman in einer Meldung des Science Media Centers. Kaman ist stellvertretende Leiterin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Forschungssektion Child Public Health, am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Perspektiven für therapeutische Nutzung sozialer Medien

Soziale Medien sollten nicht grundsätzlich problematisiert werden – vielmehr gilt es, individuelle psychische Voraussetzungen der Nutzer stärker zu berücksichtigen. Künftige Studien sollten die komplexen Wechselwirkungen zwischen digitalem Verhalten und psychischer Gesundheit langfristig untersuchen – einschließlich der Frage, ob und wie soziale Medien gezielt für therapeutische Zwecke genutzt werden können.

Autor:
Stand:
11.06.2025
Quelle:

Fassi et al. (2025). Social media use in adolescents with and without mental health conditions. Nature Human Behaviour, DOI: 10.1038/s41562-025-02134-4.

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