Mehr als Standardtherapie: Personalisierte Therapieansätze bei affektiven Störungen

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Die Zwölf-Monats-Prävalenz liegt bei knapp 8 % und die Folgen sind für Betroffene und das Gesundheitssystem erheblich: Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und soziale Teilhabe sind stark beeinträchtigt. In der Praxis sehen wir häufig Patient:innen, die auf standardisierte Therapien nur eingeschränkt ansprechen oder Behandlungen vorzeitig abbrechen. Klassische „Trial-and-Error“-Ansätze sind daher oft unzureichend. Personalisiertes Vorgehen kann hier entscheidend sein: Es richtet Behandlungsauswahl, Intensität und Verlaufskontrolle an den individuellen Merkmalen, Präferenzen und Lebensumständen der Patient:innen aus.

Auswahl

Ziele und Werte klären: Der Ausgangspunkt für jede Behandlung

Zu Beginn jeder Behandlung lohnt sich eine strukturierte, kurze Erhebung der Patient:innenperspektive:

  • Welche Beschwerden schränken den Alltag am meisten ein?
  • Geht es primär um Symptomreduktion, Funktionsverbesserung oder Rückfallprophylaxe?
  • Welche Erfahrungen mit Therapien liegen vor – positiv wie negativ?

Diese Orientierung schafft eine gemeinsame Basis. Shared Decision Making stärkt Adhärenz und Wirksamkeit: Patient:innen, die Gründe für Interventionen nachvollziehen und aktiv an der Therapieplanung beteiligt sind, bleiben häufiger dran und fühlen sich sicherer im Umgang mit der Erkrankung.

Matching: Patient:in und Therapieform müssen passen

Nicht jede Intervention passt für jede Person. Eine individualisierte Auswahl berücksichtigt:

Pharmakotherapie

Antidepressiva wirken nachweislich, unterscheiden sich aber deutlich in ihren Nebenwirkungsprofilen. Trizyklische Antidepressiva können unter anderem zu Gewichtszunahme sowie kardiovaskulären Effekten wie Blutdruck- oder Herzfrequenzveränderungen führen. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind demgegenüber häufig metabolisch günstiger, gehen jedoch nicht selten mit sexuellen Funktionsstörungen einher, die für viele Patient:innen eine relevante Belastung darstellen und die Therapietreue beeinflussen können. 

Alter, Ausgangsgewicht, Begleiterkrankungen oder Leberfunktion beeinflussen, welche Substanz im individuellen Fall sinnvoll ist. Pharmakogenetische Marker können zusätzliche Orientierung bieten, wenn Unsicherheiten bei Metabolisierung und Dosierung bestehen. Für das individuelle Patientenmatching stehen damit unterschiedliche pharmakologische Therapieoptionen mit jeweils spezifischen Wirk- und Nebenwirkungsprofilen zur Verfügung.

Johanniskraut – leitliniengerechtes pflanzliches Antidepressivum

Neben synthetischen Antidepressiva umfasst das pharmakoloische Behandlungsspektrum auch pflanzliche Antidepressiva. Für leichte und mittelgradige depressive Episoden sieht die S3-Leitlinie Unipolare Depression für diese Indikation zugelassene Johanniskrauthaltige pflanzliche Arzneimittel als gleichwertige pharmakologische Therapieoption vor. Wie bei allen Antidepressiva sind mögliche Interaktionen ärztlich zu prüfen. Studien belegen eine gute Wirksamkeit und Verträglichkeit; typische Absetzsymptome, wie sie bei anderen Antidepressiva vorkommen können, sind für Johanniskraut nicht bekannt. Im Rahmen des Patientenmatchings kann Johanniskraut insbesondere für Patient:innen mit Vorbehalten gegenüber synthetischen Antidepressiva eine gut akzeptierte Behandlungsoption darstellen und so den Einstieg in eine leitliniengerechte Pharmakotherapie erleichtern.

Psychotherapie

Auch psychotherapeutische Verfahren sollten gezielt ausgewählt werden. Kognitive Verhaltenstherapie adressiert häufig negative Denkmuster während Verhaltensaktivierung sich auf Aktivitäts- und Motivationsdefizite konzentriert. Interpersonelle Therapie fokussiert soziale Beziehungen und belastende Interaktionen, während kurzzeitige psychodynamische Psychotherapie Einsichten in unbewusste Prozesse und frühkindliche Bindungserfahrungen fördert. Modular aufgebaute Therapieansätze erlauben eine flexible Kombination der Interventionen, zugeschnitten auf die individuellen Problemlagen.

Praxis-Checkliste für Therapie-Matching
  • Dominierende Symptome, wie Antrieb, Stimmung, Schlaf und soziale Interaktion, identifizieren.
  • Somatische Vorerkrankungen, Risikoprofile und Medikamentenverträglichkeit prüfen.
  • Frühere Therapieerfahrungen berücksichtigen.
  • Patient:innenpräferenzen für Therapieformat klären: Face-to-Face, digital oder doch eine Selbsthilfe-Gruppe?
  • Ziele gemeinsam vereinbaren und dokumentieren.

Low-Barrier-Bausteine: Digitale Interventionen

Nicht alle Patient:innen sind sofort bereit für eine Psychotherapie oder möchten direkt eine medikamentöse Behandlung beginnen. Niedrigschwellige Angebote können den Einstieg erleichtern oder eine Überbrückung darstellen – insbesondere bei leichten depressiven Episoden.

Internetbasierte Interventionen wie Selfapy, deprexis oder moodgym zeigen in Studien moderate Effekte bei leichten bis mäßigen Depressionen. Sie vermitteln Psychoedukation, kognitive Strategien und Verhaltensaktivierung über acht bis zwölf Wochen – flexibel, ortsunabhängig und mit guter Akzeptanz.

Solche digitalen Programme können Patient:innen erste Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen und motivieren, weitere Schritte im Behandlungsprozess zu gehen.

Schnittstellen gestalten: Therapiebausteine sinnvoll kombinieren

Eine einzelne Therapieform reicht häufig nicht aus. Wirksam ist oft die gezielte Kombination aus Psychotherapie, Pharmakotherapie und digitalen oder niedrigschwelligen Angeboten.

Ein Beispiel: Eine Patientin mit mittelschwerer Depression beginnt mit Online Modulen zur Aktivierung, erhält parallel ein Antidepressivum und besucht wöchentliche psychotherapeutische Sitzungen. Regelmäßiges Monitoring identifiziert früh, welche Bausteine wirken.

Entscheidend für Hausärzt:innen: Diese Schnittstellenplanung erfordert klare Kommunikation zwischen allen Beteiligten (Ärzt:in, Therapeut:in und Patient:in). Eine aktive Einbindung der Patient:innen durch gemeinsame Zielvereinbarungen und transparente Rückmeldungen zu Symptomen und Nebenwirkungen sowie die flexible Anpassung der Intensität erhöhen die Wirksamkeit. Zudem können so mögliche Barrieren wie Abbruchrisiko oder fehlende Motivation früh adressiert werden.

Messbare Ziele & kontinuierliches Monitoring

Routine Outcome Monitoring (ROM) bietet einen systematischen Rahmen, den Therapieverlauf messbar zu machen. Selbst kurze, wiederholte Erhebungen mit Instrumenten wie dem Beck-Depressionsinventar ermöglichen die frühzeitige Identifikation von Non-Respondern oder Patient:innen mit hohem Abbruchrisiko. Dies erlaubt zeitnahe Kurskorrekturen, wie einen Wechsel der Therapieform, Anpassung der Medikamentendosis oder Integration ergänzender Module.

Zudem unterstützen digitale Tools, etwa Apps oder webbasierte Fragebögen, das kontinuierliche Monitoring. Sie liefern schnelle Rückmeldungen zu Stimmung, Schlaf und Aktivität, die sowohl Ärzt:innen als auch Patient:innen transparent machen, ob die Therapie wirkt.

Outcome-Orientierung in der Praxis
  • Depressionsscore zu Beginn und als Zwischen- und Endpunkt erfassen.
  • Frühwarnindikatoren für Abbruch oder mangelnde Wirkung erkennen.
  • Therapieanpassungen dokumentieren und besprechen.
  • Shared Decision Making bei Kurskorrekturen konsequent anwenden.

Rezidivschutz planen: Stabil bleiben, bevor der Rückfall droht

Die Rückfallquote nach depressiven Episoden ist hoch. Strategien für Rezidivschutz sollten bereits zu Beginn der Behandlung in Betracht gezogen werden. Dazu zählen: Booster-Sitzungen, Selbstmanagementmodule oder auch die Aktivierung sozialer Ressourcen. Auch pharmakologische Langzeitstrategien müssen individuell auf Risiko, Wirksamkeit und Verträglichkeit abgestimmt sein. Integrierte Konzepte, die digitale Tools, psychoedukative Elemente und modulare Therapiebausteine kombinieren, erhöhen die Wahrscheinlichkeit nachhaltiger Stabilität.

Take-home-Impulse für die Praxis

  • Individualisierung steigert Wirkung und Adhärenz: Patient:innen, Symptome, Komorbiditäten und Präferenzen systematisch erfassen.
  • Shared Decision Making ist entscheidend: Ziele klären, Therapieoptionen gemeinsam abwägen, Entscheidungen dokumentieren.
  • Low-Intensity-Optionen nutzen: Digitale Programme ergänzen das Behandlungsspektrum, ärztlich begleitet.
  • Monitoring standardisieren: Scores, Apps oder ROM zur Verlaufsbeobachtung nutzen, Kurskorrektur zeitnah einleiten.
  • Rezidivprävention integrieren: Frühzeitige Planung von Langzeitstrategien, Booster-Sessions und Selbstmanagementmodulen erhöhen Stabilität.
  • Schnittstellen aktiv gestalten: Kombinationen aus Psychotherapie, Pharmakotherapie und digitalen Bausteinen systematisch planen und dokumentieren, Kommunikation zwischen allen Beteiligten sicherstellen.

Mit diesem Ansatz können Sie Patient:innen in der Sprechstunde individuell, effektiv und nachhaltig begleiten und gleichzeitig Therapieadhärenz, Wirksamkeit und Patient:innenzufriedenheit steigern.

Weitere Informationen zur Veranstaltung Spektrum Depression sowie weitere begleitende Fachartikel.

 

Autor:
Stand:
27.03.2026
Quelle:
  1. Brakemeier und Herpertz (2019): Innovative Psychotherapieforschung: auf dem Weg zu einer evidenz- und prozessbasierten individualisierten und modularen Psychotherapie. Der Nervenarzt, DOI: 10.1007/s00115-019-00808-9.
  2. Moggia et al. (2024): Treatment Personalization and Precision Mental Health Care: Where are we and where do we want to go? Administration and Policy in Mental Health and Mental Health Services Research, DOI: 10.1007/s10488-024-01407-w.
  3. Pillinger et al. (2025): The effects of antidepressants on cardiometabolic and other physiological parameters: a systematic review and network meta-analysis. The Lancet, DOI: 10.1016/ S0140-6736(25)01293-0.
  4. Comai et al. (2025): Moving toward precision and personalized treatment strategies in psychiatry. International Journal of Neuropsychopharmacology, DOI: 10.1093/ijnp/pyaf025.
  5. Driessen et al. (2025): Developing a multivariable prediction model to support personalized selection among five major empirically-supported treatments for adult depression. Study protocol of a systematic review and individual participant data network meta-analysis. Plos One, DOI: 10.1371/journal.pone.0322124.
  6. Haaf et al. (2024): Wirksamkeit in Deutschland verfügbarer internetbasierter Interventionen für Depressionen - ein systematisches Review mit Metaanalyse. Der Nervenarzt, DOI: 10.1007/s00115-023-01587-0.
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