Aktueller Stand zu Biomarkern bei psychiatrischen Erkrankungen
Affektive und psychotische Erkrankungen gehören weltweit zu den häufigsten und folgenschwersten psychiatrischen Störungsbildern. Schwere Depressionen (major depressive disorder, MDD) sind global weit verbreitet und trotz verfügbarer Therapien entwickeln etwa 30 % der Betroffenen eine therapieresistente Symptomatik und 15 % zeigen einen chronischen Verlauf. Die klinische Diagnostik bleibt anspruchsvoll, da Symptome verschiedener Erkrankungen – etwa MDD, Schizophrenie (SCZ) oder bipolarer Störungen (BD) – überlappen.
Während neurodegenerative Erkrankungen inzwischen durch Liquor-Biomarker teils differenzierbar sind, fehlen für primär psychiatrische Erkrankungen bislang validierte Biomarker.
Relevanz synaptischer Dysfunktion bei psychiatrischen Erkrankungen
Synaptische Veränderungen – etwa eine reduzierte synaptische Dichte im präfrontalen Kortex und die Dysregulation präsynaptischer Proteine – werden bei MDD und SCZ diskutiert. Proteomische Studien zeigten bereits Hinweise auf verminderte synaptische Proteinexpression im Liquor bei MDD, einschließlich Neurexin-3 (NRXN3) und dem synaptischen Protein SNAP-25 (Synaptosom-assoziiertes Protein 25). Eine neue Studie der Universitätsmedizin Halle adressiert zentrale offene Fragen zur Biomarker-Diagnostik bei MDD, SCZ und BD.
Biomarker-Studie bei Depressionen, Schizophrenie und bipolaren Störungen
Die retrospektive Analyse umfasste 208 Personen (100 mit MDD, 54 mit SCZ, 25 mit BD und 29 gesunde Kontrollen [HC]). Alle Teilnehmer erhielten eine standardisierte Liquordiagnostik, wobei Fälle mit entzündlichen oder neurodegenerativen Veränderungen ausgeschlossen wurden. Darüber hinaus wurden neben SNAP-25 weitere synaptische Proteine (NRXN3, NRGN) und Alzheimer-Marker (Aβ42/40, Tau-Varianten, NfL) bestimmt. Die Auswertung erfolgte mittels nichtparametrische Tests und ROC-Analysen.
Verminderte SNAP-25-Spiegel bei MDD und SCZ
Die Studie zeigt, dass SNAP-25 im Liquor sowohl bei MDD als auch bei SCZ signifikant erniedrigt ist.
- MDD vs. HC: Sensitivität 68 %, Spezifität 67 %
- SCZ vs. HC: Sensitivität 64 %, Spezifität 77 %.
Damit besitzt SNAP-25 ein moderates, jedoch klinisch relevantes diagnostisches Potenzial. NRXN3 und NRGN zeigten ebenfalls Tendenzen zu niedrigeren Werten, jedoch mit geringerer diagnostischer Präzision.
Biomarker unabhängig von Medikation und Erkrankungsschwere
Wichtige praktische Erkenntnisse der Studie sind:
- Keine Korrelation zwischen SNAP-25-Spiegeln und Dosierung von SSRIs oder Antipsychotika.
- Keine Unterschiede zwischen moderaten, schweren und psychotischen depressiven Episoden.
- Keine Assoziation mit MADRS-(Montgomery-Åsberg Depression Scale-)Scores.
Synaptische Marker im Kontext neurodegenerativer Biomarker
Die Studie verglich auch die Dynamik synaptischer Marker und von Biomarkern der Neurodegeneration. Hier stellen sich die Befunde wie folgt dar:
- Absolutwerte von Aβ42, Aβ40, Tau und p-Tau waren bei MDD und SCZ niedriger als bei HCs, jedoch innerhalb physiologischer Grenzen.
- Verhältnisse verschiedener Biomarker der Neurodegeneration (Aβ42/40, Aβ42/p-Tau) zeigten keine pathologischen Veränderungen.
Dies spricht für subtile, nicht-neurodegenerative Veränderungen, möglicherweise im Sinne einer molekularen Dysregulation synaptischer Prozesse – ohne strukturelle Degeneration.
Reduzierte SNAP-25-Level im Liquor bei MDD und Schizophrenie
Die Studie zeigt konsistent erniedrigte SNAP-25-Spiegel im Liquor bei MDD und Schizophrenie und unterstreicht deren potenziellen Nutzen als Biomarker synaptischer Dysfunktion. Obwohl keine unmittelbare Anwendung in der Routinediagnostik ableitbar ist, stellen diese Erkenntnisse einen wichtigen Schritt hin zu einer biologisch fundierten Diagnostik affektiver und psychotischer Erkrankungen dar.
Weiterentwicklung und Forschung zu SNAP-25
Größere multizentrische Studien sind notwendig, um die klinische Bedeutung von SNAP-25 besser einordnen zu können. Weiterhin ist der Nachweis von Biomarkern im Liquor bei Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen wenig praktikabel.
„Eine Lumbalpunktion würde man weder bei Verdacht auf psychiatrische Erkrankungen noch zur alleinigen Verlaufskontrolle bei Patient:innen durchführen, denen es ansonsten gut geht. Die Entwicklung eines minimalinvasiven Bluttests dafür wäre sinnvoller. Daran arbeiten wir aktuell im Rahmen eines neuen, von der EU geförderten Projekts“, so Prof. Dr. Markus Otto, Letztautor der Studie und Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Neurologie an der Universitätsmedizin Halle in einer Pressemeldung der Universität.
Die aktuelle Studie wurde im Rahmen des Netzwerks zur europäischen Förderung der neurowissenschaftlichen Forschung (ERA-NET NEURON) und des Programms Horizon Europe unterstützt.











