Relevanz der Impfprophylaxe bei iRMD
Menschen mit entzündlich-rheumatischen und muskuloskelettalen Erkrankungen (iRMD) sind aufgrund der zugrunde liegenden Autoimmunität sowie häufig eingesetzter immunsuppressiver Therapien besonders infektionsgefährdet. Die Ständige Impfkommission empfiehlt daher die jährliche Influenza-Impfung sowie eine Pneumokokken-Impfung für alle iRMD-Betroffenen ab dem 50. Lebensjahr. Dennoch zeigen Versorgungsanalysen, dass diese Empfehlungen in der Praxis oft nicht umgesetzt werden. Die Ursachen dafür waren bislang nur unzureichend verstanden.
Zielsetzung und Studiendesign des VAC-MAC-Projekts
Die vorliegende Untersuchung im Rahmen des VAC-MAC-Projekts (VACcination of MS/Arthritis/Colitis Patients) zielte darauf ab, Barrieren und förderliche Faktoren der Impfbereitschaft bei Patienten mit rheumatoider Arthritis (RA), axialer Spondyloarthritis (axSpA) und systemischem Lupus erythematodes (SLE) zu identifizieren.
Hierzu wurden GKV-Abrechnungsdaten von rund neun Millionen Versicherten aus den Jahren 2013 bis 2021 quantitativ untersucht. Die Analyse umfasste die Gesamtkohorte sowie eine Untergruppe von neu geimpften Patienten. Als ungeimpft wurden solche Patienten betrachtet, die drei oder mehr Saisons keine Impfung erhielten und zwischen dem 3. Quartal 2019 und dem 2. Quartal 2020 erstmalig gegen Influenza geimpft wurden.
Zusätzlich wurden qualitative Interviews mit 30 Patienten, Rheumatologen und Erstversorgern durchgeführt.
Impfquoten und Determinanten der Impfbereitschaft
Von insgesamt 229.913 iRMD-Patienten im Jahr 2019 (73 % weiblich, mittleres Alter: 66 Jahre) erhielten lediglich 37 % eine Influenza-Impfung. Die Impfquote stieg mit dem Alter – auf 41,6 % bei ≥ 50-Jährigen und 47 % bei ≥ 60-Jährigen. Deutlich niedriger lag die Pneumokokken-Impfquote mit nur 6,0 % in der Gesamtgruppe und 8,2 % bei ≥ 60-Jährigen.
Die quantitative Analyse zeigte: Höheres Alter, häufige Arztbesuche, eine hohe Komorbiditätslast, eine Betreuung durch impfaffine Ärzte sowie ein Wohnsitz in Ostdeutschland waren signifikant mit einer höheren Impfquote assoziiert.
Subjektive Barrieren: Erkenntnisse aus qualitativen Interviews
Aus den ergänzenden, halbstrukturierten Interviews mit Betroffenen, Rheumatologen und Hausärzten gingen folgende sechs zentrale Barrieren hervor:
- Sorgen über Nebenwirkungen, insbesondere Schübe,
- vorausgegangene negative Impferfahrungen,
- mangelnde ärztliche Information und proaktive Impfberatung,
- unverständliches oder unzureichendes Informationsmaterial,
- Defizite im Wissen über Immunmodulation und Impfempfehlungen,
- unklare Rollenverteilung zwischen hausärztlicher und rheumatologischer Versorgung.
Implikationen für Versorgung und Kommunikation
Die Studie offenbart eine erhebliche Versorgungslücke in der präventiven Immunisierung vulnerabler Patientengruppen. Sie unterstreicht die Notwendigkeit gezielter Aufklärungskampagnen und besserer Koordination zwischen den betreuenden Fachärzten.
Gerade leicht anzupassende Faktoren wie Informationsangebote und ärztliche Kommunikation bieten Potenzial zur Verbesserung der Impfakzeptanz.









