Chronische Erkrankungen können oft entmutigend sein, aber es gibt Möglichkeiten, den Verlauf durch den eigenen Lebensstil positiv zu beeinflussen. Dies gilt insbesondere für entzündlich-rheumatische Erkrankungen.
Ernährung beeinflusst Entzündungsaktivität
Eine Möglichkeit, die Entzündungsaktivität im eigenen Körper positiv zu beeinflussen, ist die Ernährung. Deshalb wurde sie beim diesjährigen Deutschen Rheumatologiekongress in Leipzig umfangreich thematisiert, denn im Alltag konsumieren Menschen viele entzündungsfördernde Nahrungsmittel.
„Viele gesättigte Fettsäuren, wie sie in Fertiggerichten sind, wirken proinflammatorisch“, sagte Gernot Keyßer aus Halle während des Kongresses [1]. Sie assoziieren sich mit Lipopolysacchariden auf der Zellmembran und aktivieren Toll-like Rezeptoren. Das wiederum sorgt dafür, dass proinflammatorische Zytokine wie IL-6 (Interleukin), TNF-alpha (Tumor Nekrose Faktor) oder IL-12 freigesetzt werden [2]. Doch auch ungesättigte Fettsäuren sind nicht generell gut. Mehrfach ungesättigte Fettsäuren, die sogenannten PUFAs, können entzündungshemmend sein, wie beispielsweise die n-3 PUFAs [2]. Die n-6 PUFAs hingegen können sowohl pro- als auch anti-inflammatorisch wirken, je nachdem in welchem Verhältnis sie mit n-3 PUFA aufgenommen werden [2].
Auch fermentierte Nahrung wie beispielsweise Sauerkraut oder Kimchi, aber auch Joghurt und Kefir, Misopaste und Sauerteigbrot oder Kombucha-Tee haben antiinflammatorische Effekte [2]. „Ballaststoffe wirken über die Senkung des Glukosepeaks und die Dämpfung der Insulinausschüttung auch antientzündlich“, so Keyßer. Eine antiinflammatorische Ernährung setzt darüber hinaus mehr Adiponektin frei, das ebenfalls antiinflammatorisch und anti-atherogen wirkt, das Diabetesrisiko senkt und die Insulinausschüttung moduliert [2]. „Durch eine stark fetthaltige Ernährung kann hingegen in genetisch prädisponierten Mäusen auch ein Lupus ausgelöst werden“, warnte der Experte [3]. „Man kann die Patienten auch mal ermuntern, selber darauf zu achten, welche Nahrungsmittel ihre Symptome verstärken“, empfiehlt der Experte.
Rauchen als Rheumatreiber
Neben der Ernährung spielen auch Noxen bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen eine wichtige Rolle. Rauchen kann das Risiko für eine rheumatoide Arthritis deutlich erhöhen, bei starken Rauchern um bis zu 100%. „Es kann auch die Behandlungseffektivität deutlich verringern“, sagte Johanna Callhoff aus Berlin beim Kongress [4, 5]. „Die rheumatoide Arthritis ist bei Rauchenden auch deutlich schwerer ausgeprägt als bei Nichtrauchenden.“ Das zeigt z. B. die CAMERA-II-Studie. Rauchende hatten trotz einer Methotrexat- und teilweise Steroidtherapie einen höheren DAS28 (Disease Activity Score) als Nichtrauchende. „Die Menge der gerauchten Zigaretten war mit dem Ansprechen assoziiert“, so die Expertin [6].
Auch beim systemischen Lupus erythematodes ist die Krankheitsaktivität bei Rauchenden höher und das Rauchen ist assoziiert mit dem Auftreten von Ausschlägen [7]. Menschen, die rauchen, haben ebenfalls häufiger Entzündungen in der Wirbelsäule oder den Scaroiliakal-Gelenken [8].
Ein Rauchstopp verbessert das Outcome innerhalb eines Jahres hingegen deutlich. Wie Daten aus 2022 zeigen, sinkt die Zahl der geschwollenen und schmerzhaften Gelenke bereits nach dieser kurzen Zeit signifikant [9].
Bedeutung von Adipositas für die Rheumatologie
Eine große Sorge von Menschen, die rauchen, ist oft, dass sie nach einem Rauchstopp zunehmen. Auch Adipositas beeinflusst rheumatische Erkrankungen negativ. Anti-Zytokin-Therapien und anti-TNFalpha-Blocker wirken schlechter. Betroffene leiden häufiger unter einer sarkopenen Adipositas und unter anderem die Adiponektinaktivität ist reduziert. „Bei der Adipositas gehen wir von einer chronisch-entzündlichen Erkrankung aus“, erklärte Arya M Sharma aus Berlin [10]. Es gelingt vielen Betroffenen zwar abzunehmen, jedoch nicht dauerhaft: „Die meisten, die abnehmen wollen, haben es bereits probiert. Aber nur 5% halten einen ≥10%igen Gewichtsverlust nach einem Jahr noch“, so Sharma. Mit Lifestylebehandlungen liegt die Erfolgsquote meist nur bei ca. 3 kg. Zeitgleich sinkt durch die Hungerphasen der Grundumsatz, weil der Körper über das homöostatische System versucht, Kalorien einzusparen und wieder auf das vorherige Gewicht zu kommen.
Effektivität von „Abnehmspritzen“
Um dauerhafte Abnehmeffekte zu erzielen, muss in das biologische System eingegriffen werden. Das kann mit GLP-1-Rezeptoragonisten wie Liraglutid oder den noch in der Erforschung befindlichen dualen oder triple Agonisten funktionieren. Unter Liraglutid schaffte etwa jeder zweite bis dritte Patient rund 10% des Körpergewichts abzunehmen. Unter Semaglutid nahm etwa ein Drittel 20% oder mehr ab und unter Tirzepatid sogar 22%, während Retatrutid in einer 2023 publizierten Studie Gewichtsreduktionen von 26% bis 30% erzielte [11, 12, 13]. Damit erreichen die „Abnehmspritzen“ ähnlich gute Ergebnisse wie bariatrische Operationen. Eines der Hauptprobleme laut dem Experten: „Wenn Sie aufhören, kommt das Gewicht wieder.“ Das bedeutet, die Agonisten müssen dauerhaft gegeben werden - inklusive der damit möglicherweise einhergehenden, zumeist aber milden Nebenwirkungen. Gelingt damit aber ein Gewichtsverlust, wirkt sich das auch auf kardiovaskuläre Risikofaktoren positiv aus.
Ärztliche Begleitung für einen nachhaltigen Lebensstilwandel
Langfristig lässt sich eine entzündlich-rheumatische Erkrankung positiv durch Ernährung, Rauchstopp und Gewichtsverlust beeinflussen. Der Weg dahin stellt für Betroffene eine Herausforderung dar. Mit ärztlicher Begleitung kann er sich jedoch sehr lohnen.








