Interdisziplinäre Zentren für Entzündungsmedizin

Chronisch entzündliche Erkrankungen nehmen zu und erfordern eine strukturierte Versorgung. Eine neue Initiative mehrerer Fachgesellschaften etabliert erstmals einheitliche Qualitätsstandards und zertifizierte Entzündungszentren in Deutschland.

Versorgungslücke

Einordnung chronisch entzündlicher Erkrankungen und aktuelle Versorgungsherausforderungen

Chronisch entzündliche Erkrankungen gehören zu den häufigsten nicht übertragbaren Krankheiten in Deutschland. Sie umfassen u. a. Psoriasis, Spondylarthritiden und chronisch entzündliche Darmerkrankungen und betreffen zusammen rund 3,5 Millionen Menschen. Mit direkten Krankheitskosten von mindestens 19 Milliarden Euro jährlich stellen sie eine erhebliche Herausforderung für das Gesundheitssystem und die Gesellschaft dar.

Auch die klinische Versorgung gewinnt an Komplexität: Die zunehmende Zahl immunologischer Therapiemöglichkeiten erfordert eine präzise Auswahl, kontinuierliches Monitoring und interdisziplinäre Abstimmung. Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass viele entzündliche Erkrankungen mehrere Organsysteme gleichzeitig betreffen.

Warum interdisziplinäre Zentren für Entzündungsmedizin zunehmend notwendig werden

Die Weiterentwicklung der Entzündungsmedizin führt weg von organzentrierter und hin zu prozess- und pathophysiologisch orientierter Diagnostik und Therapie. Personalisierte Behandlungsansätze, die individuelle Entzündungs- und Immunmechanismen berücksichtigen, gewinnen an Bedeutung. Professor Nisar Peter Malek, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Gastroenterologie, Gastrointestinale Onkologie, Hepatologie, Infektiologie und Geriatrie an der Klinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Tübingen und Sprecher der Kommission zur Zertifizierung von Entzündungszentren für die DGVS, betont die Notwendigkeit klarer Qualitätsstandards, um für Patienten die optimale Therapieentscheidung zu treffen.

Erste Zentren für interdisziplinäre Entzündungsmedizin existieren bereits und zeigen, wie gemeinsames fachübergreifendes Management zu besseren klinischen Entscheidungen beitragen kann. Die Fachgesellschaften sehen diese Strukturen als Modell für die Zukunft: Vergleichbar mit der Onkologie sollen standardisierte Abläufe, definierte Qualitätskriterien und strukturierte Boards die Versorgung verbessern.

Die neue Zertifizierungsinitiative der Fachgesellschaften

Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie (DGVS), die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) und die Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) haben eine gemeinsame Kommission gegründet, um ein nationales Zertifizierungssystem für Zentren für Entzündungsmedizin zu entwickeln.

In der konstituierenden Sitzung am 4. März 2026 wurde der Aufbau gemeinsamer Qualitätsstandards beschlossen, die die beteiligten Disziplinen Dermatologie, Gastroenterologie und Rheumatologie abdecken sollen. Ziel ist ein abgestuftes System zertifizierter Zentren, das verschiedene Versorgungsbedarfe abbildet und bundesweit einheitliche Strukturen schafft.

Professor Hanns Martin Lorenz, Leiter der Sektion Rheumatologie am Universitätsklinikum Heidelberg erklärt, dass chronisch entzündliche Erkrankungen häufig mehrere Organe gleichzeitig betreffen und daher ein koordiniertes Vorgehen verschiedener Fachdisziplinen erforderlich ist. Die Zentren sollen dieses interdisziplinäre Vorgehen verbindlich strukturieren.

Was die Initiative wissenschaftlich besonders relevant macht

Neben der Versorgungsqualität spielt die systematische Wissensgenerierung eine zentrale Rolle. Durch harmonisierte Datensätze und strukturierte Dokumentation soll ein nationales Register für Entzündungsmedizin entstehen. Dieses Register soll langfristige Krankheitsverläufe transparenter machen, Therapieentscheidungen unterstützen und die Evidenzbasis für personalisierte Therapiestrategien erweitern.

Damit adressiert die Initiative zentrale offene Fragen der Entzündungsmedizin:

  • Wie verlaufen chronisch entzündliche Erkrankungen über Jahre und Jahrzehnte?
  • Welche Patientengruppen profitieren am stärksten von welchen immunmodulatorischen Therapien?
  • Welche Muster treten bei multisystemischen Entzündungsmanifestationen auf?
  • Wie lassen sich Therapieentscheidungen noch besser durch Daten unterstützen?

Neuer Erkenntnisgewinn durch systematische Strukturierung

Die Initiative liefert einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung des Fachgebiets durch:

  • Standardisierung: Gemeinsame Qualitätsstandards vereinheitlichen Diagnostik, Therapie und Monitoring.
  • Interdisziplinarität: Strukturierte Zusammenarbeit stärkt die gemeinsame Entscheidungsfindung.
  • Datenqualität: Ein nationales Register ermöglicht longitudinales Outcome Tracking.
  • Versorgungstransparenz: Zertifizierungen schaffen nachvollziehbare Qualitätskriterien für medizinische Einrichtungen.

In der Summe stärkt dies die Grundlage für personalisierte Therapien, wie sie in der modernen Entzündungsmedizin zunehmend gefordert werden.

Zusammenfassung und Ausblick

Die Zertifizierungsinitiative der DGVS, DGRh und DDG markiert einen wichtigen Schritt in Richtung einer zukunftsfähigen, interdisziplinär abgestimmten Versorgung chronisch entzündlicher Erkrankungen. Durch die Etablierung verbindlicher Qualitätsstandards, koordinierter Entscheidungsstrukturen und eines nationalen Registers entsteht ein Rahmen, der die klinische Praxis nachhaltig weiterentwickeln kann.

Die Initiative stellt damit einen wichtigen Meilenstein dar, der die Grundlage für bessere, datenbasierte Behandlungsmöglichkeiten schafft und die interdisziplinäre Versorgung langfristig stärkt.

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