Hitzeperioden werden auch in Deutschland immer häufiger und intensiver. Experten gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung durch den Klimawandel weiter verstärken wird. Mit zunehmenden Hitzewellen wächst auch die Bedeutung einer Arzneimitteltherapie, die an die speziellen Gesundheitsrisiken angepasst ist, die hitzebedingt entstehen können.
Bestimmte Medikamente können zum Beispiel die körpereigene Anpassung an hohe Temperaturen beeinträchtigen, indem sie etwa die Schweißproduktion, die Hautdurchblutung oder das Durstgefühl verändern. Dadurch steigt vor allem bei älteren und multimorbiden Menschen das Risiko für hitzebedingte Komplikationen.
Evidenzbasierte Empfehlungen für Praxis, Klinik und Apotheke
Vor diesem Hintergrund hat das Forschungsprojekt ADAPT-HEAT die CALOR-Liste entwickelt. Die Abkürzung leitet sich vom lateinischen calor für Hitze oder Wärme ab. Ziel ist es, medizinisches Fachpersonal dabei zu unterstützen, Arzneimittel mit potenziell erhöhtem Hitzerisiko zu identifizieren und geeignete Maßnahmen zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit abzuleiten.
Die Entwicklung der CALOR-Liste erfolgte unter Leitung von Univ.-Prof. Dr. Beate Müller am Institut für Allgemeinmedizin der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln und der Uniklinik Köln gemeinsam mit der Medizinischen Hochschule Hannover sowie weiteren Partnern. „Hitzeschutz spielt in der Gesundheitsversorgung eine immer größere Rolle“, sagt Müller. Die CALOR-Liste unterstütze Fachkräfte dabei, Risiken der Medikation zu erkennen. Da das Gesundheitspersonal eine umfassende Beratung während Hitzeperioden allein kaum leisten könne, sollen zusätzlich verständliche Informationsmaterialien Patienten befähigen, Warnzeichen selbst zu erkennen.
Häufig verordnete Arzneimittel im Fokus
Die Liste umfasst insgesamt 27 Wirkstoffklassen und gibt konkrete Handlungsempfehlungen für den Praxisalltag. Besonders im Fokus stehen häufig verordnete Arzneimittel wie Diuretika, Betablocker, Calciumkanalblocker, NSAR sowie Antidepressiva. Bei Patienten unter Diuretika wird beispielsweise empfohlen, auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten, Blutdruck und Körpergewicht regelmäßig zu kontrollieren und bei Anzeichen wie verminderter Urinausscheidung, neu aufgetretenen Ödemen oder starkem Blutdruckabfall ärztlich Rücksprache zu halten.
Auch bei anderen häufig eingesetzten Arzneimitteln empfiehlt die CALOR-Liste eine intensivere Beratung während Hitzewellen. So sollten Patienten unter Betablockern oder Calciumkanalblockern regelmäßig Blutdruck und gegebenenfalls Herzfrequenz kontrollieren. Für NSAR wird auf das erhöhte Risiko für Dehydratation und Nierenfunktionsstörungen hingewiesen. Anticholinergika können dagegen die Schweißproduktion hemmen und dadurch die körpereigene Wärmeabgabe beeinträchtigen.
Entwicklung auf wissenschaftlicher Grundlage
Die Empfehlungen beruhen auf einer strukturierten Evidenzsynthese, einer Analyse internationaler Best-Practice-Ansätze sowie der Auswertung von Krankenkassen-Routinedaten, die mit Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes verknüpft wurden. Anschließend wurden mehr als 30 Experten im Rahmen eines Delphi-Verfahrens zu 27 Wirkstoffklassen und 71 Strategien zur Erhöhung der Arzneimitteltherapiesicherheit bei Hitze befragt. Im letzten Schritt wurde die CALOR-Liste in Arztpraxen, Apotheken und Krankenhäusern erprobt.
Patienteninformationen folgen
Die finale Version der CALOR-Liste steht ab sofort für medizinisches Fachpersonal zum Download bereit. Bis Ende 2026 sollen zusätzlich laienverständliche Informationsmaterialien sowie ein interaktives Webtool veröffentlicht werden. Ziel ist es, hitzebedingte Gesundheitsstörungen zu vermeiden und das Gesundheitssystem besser auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten.












