Die atopische Dermatitis (AD) ist eine chronisch-rezidivierende entzündliche Hauterkrankung mit hohem Leidensdruck für die Betroffenen. Neben den klassischen Auslösern berichten insbesondere Frauen im gebärfähigen Alter häufig über eine zyklusabhängige Verschlechterung der Symptomatik. Während hormonelle Schwankungen bei anderen Dermatosen gut dokumentiert sind, ist die Datenlage zur menstruationsassoziierten Exazerbation der AD bislang begrenzt.
Hormonelle Einflussfaktoren in der Lutealphase
Östrogen und Progesteron beeinflussen sowohl die Immunantwort als auch die Barrierefunktion der Haut. In der späten Lutealphase - kurz vor der Menstruation - fallen die Hormonspiegel deutlich ab. Dies kann zu einem erhöhten transepidermalen Wasserverlust, einer verminderten Ceramid-Produktion sowie zu einer vermehrten Produktion proinflammatorischer Zytokine (z.B. IL-6, IL-4, IL-13) führen.
Gleichzeitig fördert die hormonelle Umstellung eine Th2-dominierte Immunantwort mit erhöhter IgE-vermittelter Entzündungsaktivität. Eine veränderte Aktivierung kutaner C-Typ-Neurone trägt ebenfalls zur Verstärkung des Juckreizes bei.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit fasst nun erstmals strukturiert zusammen, was bisher über menstruationsassoziierte AD-Exazerbationen bekannt ist und wo noch Forschungsbedarf besteht.
Systematische Evidenzlage: Methodik und Studienauswahl
Die Übersichtsarbeit wurde gemäß PRISMA-Richtlinien durchgeführt. Eingeschlossen wurden 16 Studien mit Bezug zu menstruationsassoziierter AD – darunter acht Primärstudien (überwiegend Querschnittsdesigns), sieben narrative Reviews und eine systematische Übersichtsarbeit. Ausgeschlossen wurden Arbeiten zu seltenen autoimmunen Hormon-Dermatosen wie Autoimmun-Progesteron-Dermatitis (APD) oder Autoimmun-Östrogen-Dermatitis (AED).
Klinische Studien zeigen zyklusabhängige Verschlechterung
Alle eingeschlossenen Arbeiten beschrieben eine prämenstruelle Exazerbation der AD. Der am häufigsten genannte Zeitraum war die Woche vor Beginn der Menstruation. Je nach Studiendesign lag die berichtete Prävalenz der menstruationsassoziierten Exazerbation zwischen 13,5 % und 50 %.
In einer französischen Querschnittsstudie mit 1.009 Frauen berichteten 50,6 % über eine Verschlechterung vor und 48,3 % während der Menstruation. In einer japanischen Studie mit 286 Patientinnen berichteten 96 % über eine Exazerbation in der Woche vor der Menstruation mit rascher Besserung nach Einsetzen der Blutung.
Eine prospektive italienische Studie (n = 87) zeigte einen signifikanten Anstieg des EASI-Scores (Eczema Area and Severity Index), der numerischen Rating-Skala (NRS) für Juckreiz („worst itch“) und des Dermatology Life Quality Index (DLQI) in der prämenstruellen Phase, allerdings nur bei moderaten bis schweren Verlaufsformen.
Ein relevanter methodischer Aspekt war, dass nicht alle Studien validierte Skalen zur Beurteilung von Exazerbationen verwendeten. Einige stützten sich ausschließlich auf subjektive Angaben der Patienten.
Prämenstruelles Syndrom: Einfluss auf AD nicht eindeutig belegt
Ein möglicher Zusammenhang zwischen dem prämenstruellen Syndrom (PMS) und AD wurde in mehreren Studien untersucht, allerdings mit widersprüchlichen Ergebnissen.
Während z.B. Rakita et al. eine signifikante Korrelation zwischen PMS und einer Exazerbation der AD nachwiesen, fanden andere Arbeiten keinen statistisch signifikanten Zusammenhang. Dies könnte auf eine interindividuell unterschiedliche Sensitivität gegenüber Hormonschwankungen hindeuten.
Therapieoptionen bisher kaum systematisch untersucht
Trotz der eindeutig beschriebenen zyklusabhängigen Verschlechterung fehlen kontrollierte Studien zur Therapie. Hormonelle Interventionen - wie orale Kontrazeptiva - wurden in den ausgewerteten Studien kaum systematisch erfasst. Eine ältere Studie aus dem Jahr 1964 untersuchte an kleinen Stichproben die Gabe von Ethinylestradiol oder Ethisteron, ohne signifikante Effekte nachweisen zu können.
Rakita et al. schlagen eine entzündungshemmende Prophylaxe in der prämenstruellen Phase vor. Der Nutzen solcher Ansätze ist jedoch noch nicht ausreichend evaluiert.
Gezielte Anamnese bei zyklusassoziierter Symptomatik
Bei Patientinnen mit zyklusabhängiger AD-Symptomatik empfiehlt sich eine gezielte Anamnese bezüglich menstrueller Einflüsse. Dermatologen und Gynäkologen sollten im Sinne eines multidisziplinären Ansatzes eng zusammenarbeiten, um individuelle, symptombezogene Therapieansätze zu entwickeln. So können bisher unerkannte Auslöser identifiziert und die Patientinnen gezielter unterstützt werden.
Aktuelle Datenlage verdeutlicht Forschungsbedarf
Menstruationsassoziierte Exazerbationen der AD sind ein in der klinischen Praxis häufig beobachtetes, aber wissenschaftlich bislang unzureichend dokumentiertes Phänomen. Die vorliegende systematische Übersichtsarbeit bestätigt eine konsistente Symptomverschlechterung in der späten Lutealphase und verdeutlicht den Bedarf an prospektiven Studien mit standardisierten Erhebungsinstrumenten wie EASI, DLQI und POEM (Patient Oriented Eczema Measure).
Belastbare Daten zu hormonellen oder antiinflammatorischen Therapieansätzen fehlen weitgehend. Zukünftige Forschung sollte sowohl die pathophysiologischen Zusammenhänge als auch mögliche Therapieoptionen gezielt untersuchen.








