DDG 2025: Digitale Chancen für die stationäre Diabetologie

Digitale Technologien haben das Potenzial, die Qualität der Patientenversorgung im Krankenhaus nachhaltig zu verbessern. Auch in der Diabetologie zeigt sich ihr Nutzen bei der Unterstützung klinischer Entscheidungen und Abläufe.

Krankenhaus digital

Die Versorgung von Menschen mit Diabetes mellitus im stationären Umfeld ist eine interdisziplinäre und zunehmend technikgestützte Herausforderung. Auf dem diesjährigen DDG-Kongress präsentierte Prof. Susanne Reger-Tan konkrete Lösungsansätze zur Optimierung des stationären Diabetesmanagements – von kontinuierlicher Glukosemessung (CGM) bis zur strukturierten digitalen Konsilkoordination.

Komplexität des stationären Diabetesmanagements

Die Versorgung hospitalisierter Menschen mit Diabetes ist durch zahlreiche Variablen erschwert: wechselndes Personal, nicht diabetikergerechte Klinik-Informationssysteme (KIS), unregelmäßige Tagesabläufe, Operationen, Stationswechsel sowie Wechselwirkungen mit Medikamenten oder parenteraler Ernährung. Besonders kritisch ist, dass Insulin als Hochrisikomedikation mit erheblichem Potenzial für Fehlanwendungen gilt.

Viele Kliniken arbeiten aktuell mit punktuellen Blutzuckerwerten, was eine reaktive Insulintherapie bedeutet, die sich auf vier Einzelwerten pro Tag stützt. In einem instabilen klinischen Umfeld sind diese Informationen jedoch oft nicht ausreichend, um eine sichere und dynamische Blutzuckerkontrolle zu gewährleisten.

Potenzial kontinuierlicher Glukosemessung

Ein zentrales Element der Digitalisierung im Krankenhaus ist der Einsatz von CGM-Systemen. Diese ermöglichen eine lückenlose Glukoseüberwachung mit über 1000 Messpunkten pro Tag. Dadurch entsteht eine detaillierte Glukosekurve, die Trends sichtbar macht, bei Hypo- oder Hyperglykämien Alarme auslöst und eine aktive Therapieanpassung unterstützt.

Im Vergleich zur klassischen Blutzuckermessung erlaubt die digitale Versorgung eine bessere Transparenz, eine einfachere Datenweitergabe über Share-Funktionen und eine fundiertere Bewertung der metabolischen Stabilität. Erste Daten zeigen, dass Pflegekräfte sowie Patienten diese Systeme als hilfreich, sicher und alltagstauglich empfinden. Insbesondere die Übersichtlichkeit der Werte und die erleichterte Kommunikation im Behandlungsteam werden als positiv bewertet.

Validierung und Vergleichbarkeit von CGM-Daten

Ein häufig geäußerter Einwand gegen CGM im Krankenhaus ist die Frage nach der Zuverlässigkeit. Studien zeigen hier eine gute Übereinstimmung zwischen CGM-Werten und Point-of-Care-Glukosemessungen (POC). Die gemessene MARD (Mean Absolute Relative Difference) liegt mit rund 11 % im akzeptierten Bereich.

Auch die sogenannte 20/20-Agreement-Rule, also die Übereinstimmung innerhalb eines Toleranzbereichs von ±20 % bei Glukosewerten ab 70 mg/dl bzw. ±20 mg/dl bei Werten unter 70 mg/dl, wird bei mehr als 90 % der Messpaare erfüllt.

Integration in bestehende Klinikprozesse

Für einen erfolgreichen Einsatz von CGM im Klinikalltag ist jedoch mehr als nur Technik erforderlich. Essenziell ist die strukturelle Integration in das KIS. Dazu zählen standardisierte Dokumentation, Integration in die elektronische Gesundheitsakte, einheitliche CGM-Bezeichner und multidisziplinäre Schulungskonzepte. Ergänzend müssen Sensorik und Pumpensysteme zuverlässig dokumentiert werden (z. B. Tragedauer, Modell, Lokalisation).

Ein weiteres Element ist das „Diabetes-Dashboard“, das relevante Komorbiditäten (z. B. Herzinsuffizienz, Nephropathie, Adipositas) und Therapiepfade sichtbar macht. Auch die Dokumentation diabetesspezifischer Therapiedaten wie Basalratenschemata, intensivierte konventionelle Insulintherapie (ICT) oder kontinuierliche subkutane Insulininfusion (CSII) wird dadurch deutlich vereinfacht.

Vernetzte Versorgung durch digitale Konsilkoordination

Das Konzept der elektronischen Konsilsteuerung eröffnet insbesondere Kliniken ohne eigene Diabetologie neue Möglichkeiten. Telemedizinische Konsile mit Exzellenzzentren oder innerhalb von Krankenhausverbünden fördern den Wissenstransfer und ermöglichen eine individualisierte Betreuung. Eine strukturierte Bereitstellung digitaler Patientendaten für das Konsilteam ermöglicht eine präzise Beratung, auch wenn die Beteiligten an verschiedenen Standorten sind.

In diesem Zusammenhang hob Prof. Reger-Tan hervor, dass Technologie vor allem dann Wirkung entfaltet, wenn sie interdisziplinär und strukturiert in die klinische Versorgung eingebunden ist. Dies umfasst auch eine gegenseitige Benachrichtigung relevanter Fachdisziplinen, beispielsweise bei auffälligen HbA1c- oder NT-proBNP-Werten.

Stufenweise Digitalisierung verbessert Versorgungsprozesse

Der Einsatz digitaler Technologien im ambulanten Diabetesmanagement bietet konkrete Vorteile für die Sicherheit, Effizienz und Versorgungsqualität. Dies betrifft nicht nur die Glukosekontrolle, sondern auch angrenzende Prozesse wie das Management steroidinduzierter Hyperglykämien, die Dokumentation von Devices oder die interdisziplinäre Kommunikation.

Laut Prof. Reger-Tan ist jedoch ein stufenweiser Ansatz wichtig. Jeder integrierte Schritt – von CGM über die Dokumentation von Devices bis hin zur Konsilkoordination – trägt zur Verbesserung der Versorgung bei. Voraussetzungen dafür sind geschulte Teams, tragfähige Prozesse und der politische Wille zur strukturellen Digitalisierung der Diabetologie.

Autor:
Stand:
03.06.2025
Quelle:

Reger-Tan S. et al.: „Von CGM bis zu elektronischer Konsilsteuerung im Krankenhaus - Chancen für die Diabetesversorgung“, Diabetes Kongress 2025 der Deutschen Diabetes Gesellschaft e.V. (DDG), Berlin, 30. Mai 2025.

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