Diabetes und muskuloskelettale Gesundheit: Eine wachsende Herausforderung
Die Zahl der Patienten mit Typ-2-Diabetes nimmt weiterhin zu. In Deutschland sind derzeit rund 8,7 Millionen Menschen diagnostiziert, zusätzlich wird eine hohe Dunkelziffer vermutet. Ebenso verbreitet ist Prädiabetes, der nach Schätzungen 30–40 % der Erwachsenen betrifft. Parallel steigt die Prävalenz metabolisch bedingter Komorbiditäten, darunter muskuloskelettale Erkrankungen wie Arthrose, die sowohl Lebensqualität als auch Mobilität erheblich beeinträchtigen.
Orthopädische Kliniken beobachten seit Jahren, dass Stoffwechselerkrankungen die Gelenkgesundheit und das perioperative Risiko beeinflussen. Während Übergewicht als zentraler Einflussfaktor gilt, rückt zunehmend der chronisch erhöhte Blutzucker als eigenständiger Risikotreiber in den Fokus. Damit entsteht eine relevante Schnittstelle zwischen Diabetologie und Endoprothetik, die klinisch bislang häufig unterschätzt wird.
Diesem Thema wurde besondere Aufmerksamkeit auf der Online-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik e. V. (AE) am 02. Dezember 2025, im Vorfeld zum 27. AE-Kongress vom 4. Bis 5. Dezember in Berlin, gewidmet.
T2DM als unabhängiger Risikofaktor für Arthrose und postoperative Komplikationen
Nach Angaben der AE entwickeln Menschen mit Typ-2-Diabetes deutlich häufiger eine Knie- oder Hüftarthrose – nicht nur aufgrund von Adipositas. Priv.-Doz. Stephan Kirschner, Past-Präsident der AE und Direktor der Klinik für Orthopädie in den ViDia Christliche Kliniken Karlsruhe, betont, dass persistierend erhöhte Glukosespiegel Entzündungsprozesse fördern und Knorpelzellen schädigen. Diese Mechanismen begünstigen den frühzeitigen strukturellen Gelenkverschleiß und erhöhen den Bedarf an endoprothetischen Eingriffen.
Auch das perioperative Risiko ist gesteigert: Hyperglykämie beeinträchtigt Immunabwehr und Wundheilung und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit für Infektionen, insbesondere Protheseninfektionen. Schlechte Blutzuckerkontrolle gilt daher als ein wesentlicher modifizierbarer Risikofaktor.
Prädiabetes: Der vielfach übersehene Risikoindikator
Ein zentrales Thema der aktuellen AE-Bewertung ist die Bedeutung von Prädiabetes als frühzeitigem, aber häufig unentdecktem Risikozustand. Bereits in dieser Stoffwechselphase zeigen sich mikrovaskuläre Schäden, die Durchblutung und Geweberegeneration beeinträchtigen. Dadurch steigt das Risiko postoperativer Komplikationen auch ohne manifesten Diabetes.
Die Vielzahl potenzieller Einflussfaktoren – inklusive viszeraler Adipositas, Hypertonie, Hyperlipidämie und nicht-alkoholischer Fettleber (MASLD) – unterstreicht die Notwendigkeit einer konsequenten Risikoerfassung vor elektiven Gelenkeingriffen. Viszerales Fettgewebe gilt zudem als aktives endokrin-metabolisches Organ, das Entzündungsprozesse verstärkt und die Insulinwirkung reduziert.
Präoperative Optimierung: Empfehlungen der AE
Da Endoprothesenimplantationen in der Regel elektiv und somit planbar erfolgen, betont die AE die Chancen einer strukturierten präoperativen Vorbereitung. Das Komitee „Perioperatives Management“ empfiehlt unter anderem:
- Optimierung der Blutzuckereinstellung (Ziel: HbA1c < 7 %, ideal < 5,6 %)
- Abklärung und Therapie relevanter Begleiterkrankungen, insbesondere kardiovaskulärer Erkrankungen
- Patient Blood Management und Anämieabklärung
- Verzicht auf Nikotin und Alkohol mindestens 6 Wochen präoperativ
- Screening auf Mangelernährung und konsequente Therapie
- Aufbau körperlicher Belastbarkeit durch moderate Aktivität und Atemtraining
- Sanierung potenzieller Entzündungsherde, insbesondere dental
- Gewichtsreduktion, sofern machbar
- Individualisierte OP-Planung inklusive Narkose- und Stoffwechselmanagement
Professor Robert Hube, Präsident der AE und Chefarzt der Orthopädischen Chirurgie in München, hebt hervor, dass eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit – insbesondere zwischen Hausärzten, Orthopäden und Anästhesisten – essenziell ist, um postoperative Risiken zu minimieren.
Bedeutung für die klinische Praxis
Die aktuelle Einordnung der AE zeigt, dass metabolische Dysregulation ein zentraler Einflussfaktor für den orthopädischen Behandlungserfolg ist – selbst bei Patienten ohne manifesten Diabetes. Die Erkenntnis, dass bereits Prädiabetes relevante perioperative Risiken birgt, erfordert künftig eine systematische Stoffwechseldiagnostik im Rahmen der OP-Vorbereitung.
Langfristig könnte ein optimiertes metabolisches Management nicht nur Komplikationen reduzieren, sondern auch die Indikation für endoprothetische Eingriffe verzögern oder verbessern. Zudem weist die AE darauf hin, dass Bewegung nach erfolgreicher Implantation zur Verbesserung der Glukosehomöostase beitragen kann.
Fazit und Ausblick
Die Erkenntnisse der AE verdeutlichen, dass Diabetes und Prädiabetes die Endoprothetik wesentlich beeinflussen und frühzeitig adressiert werden müssen. Ein strukturierter präoperativer Ansatz kann Risiken reduzieren und das Operationsergebnis verbessern. Für die Zukunft sind weitere Studien erforderlich, um präzise Grenzwerte, optimale Managementstrategien und personalisierte Algorithmen für metabolisch vorbelastete Patienten zu definieren.







