Adipositas als zentraler Risikofaktor für Typ-2-Diabetes
Mehr als 9 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Diabetes, davon über 90 % mit Typ-2-Diabetes. Einer der wichtigsten modifizierbaren Risikofaktoren ist Übergewicht beziehungsweise Adipositas. Mit zunehmender Fettmasse steigt die Wahrscheinlichkeit für metabolische Störungen, insbesondere für Insulinresistenz und eine gestörte Glukosetoleranz.
In der klinischen Praxis wird das Risiko häufig anhand des Body-Mass-Index (BMI) abgeschätzt. Dieser Parameter erlaubt jedoch nur eine grobe Einschätzung der metabolischen Gefährdung. Unterschiedliche Körperzusammensetzungen und Fettverteilungen können dazu führen, dass Personen mit identischem BMI ein deutlich unterschiedliches Risiko für die Entwicklung eines Diabetes aufweisen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die geschlechtsspezifische Betrachtung metabolischer Erkrankungen zunehmend an Bedeutung. Darauf weist die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) in einer aktuellen Mitteilung hin. Studien zeigen, dass Übergewicht bei Frauen und Männern auf unterschiedliche Weise zur Entstehung von Typ-2-Diabetes beiträgt.
Unterschiede in Körperfettanteil und Fettverteilung
Ein zentraler Faktor ist die geschlechtsspezifische Körperzusammensetzung. Frauen weisen bei gleichem BMI im Durchschnitt einen höheren Körperfettanteil auf als Männer. Gleichzeitig unterscheiden sich die typischen Fettverteilungsmuster deutlich.
Bei Männern sammelt sich Fett häufiger im Bauchraum als viszerales Fett. Dieses Fettgewebe ist metabolisch besonders aktiv und fördert die Entwicklung einer Insulinresistenz. Dadurch steigt nicht nur das Risiko für Typ-2-Diabetes, sondern auch für kardiovaskuläre Erkrankungen.
Frauen lagern Fett hingegen zunächst häufiger subkutan im Bereich von Hüften und Oberschenkeln ein. Dieses Fettdepot ist metabolisch weniger aktiv und wirkt sich zunächst weniger stark auf den Glukosestoffwechsel aus.
Professorin Julia Szendrödi, Präsidentin der DDG, betont daher, dass der BMI allein nicht ausreiche, um das individuelle Diabetesrisiko zu beurteilen. Entscheidend sei auch die Lokalisation des Fettgewebes im Körper.
Früheres Erkrankungsalter bei Männern
Epidemiologische Untersuchungen zeigen zudem Unterschiede im Erkrankungsalter. Männer entwickeln Typ-2-Diabetes im Durchschnitt etwa drei bis vier Jahre früher als Frauen.
Die Diagnose erfolgt bei ihnen häufig bereits bei einem um etwa 1 bis 3 kg/m² niedrigeren BMI. Dies deutet darauf hin, dass Männer bereits bei moderatem Übergewicht ein erhöhtes metabolisches Risiko entwickeln können.
Frauen erkranken dagegen meist später im Leben und häufig erst bei stärkerem Übergewicht. Zum Zeitpunkt der Diagnose liegen jedoch nicht selten bereits deutlich ausgeprägte metabolische Störungen vor, beispielsweise eine ausgeprägte Insulinresistenz.
Lebensphasen und hormonelle Faktoren beeinflussen das Risiko
Bei Frauen spielen zudem spezifische Lebensphasen eine wichtige Rolle für das Diabetesrisiko. Dazu gehören Schwangerschaft, hormonelle Veränderungen sowie die Menopause.
Ein zentraler Risikofaktor ist der Gestationsdiabetes. Frauen mit dieser Schwangerschaftskomplikation entwickeln im späteren Leben etwa siebenmal häufiger einen Typ-2-Diabetes als Frauen ohne entsprechende Vorgeschichte.
Auch das Polyendokrine Metabolische Ovarialsyndrom (PMOS, ehem. Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS)) ist mit einem deutlich erhöhten Risiko verbunden. Betroffene entwickeln etwa viermal häufiger einen Typ-2-Diabetes.
Mit dem Eintritt der Menopause verändert sich der Stoffwechsel erneut. Sinkende Östrogenspiegel fördern eine Verlagerung der Fettdepots in den abdominalen Bereich und erhöhen gleichzeitig die Insulinresistenz. Studien weisen zudem darauf hin, dass eine frühe Menopause das Diabetesrisiko um rund 30 % steigern kann.
Höheres Risiko für kardiovaskuläre Folgeerkrankungen bei Frauen
Neben Unterschieden in der Krankheitsentstehung bestehen auch Unterschiede im Verlauf. Frauen mit Diabetes erreichen wichtige therapeutische Zielwerte – etwa für Blutzucker, Blutdruck oder Lipidparameter – im Durchschnitt seltener als Männer.
Dadurch kann sich ihr Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen stärker erhöhen. Während prämenopausale Frauen grundsätzlich einen gewissen Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen besitzen, kann laut Szendrödi Typ-2-Diabetes diesen Vorteil weitgehend aufheben.
Bedeutung für Prävention und klinische Versorgung
Die DDG sieht daher einen Bedarf, geschlechtsspezifische Aspekte stärker in Prävention und Versorgung zu berücksichtigen. Besonders wichtig ist ein gezieltes Screening bei Frauen mit erhöhtem Risiko, etwa nach Gestationsdiabetes oder bei hormonellen Störungen.
Darüber hinaus könnten Lebensphasen wie die Menopause stärker in Präventionsstrategien integriert werden. Eine solche differenzierte Betrachtung könnte dazu beitragen, Risikopatientinnen früher zu identifizieren und Folgekomplikationen zu vermeiden.
Ein Schritt zu stärker individualisierten Präventionsstrategien
Die vorliegenden Erkenntnisse unterstreichen, dass Adipositas und Typ-2-Diabetes nicht isoliert betrachtet werden sollten. Vielmehr spielen biologische Geschlechtsunterschiede, hormonelle Veränderungen und Lebensphasen eine wichtige Rolle für das individuelle Erkrankungsrisiko.
Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass Risikobewertung und Präventionsstrategien stärker individualisiert und Präventionsmaßnahmen in die Praxis integriert werden sollten.












