Die funktionelle Dyspepsie (Reizmagen) ist eine häufige Darm-Hirn-Interaktionsstörung, berichtete Privatdozentin Dr. Viola Andresen, Leiterin des Bauchzentrums am Medizinicum in Hamburg anlässlich des Kongresses Viszeralmedizin 2025 in Leipzig. Die Prävalenz in der Bevölkerung wird mit etwa 10 % angegeben. Definiert wird die funktionelle Dyspepsie als Beschwerden mit Bezug zum Magen, die chronisch über mindestens drei bis sechs Monate aufgetreten sind und relevant die Lebensqualität einschränken, ohne dass eine andere Ursache nachweisbar ist.
Abklärung anderer Ursachen
Die erweiterte Anamnese sollte auch die Einnahme von Medikamenten berücksichtigen. Die bei funktioneller Dyspepsie geschilderten Beschwerden wie postprandiales Völlegefühl, frühe Sättigung, epigastrische Schmerzen und Brennen sind unspezifisch. Daher ist es wichtig, andere organische Erkrankungen im oberen Magen-Darm-Trakt auszuschließen. Das Basislabor – einschließlich Blutbild, Elektrolyten, Leber- und Nierenwerten sowie Blutsenkung bzw. C-reaktives Protein (CRP) und gegebenenfalls peripherer Schilddrüsenparameter – liefert orientierende Informationen, ist jedoch für die Diagnostik der funktionellen Dyspepsie nicht spezifisch. Die Sonographie kann vor allem Aufschluss über Gallensteine als Ursache der Beschwerden geben. Empfohlen wird eine nicht-invasive Testung auf Helicobacter pylori und bei Nachweis des Erregers die Eradikation.
Magenspiegelung oder erst probatorische Therapie?
Die Leitlinie gibt die Möglichkeit, bei fehlenden Alarmsymptomen zunächst eine probatorische Therapie vorzunehmen und eine Magenspiegelung erst durchzuführen, wenn die Beschwerden weiter anhalten. Eine frühzeitige Ösophagogastroduodenoskopie (ÖGD) erweist sich jedoch als kosteneffektiv und führt zu einer höheren Patientenzufriedenheit im Vergleich zu einem zunächst symptombasierten konservativen Vorgehen, erläuterte Andresen. In der Leitlinie wird eine ÖGD mit H.-pylori-Biopsie empfohlen, wenn von vorneherein Alarmsymptome vorhanden sind oder die Beschwerden nach einer probatorischen symptomorientierten Therapie oder einer H.-pylori-Eradikation fortbestehen. Als Alarmsymptome nennt die Leitlinie ein Lebensalter über 55 Jahren, eine positive Familienanamnese für Magenkarzinom, Gewichtsabnahme, Anämie, Thrombozytose, Erbrechen, Dysphagie, obere gastrointestinale Blutung, Fieber und tastbare abdominelle Resistenz. Die weitere Diagnostik hängt von den individuellen Symptomen und Befunden ab. Wiederholungsdiagnostik sollte vermieden werden, ist aber individuell doch manchmal nötig, meinte Andresen mit Blick auf die ÖGD.
Management bei funktioneller Dyspepsie
Bei funktionellen Beschwerden des Magen-Darm-Trakts ist die ärztliche Führung und Aufklärung von großer Bedeutung. Wesentlich ist, dass eine positive Diagnose gestellt wird und den Betroffenen nicht lediglich mitgeteilt wird, dass alle organischen Ursachen ausgeschlossen sind und sie gesund seien, betonte Andresen. Es sei wichtig, die in der Leitlinie erläuterten pathophysiologischen Konzepte zu Darm-Hirn-Interaktionsstörungen zu erläutern. Genannt werden beispielsweise Störungen der gastroduodenalen Motilität und Sensitivität, der intestinalen Barriere und des Mikrobioms, der Einfluss von Infektionen und immunologischen Veränderungen und eine genetische Disposition.
Medikamente als Teil der multimodalen Therapie
Analog zu Reizdarmbeschwerden empfiehlt die Leitlinie auch bei funktioneller Dyspepsie/Reizmagen eine multimodale Therapie. Medikamente werden oft in Abhängigkeit von den vorherrschenden Symptomen gewählt. Bei vorherrschenden Magenschmerzen, Magenbrennen und/oder Krämpfen im Rahmen eines epigastrischen Schmerzsyndroms können Säurehemmer (Protonenpumpen-Inhibitoren [PPI]), H2-Blocker und Antacida) eingesetzt werden. Zum Schutz der Schleimhaut können Alginate und Heilerde eingesetzt werden. Außerdem nannte Andresen Spasmolytika und Neuromodulatoren/Antidepressiva. Wenn postprandiales Völlegefühl, frühe Sättigung, Übelkeit und Blähbauch als Symptome vorherrschen, werden eher Prokinetika (MCP, Domperidon, Prucaloprid), Phytotherapeutika und Entschäumer eingesetzt. Eine aktuelle randomisierte, kontrollierte Studie konnte jedoch keinen Vorteil dieses symptomorientierten Vorgehens nachweisen
Leitlinie favorisiert PPI und Phytotherapeutika
Neben Lebensstilmaßnahmen – insbesondere einer zeitlich begrenzten Low-FODMAP-Ernährung – sowie Mind-Body-Maßnahmen empfiehlt die deutsche Leitlinie PPI und Phytotherapie. PPI sind in dieser Situation off-label, Phytotherapeutika sind in der Indikation der funktionellen Dyspepsie als medikamentöse First-line-Therapie anzusehen, konstatiert die Leitlinie explizit. STW5-II (Iberogast® Advance), das kein Schöllkraut enthält, hat nach einer Metaanalyse einen Effekt auf Völlegefühl, frühe Sättigung, epigastrische Schmerzen und den Gesamtsymptomwert. Sehr gute Erfahrungen hat Andresen auch mit Pfefferminzöl/Kümmelöl (Menthacarin®) gemacht. In einer Metaanalyse zeigte sich ein signifikanter Effekt dieses Phytotherapeutikums auf epigastrische Schmerzen.
Therapie im Ohr
Bei therapieresistenten Fällen kann auch eine transkutane aurikuläre Vagusstimulation (taVNS) in Betracht gezogen werden. In einer Studie zeigte sich damit eine hohe Ansprechrate der Reizmagen-Symptome. Die Geräte sind über das Internet erhältlich, die Kosten müssen Patienten selbst tragen.










