Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft (nausea and vomiting of pregnancy, NVP) gehören zu den häufigsten Schwangerschaftsbeschwerden. Während leichte Formen weit verbreitet sind, betrifft die schwere Ausprägung – die Hyperemesis gravidarum (HG) – etwa 0,3–3 % aller Schwangeren. Sie führt häufig zu Gewichtsverlust, Dehydratation und Elektrolytstörungen, kann aber auch erhebliche psychische und soziale Folgen haben.
Versorgungs-Know-how bei Schwangerschaftsübelkeit lückenhaft
Trotz dieser klinischen Relevanz bestehen große Wissenslücken hinsichtlich der tatsächlichen Versorgungssituation und der Erfahrungen betroffener Frauen. So liegen nur wenige Daten zur praktischen Umsetzung der medikamentösen Therapie bei Schwangerschaftserbrechen vor. Wie steht es beispielsweise um die individuelle Verträglichkeit der antiemetischen Maßnahmen? Wie groß ist der subjektive Therapieerfolg?
Um hier eine Datengrundlage zu schaffen, hat eine Arbeitsgruppe unter Federführung der Universität von Adelaide in Australien eine Umfrage unter Schwangeren angestrengt.
Was unternehmen Schwangere gegen die Übelkeit?
Ziel der Umfrage war es, die aktuellen Behandlungsmuster bei NVP und HG sowie die subjektive Erfahrung betroffener Frauen zu erfassen. Dabei standen vor allem die Anwendung von Antiemetika, deren Nebenwirkungen, die wahrgenommene Wirksamkeit und die psychosozialen Folgen der Erkrankung im Fokus.
Die Erhebung wurde zwischen Juli und September 2020 von der Verbraucherorganisation Hyperemesis Australia durchgeführt. Eingeschlossen wurden australische Frauen, die aktuell oder in der Vergangenheit an schwerer NVP oder HG gelitten haben. Die Befragung umfasste 289 Teilnehmerinnen mit einem Durchschnittsalter von 33 Jahren, von denen 38 % zum Umfragezeitpunkt schwanger waren. Erfasst wurden demografische Daten, Krankheitsverlauf, Medikation, Nebenwirkungen sowie psychosoziale Auswirkungen.
Massiver psychischer Druck durch Schwangerschaftserbrechen
Mehr als die Hälfte der Befragten berichtete, dass NVP/HG ihr Leben in zentralen Bereichen erheblich beeinträchtigt hatte – darunter die Nahrungsaufnahme, das Sozialleben, die Arbeitsfähigkeit, die Kinderbetreuung und den Schlaf.
Die Folgen waren gravierend:
- 62 % gaben an, „oft“ oder „immer“ depressive oder ängstliche Symptome zu erleben.
- 54 % erwogen aufgrund der Schwere ihrer Beschwerden einen Schwangerschaftsabbruch.
- 90 % äußerten die Absicht, keine weiteren Schwangerschaften einzugehen.
Diese Ergebnisse verdeutlichen den massiven psychischen Druck und die weitreichenden Konsequenzen, die mit Hyperemesis gravidarum einhergehen können – auch über die aktuelle Schwangerschaft hinaus.
Antiemetikum Nr.1: Ondansetron
Das am häufigsten verwendete Medikament war Ondansetron (91 %), gefolgt von Pyridoxin (Vitamin B6; 62 %), Doxylamin (62 %) und Metoclopramid (61 %). Auffällig war, dass 95 % der Frauen, die Ondansetron nutzten, bereits im ersten Trimester mit der Einnahme begannen. Mehr als die Hälfte (55 %) verwendeten es als Erstlinientherapie, trotz der in internationalen Leitlinien (z. B. ACOG, RCOG) empfohlenen Zurückhaltung im Frühstadium der Schwangerschaft.
Ondansetron, Doxylamin und Kortikosteroide erzielten die höchsten Bewertungen der subjektiven Wirksamkeit, wobei über 50 % der Anwenderinnen diese Medikamente als „wirksam“ oder „sehr wirksam“ einschätzten.
Nebenwirkungen und Therapieabbrüche
Die Mehrheit berichtete über eine oder mehrere Nebenwirkungen, darunter:
- Kopfschmerzen
- Verstopfung
- Sedierung oder kognitive Beeinträchtigung
Die Abbruchraten wegen Nebenwirkungen variierten je nach Präparat:
- Metoclopramid: 31 %
- Ondansetron: 14 %
- Doxylamin: 10 %
Darüber hinaus nutzte die Hälfte der Befragten (50 %) eine säuresuppressive Therapie (z. B. Protonenpumpeninhibitoren), und 51 % kombinierten konventionelle mit komplementären oder alternativen Verfahren, darunter Akupressur, Ingwerpräparate oder Ernährungsumstellungen.
Heterogene Behandlungsrealität
Diese Befunde weisen auf eine heterogene Behandlungsrealität hin, die individuelle Präferenzen, unzureichende Leitlinienkenntnis oder eingeschränkten Zugang zu evidenzbasierten Therapien widerspiegeln könnte.
Konsequenzen für die Praxis
Aufgrund ihrer Ergebnisse halten die australischen Autoren es für erforderlich, dass
- eine frühzeitige Erkennung und differenzierte Beurteilung der Schwere von NVP/HG erfolgt.
- Medikamente aufgrund ihrer Evidenzen und individueller Risiken ausgewählt werden.
- eine psychosoziale Begleitung veranlasst wird, um depressive und ängstliche Symptome abzufangen.
- die Aufklärung über Nutzen, Risiken und Alternativen der Therapie verstärkt wird.
Des Weiteren sei angesichts der hohen psychischen Belastung und der häufig unzureichenden Symptomkontrolle eine individualisierte, multidisziplinäre Betreuung – idealerweise durch Gynäkologen, Hausärzten und Psychologen – dringend erforderlich, so die Forscher der Universität Adelaide.











