Infektionen als oft übersehener kardiovaskulärer Risikofaktor
Herzinfarkt und Schlaganfall gehören zu den führenden Todesursachen weltweit. Neben klassischen Risikofaktoren wie Hypertonie, Dyslipidämie und Rauchen rücken zunehmend akute Infektionen in den Fokus. Bereits seit den 1930er-Jahren ist bekannt, dass Infektionswellen wie Influenza mit einer erhöhten kardiovaskulären Mortalität einhergehen. Neuere Studien konnten diese Assoziationen auch für Pneumonie, Sepsis und COVID-19 bestätigen.
Erhöhtes kardiovaskuläres Risiko auch nach Harnwegsinfektionen?
Im Gegensatz zu respiratorischen Infektionen sind bakterielle Infektionen des Harntrakts bislang weniger intensiv untersucht. Harnwegsinfektionen gehören zu den häufigsten bakteriellen Erkrankungen in der hausärztlichen Praxis. Durch Pathogene ausgelöste Entzündungsreaktionen könnten – ähnlich wie bei Atemwegsinfekten – eine akute Destabilisierung atherosklerotischer Plaques oder eine prothrombotische Situation verursachen und so kardiale und zerebrovaskuläre Ereignisse auslösen.
Studie aus Wales untersucht Schlaganfall und Herzinfarkt nach Harnwegsinfektion
Die vorliegende Analyse eines Forscherteams von der Cardiff University in Wales untersuchte, ob mikrobiologisch bestätigte Harnwegsinfektionen das Risiko für einen erstmaligen Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöhen. Im Gegensatz zu früheren Studien, die sich auf ärztliche Kodierungen stützten, nutzte diese Arbeit mikrobiologische Daten, um die Exposition verlässlicher zu definieren.
Studiendesign und Methodik der aktuellen Studie
Die Untersuchung erfolgte als Self-Controlled Case Series (SCCS). Damit dienten die Betroffenen selbst als Kontrollgruppe, wodurch zeitinvariante Störfaktoren eliminiert wurden.
Datenbasis: Verknüpfte Routinedaten aus Hausarztpraxen, Krankenhauseinweisungen und mikrobiologischen Laboren in Wales (2010–2020).
Population: Personen >30 Jahre mit erstmaligem Myokardinfarkt oder Schlaganfall und nachgewiesener Harnwegsinfektion.
Endpunkte: Akuter Myokardinfarkt und Schlaganfall (ICD-10).
Risikoperioden: 1–7, 8–14, 15–28 sowie 29–90 Tage nach Infektion, verglichen mit Baseline-Zeiträumen.
Zeitlich begrenztes, aber deutlich erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall
Insgesamt wurden 51.660 Patienten mit Herzinfarkt und 58.150 mit Schlaganfall identifiziert. Davon hatten 2.320 bzw. 2.840 zusätzlich mindestens eine mikrobiologisch bestätigte Harnwegsinfektion. Die Ergebnisse stellten sich wie folgt dar:
- Herzinfarkt: Das Risiko war in den ersten 7 Tagen nach Infektion mehr als doppelt so hoch (Inzidenzratenverhältnis [IRR] 2,49; 95% Konfidenzintervall [KI] 1,65 bis 3,77). Auch 15–28 Tage nach Infektion zeigte sich eine signifikante Erhöhung (IRR 1,60).
- Schlaganfall: Das Risiko stieg in den ersten 7 Tagen ebenfalls deutlich (IRR 2,34; 95%-KI 1,61 bis 3,40) und blieb bis zu 90 Tage nach Infektion moderat erhöht (IRR 1,26).
Sekundäranalysen bestätigten die Befunde auch bei klinisch vermuteten, jedoch nicht mikrobiologisch bestätigten Infektionen.
Ergebnisse unterstreichen Infektionen als Trigger für kardiovaskuläre Ereignisse
Die Ergebnisse ergänzen die bisherige Evidenz zu Infektionen als Trigger kardiovaskulärer Ereignisse. Während respiratorische Infekte bereits mit einem bis zu sechsfach erhöhtem Risiko assoziiert sind, zeigen Harnwegsinfektionen eine moderate, aber klinisch relevante Risikoerhöhung.
Besonders bemerkenswert ist, dass das Risiko auch ohne mikrobiologischen Nachweis erhöht war. Dies wirft die Frage auf, ob falsch-negative Kulturen, atypische Erreger oder Fehldiagnosen – etwa die Fehldeutung von Frühzeichen eines Schlaganfalls als Harnwegsinfektion – eine Rolle spielen.
Zusammenhang zwischen Harnwegsinfektionen und kardiovaskulären Erkrankungen berücksichtigen
Die Studie zeigt, dass Harnwegsinfektionen einen kurzfristigen Trigger für akute kardiovaskuläre Ereignisse darstellen können. Klinisch relevant ist dies vor allem für die hausärztliche Versorgung, in der Harnwegsinfektionen häufig diagnostiziert und behandelt werden.
Weitere Studien – insbesondere randomisierte Studien – sind notwendig, um einen kausalen Zusammenhang nachzuweisen und Präventionsstrategien zu entwickeln.








