Gewalt gegen Frauen als unterschätzter Risikofaktor für Herzerkrankungen
Kardiovaskuläre Erkrankungen (CVD) sind weltweit die häufigste Todesursache bei Frauen. Während klassische Risikofaktoren wie Hypertonie, Dyslipidämie und Diabetes gut untersucht sind, rücken psychosoziale Belastungen zunehmend in den Fokus. Zahlreiche Studien belegen, dass Gewalt- und Missbrauchserfahrungen die kardiovaskuläre Gesundheit beeinträchtigen. Wenig untersucht war bislang, ob auch Stalking – eine sehr verbreitete, oft unterschätzte Form von psychischer Gewalt – das Risiko für CVD erhöht.
Prävalenz von Stalking und die Rolle eines Kontaktverbotes
Fast jede dritte Frau in den USA erlebt im Laufe ihres Lebens Stalking. Die Täter sind meist (ehemalige) Partner oder Bekannte. Als juristisches Schutzinstrument können Betroffene in schweren Fällen eine einstweilige Verfügung – auch als Kontaktverbot oder Näherungsverbot bezeichnet – erwirken.
Bisherige Daten zu den gesundheitlichen Folgen solcher Erfahrungen waren begrenzt. Eine neue Studie von Forschern um Dr. Rebecca Lawn von der Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston, Massachusetts, deren Ergebnisse jüngst im Fachjournal „Circulation“ publiziert wurden, ändert dies.
Daten zu Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko aus Nurses‘ Health Study
Die Nurses’ Health Study II (NHSII) bietet mit ihrer großen Kohorte von über 66.000 Frauen (Alter 36–56 Jahre zu Studienbeginn im Jahr 2001) eine einzigartige Grundlage für die prospektive Untersuchung psychosozialer Risikofaktoren. Über einen Zeitraum von fast 20 Jahren wurde der Zusammenhang zwischen Stalking-Erfahrungen, dem Erlass einer einstweiligen Verfügung und dem Auftreten von Herzinfarkt oder Schlaganfall analysiert. Zum Einsatz kamen Cox-Regressionsmodelle mit umfangreicher Adjustierung für soziodemografische, verhaltensbezogene und medizinische Kovariablen.
Erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse bei Stalking-Opfern
Von den Teilnehmerinnen berichteten 11,7 % von Stalking-Erfahrungen und 5,6 % vom Erlass eines Kontaktverbotes. Im Beobachtungszeitraum erlitten 2,8 % der Frauen ein kardiovaskuläres Ereignis.
- Frauen mit Stalking-Erfahrungen hatten ein um 41 % erhöhtes Risiko für CVD (Hazard Ratio [HR] 1,41; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 1,24 bis 1,60).
- Frauen mit einer einstweiligen Verfügung wiesen ein um 70 % erhöhtes Risiko auf (HR 1,70; 95 %-KI 1,44 bis 1,98).
Die Ergebnisse waren konsistent für Schlaganfall und Myokardinfarkt sowie für ärztlich bestätigte Diagnosen. Am höchsten war das Risiko bei Frauen, die sowohl Stalking als auch ein Kontaktverbot erlebt hatten.
Wie Stalking das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen erhöht
Die Befunde verdeutlichen, dass Gewalt gegen Frauen in Form von Stalking nicht nur psychische, sondern auch schwerwiegende somatische Folgen haben kann. Pathophysiologisch sind chronischer Stress, depressive Symptome sowie eine dysfunktionale Stressachsen-Aktivierung plausible Mechanismen. Zusätzlich könnten maladaptive Verhaltensweisen wie Rauchen oder Bewegungsmangel eine Rolle spielen.
Psychische Gewalt gegen Frauen als Gesundheitsrisiko anerkennen
Die Studie liefert robuste Evidenz, dass Stalking und der Erlass einer einstweiligen Verfügung unabhängige Risikofaktoren für kardiovaskuläre Ereignisse bei Frauen darstellen. Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass Gewalt- und Stalking-Erfahrungen stärker in die kardiovaskuläre Risikoeinschätzung einbezogen werden sollten.
Die leitende Autorin Karestan Koenen, Professorin für psychiatrische Epidemiologie, betont in einer Meldung: „Unsere Studie zeigt, dass diese vermeidbaren, weit verbreiteten, kontaktlosen Formen der Gewalt gegen Frauen Gesundheitsrisiken darstellen und als solche betrachtet werden müssen, ebenso wie Rauchen oder eine ungesunde Ernährung.“ Nur dann sind präventive Interventionen, psychosoziale Unterstützung und eine interdisziplinäre Versorgung von betroffenen Frauen möglich, um ihre kardiovaskuläre Gesundheit zu schützen.








