AAD 2026: Oxidativer Stress beim Trockenen Auge - Die Rolle der Xanthin-Oxidoreduktase

Im zweiten Teil des Symposiums zur Therapie des trockenen Auges erläuterte Prof. Dr. Elisabeth M. Messmer (München), wie oxidativer Stress zur Entzündung an der Augenoberfläche beiträgt und welche Rolle die Xanthin Oxidoreduktase dabei spielt. Der Vortrag zeigt neue Wege, oxidativen Stress therapeutisch anzugehen und eine bestehende Behandlungslücke zu schließen.

Augentropfen ältere Frau

Einleitung

Das Symposium auf der AAD 2026 widmete sich zwei zentralen, aber oft unterschätzten Mechanismen des Trockenen Auges.

Im zweiten Teil stellte Prof. Dr. Elisabeth M. Messmer (München) neue Erkenntnisse zur Rolle  des oxidativen Stresses und der Xanthin-Oxidoreduktase (XOR) vor. Sie zeigte, wie reaktive Sauerstoffspezies (ROS) Entzündung, Zellschäden und Muzinverlust verstärken und warum ein gezieltes Eingreifen in diese Prozesse ein zukünftiger therapeutischer Schlüssel sein könnte.

Oxidativer Stress – ein zentraler, aber untertherapierter Faktor

Oxidativer Stress entsteht durch ein Ungleichgewicht zwischen oxidativen Molekülen (ROS) und antioxidativen Abwehrmechanismen. Die wichtigsten ROS sind:

  • Superoxid-Anionen
  • Wasserstoffperoxid
  • Hydroxylradikale

Sie entstehen im Rahmen der mitochondrialen Atmung und sind in moderaten Mengen physiologisch – bei Überproduktion jedoch hochschädlich.

Ein Zuviel an ROS führt zu:

  • oxidierten Proteinen, Lipiden, DNA
  • Zelltod (Apoptose)
  • Entzündungsinduktion
  • Verlust von Becherzellen (→ Muzinmangel)

Beim trockenen Auge korreliert der ROS-Anstieg direkt mit klinischen Zeichen wie:

  • verkürzter Break-Up-Time
  • reduzierten Schirmer-Werten
  • stärkerer Oberflächenanfärbung
  • niedrigerer Becherzelldichte
  • höheren Symptomscores

NETose und Autophagie: Zwei Prozesse, die das Krankheitsbild verschlimmern

NETose

Oxidativer Stress löst die Bildung sogenannter Neutrophiler Extrazellulärer Fallen (NETs) aus.

Diese bestehen aus DNA, Histonen und Granulaeiweißen und verstärken Entzündungen an der Augenoberfläche. Die Akkumulation von NETs ist direkt mit dem Schweregrad des Trockenen Auges assoziiert.

Autophagiedysregulation

Autophagie dient dem Abbau beschädigter Zellbestandteile.

  • Im frühen/moderaten Stadium ist die Autophagie protektiv erhöht.
  • Im chronischen/schweren Stadium wird sie erschöpft und dysreguliert.

Dies trägt zu Epithelzellschäden und Entzündung bei.

Xanthin-Oxidoreduktase – ein Schlüsselenzym im oxidativen Stress

Die Xanthin-Oxidoreduktase (XOR) ist ein Metalloenzym, das die letzten Schritte des Purinmetabolismus katalysiert und dabei ROS produziert.

Sie kommt physiologisch vor in:

  • Leber
  • Dünndarm
  • Brustdrüsenzellen
  • neutrophilen Granulozyten

Relevanz fürs Auge:

XOR ist in gesunden Hornhäuten nur gering exprimiert – steigt jedoch deutlich an bei:

Studien zeigen:

  • XOR Expression ist an der Bindehaut von Sjögren Patienten signifikant erhöht
  • antioxidative Enzyme wie Katalase, Superoxid-Dismutase und Glutathionperoxidase sind signifikant reduziert

→ Ergebnis: gestörte Redox-Homöostase

Risikofaktoren für erhöhten oxidativen Stress

Extrinsische Faktoren:

  • UV-Strahlung
  • Abgase, Luftverschmutzung
  • Tabakrauch
  • trockene/klimatisierte Luft
  • längere Smartphone- oder PC-Nutzung
  • Konservierungsstoffe (v. a. Benzalkoniumchlorid)

Intrinsische Faktoren:

  • Alter (abnehmende antioxidative Kapazität)
  • Diabetes
  • systemische Autoimmunerkrankungen (z. B. Sjögren)
  • hormonelle Schwankungen
  • Alkohol & Ernährung

Neue therapeutische Ansätze: oxidativen Stress gezielt adressieren

Prof. Messmer zeigte, dass der oxidative Stress Therapielücke Nr. 1 beim Trockenen Auge ist:

Er wird klinisch kaum adressiert, obwohl er ein zentraler Mechanismus der Entzündung ist.

Antioxidative Therapieoptionen (aktuell & in Entwicklung)

Laktoferrin: Natürliches Antioxidans des Tränenfilms, in Studien als antioxidativer Therapieansatz getestet. 

Vitamin D, Resveratrol, Melatonin, Astaxanthin: Wirken antioxidativ – Datenlage jedoch gering und bisher nicht ausreichend klinisch belegt. 

Coenzym Q10: Kann paradoxerweise freie Radikale erhöhen – aktuell keine Empfehlung.

Neuer Therapieansatz: Arabinogalactan + Trehalose + Hyaluronsäure

Besonderes Augenmerk lag auf einer neuen Tränenersatzformulierung, die drei Wirkstoffe kombiniert:

Hyaluronsäure: Befeuchtet und stabilisiert den Tränenfilm.

Trehalose: Schützt Zellen vor oxidativem Stress, erhöht die Expression des antioxidativen Faktors NRF2

Arabinogalactan: Antioxidativ, hemmt XOR Aktivität, stärkt Mukoadhäsion und Muzinschicht

In-vitro-Daten

Die Kombination reduzierte:

  • Sauerstoffradikale um 78 %
  • XOR Abhängige Harnsäurebildung um >70 %

→ deutlich wirksamer als die Einzelstoffe (Hyaluronsäure 17 %, Arabinogalactan 38 %). 

Klinische Daten

In einer prospektiven Studie mit MMP-9-positiven* Patienten:

  • MMP-9-Reduktion um 69 %
  • signifikante Verbesserung von BUT, konjunktivaler Hyperämie und Oberflächenanfärbung
  • gute Verträglichkeit und Adhärenz

Real-World-Daten (n ≈ 100)

  • 98 % der Patienten berichteten Verbesserung der Symptome
  • hervorragende Akzeptanz und Verträglichkeit

Fazit

  • Oxidativer Stress ist ein zentraler Mechanismus, der Entzündung, Muzinverlust und Tränenfilminstabilität auslöst.
  • Die Xanthin-Oxidoreduktase spielt dabei eine Schlüsselrolle.
  • Oxidativer Stress ist in der aktuellen Therapie des trockenen Auges kaum adressiert.
  • Die Kombination Arabinogalactan + Trehalose + Hyaluronsäure bietet einen vielversprechenden Ansatz, oxidativen Stress direkt zu behandeln.
  • NETose, Autophagiedysregulation und ROS können mit dieser Kombination gezielter beeinflusst werden.
    → Dies eröffnet einen neuen therapeutischen Weg – zusätzlich zu den klassischen, symptomorientierten Strategien.

Anmerkung der Redaktion:

* MMP-9 steht für Matrix-Metalloproteinase-9, einem Entzündungsmarker in der Tränenflüssigkeit, welcher bei chronisch trockenem Auge (Sicca-Syndrom) erhöht ist.

Autor:
Stand:
16.03.2026
Quelle:

Industriesymposium INDUS 01: OmniVision GmbH – Okuläre Muzine und Entzündung. AAD 2026, Düsseldorf, Teil 2: „Oxidativer Stress beim Trockenen Auge: Die Rolle der Xanthin-Oxidoreduktase“ – Prof. Dr. Elisabeth M. Messmer (München).

 

  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden
Orphan Disease Finder
Orphan Disease Finder

Hier können Sie seltene Erkrankungen nach Symptomen suchen: