Fallstricke der Pharmakotherapie im höheren Lebensalter
Mit zunehmendem Alter steigt die Prävalenz chronischer Erkrankungen und damit auch die Komplexität der Pharmakotherapie. Polypharmazie ist weit verbreitet und erhöht das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen, Interaktionen und inadäquate Verordnungen. Neben klassischer Übertherapie rücken zunehmend auch die Unterversorgung und potenziell ungeeignete Medikamente (PIM) in den Fokus.
In Deutschland liegt der Anteil von PIM-Verordnungen bei älteren Erwachsenen laut früheren Untersuchungen zwischen etwa 10 % und 37 %. Gleichzeitig ist bekannt, dass eine suboptimale Arzneimitteltherapie mit erhöhten Hospitalisationsraten und Mortalität assoziiert ist.
Auswertung der NAKO-Gesundheitsstudie zu Pharmakotherapie im Alter
Die vorliegende Analyse der NAKO-Gesundheitsstudie untersuchte systematisch die Häufigkeit und Determinanten von Über-, Unter- und Fehlversorgung anhand der FORTA-Liste (Fit fOR The Aged). Besonderes Interesse gilt unter anderem Erkrankungen wie Parkinson, Epilepsie und Depression, da diese häufig komplexe pharmakologische Regime erfordern und mit erhöhtem Risiko für inadäquate Therapie einhergehen.
Offene Fragestellungen betreffen insbesondere:
- Welche Patientengruppen ein erhöhtes Risiko für PIM haben,
- In welchen Indikationen Unter- bzw. Überversorgung besonders relevant ist,
- Welche Rolle neurologische und psychiatrische Erkrankungen spielen.
Häufigkeit inadäquater Arzneimitteltherapie in der NAKO-Kohorte
In der Kohorte von 54.296 Personen (medianes Alter 65 Jahre) zeigten sich hohe Prävalenzen:
- PIM: 26,1 %
- Unterversorgung: 19,1 %
- Überversorgung: 23,6 %.
Diese Zahlen verdeutlichen die klinische Relevanz einer strukturierten Medikationsanalyse im geriatrischen Setting.
PIM-Risiko bei Parkinson, Epilepsie und Depression
Neurologische und psychiatrische Erkrankungen waren besonders stark mit PIM assoziiert:
- Parkinson: Odds Ratio [OR] 16,2
- Epilepsie: OR 4,3
- Depression: OR 2,1.
Auch indikationsspezifisch zeigte sich eine hohe PIM-Rate:
- Parkinson: 59,9 %
- Epilepsie: 39,9 %
- Depression: 22,4 %.
Diese Ergebnisse spiegeln die therapeutische Komplexität wider, etwa durch dopaminerge Therapien, Antiepileptika oder Psychopharmaka mit ungünstigem Nebenwirkungsprofil im Alter.
Unterversorgung: Besonderheiten bei Parkinson
Während sich in der Epilepsie-Therapie praktisch keine Unterversorgung zeigte, war die Parkinson-Therapie signifikant davon betroffen:
- OR für Unterversorgung: 2,6
- Anteil unbehandelter Fälle: 15,7 %.
Dies könnte auf diagnostische Unsicherheiten, die Angst vor Nebenwirkungen oder geriatrische Therapieprioritäten zurückzuführen sein. Im Vergleich dazu waren Depression und Epilepsie weniger von Unterversorgung betroffen.
Überversorgung bei Epilepsie und Depression
Die Analyse zeigte eine relevante Überversorgung insbesondere bei:
- Depression: OR 1,6
- Epilepsie: OR 1,5.
Zudem gehörten Antidepressiva zu den häufigsten Medikamenten, die ohne klare Indikation verordnet wurden (2,2 % der Gesamtpopulation).
Dies deutet auf potenzielle Probleme wie die Fortführung nicht mehr indizierter Therapien, eine unzureichende Reevaluation der Medikation sowie Off-Label- oder symptomorientierte Verordnungen hin.
Hohe Prävalenz inadäquater Medikation bei Epilepsie, Depression und Parkinson
Im Vergleich zu früheren Studien bestätigt diese Analyse:
- die hohe Prävalenz inadäquater Medikation
- die besondere Vulnerabilität neurologischer und psychiatrischer Patientengruppen.
Neu ist insbesondere die gleichzeitige Betrachtung von Über-, Unter- und Fehlversorgung in einer großen populationsbasierten Kohorte sowie die klare Identifikation spezifischer Risikoprofile.
Situation der Pharmakotherapie bei Demenz und Schlaganfall
Zu diesen beiden häufigen neurologischen Erkrankungen liegen ebenfalls Auswertungen aus der NAKO-Kohorte vor:
- Kognitive Beeinträchtigung/Demenz: Diese war signifikant mit PIM (OR 1,76) und auch mit Unterversorgung (OR 1,50) assoziiert. Gleichzeitig zeigte sich eine leicht reduzierte Überversorgung.
- Schlaganfall: Auch hier bestand eine signifikante Assoziation mit PIM (OR 1,40) sowie mit Überversorgung (OR 1,23). Dies könnte auf komplexe Sekundärpräventionsstrategien und Polypharmazie zurückzuführen sein.
Neurologische Erkrankungen mit erhöhtem Risiko für inadäquate Pharmakotherapie
Die Ergebnisse der Studie unterstreichen die Notwendigkeit strukturierter Medikationsanalysen, insbesondere bei Patienten mit Parkinson, Epilepsie und Depression. Instrumente wie die FORTA-Liste können helfen, Therapieentscheidungen evidenzbasiert zu optimieren.
Die Studie zeigt: Neurologische Erkrankungen gehen insgesamt mit einem erhöhten Risiko für inadäquate Pharmakotherapie einher, wobei sich je nach Krankheitsbild unterschiedliche Muster von Über-, Unter- und Fehlversorgung zeigen.









