Assoziation zwischen Depressionen und Blutzuckerschwankungen?

Etwa ein Viertel der Personen mit Diabetes Typ 2 leidet an Depressionen. Man geht von einer bidirektionalen Beeinflussung zwischen Diabetes und Depressionen aus. Doch wie verhält es sich mit glykämischer Variabilität und Schwere einer Depression bei Nicht-Diabetikern?

Blutzuckermessung beim Arzt

Menschen mit Diabetes Typ 2 haben ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen wie KHK, Herzinfarkt und Schlaganfall. Auch psychische Komorbiditäten können vorkommen. Verschiedene Metaanalysen fanden ein um 25% erhöhtes Depressionsrisiko bei Diabetikern. Dabei liegt eine bidirektionale Beeinflussung zwischen beiden Erkrankungen vor, ein Diabetes kann zu Depressionen führen und umgekehrt.

Verschiedene Mechanismen als Link zwischen Diabetes und Depressionen

Als zugrunde liegende Mechanismen hinter dieser Assoziation von Diabetes und Depressionen werden folgende vermutet:

  • Entzündliche Prozesse
  • Neuroendokrine Dysfunktion
  • Veränderte Insulinspiegel.

Weiterhin scheinen Depressionen die glykämische Variabilität zu beeinflussen. Diese Schwankungen im Blutzuckerspiegel führen zu mikrovaskulären Komplikationen und oxidativem Stress. Hierzu gibt es bereits zahlreiche Studien bei Diabetikern. Doch wie verhält es sich mit der glykämischen Variabilität bei Menschen mit depressiven Symptomen, die keinen Diabetes haben? Hierzu gibt es bislang wenige Untersuchungen.

Einfluss der glykämischen Variabilität auf Depressionen bei Nicht-Diabetikern

Mit einer jüngst publizierten Pilotstudie tragen Dr. Shivang Mishra von der Nims University Rajasthan in Jaipur, Indien, und sein Team zum Schließen dieser Forschungslücke bei. Mithilfe der sensorbasierte kontinuierlichen Glukosemessung untersuchten die Forscher die glykämische Variabilität der Teilnehmer und suchten nach einer möglichen Assoziation mit Depressionen in einer Population von Nicht-Diabetikern.

Kontinuierliche Glukosemessung und CES-D

Zur Untersuchung der glykämischen Variabilität nutzten Mishra et al. das FGM (Flash glucose monitoring) mit dem Free Style Libre als Methode der kontinuierlichen Blutzuckermessung. Zahlreiche Indizes zur näheren Charakterisierung der glykämischen Variabilität wurden berechnet.

Die Schwere der Depression wurde mithilfe der CES-D (Center for Epidemiological Studies-Depression)-Skala beurteilt. Die Teilnehmer wurden anhand des CES-D in zwei Gruppen eingeteilt, je nachdem, ob ihr Wert  ≥33 lag oder darunter. Der CES-D dient der Quantifizierung depressiver Symptome, vor allem in Studien, und kann Werte zwischen 0 und 60 annehmen. Je höher der Wert, desto stärker ausgeprägt ist die depressive Symptomatik.

Höhere glykämische Variabilität mit schwereren depressiven Symptomen assoziiert

In die Studie wurden 14 Patienten mit insgesamt 196 Patiententagen inkludiert, wovon 98 Patiententage bei einem CES-D ≥33 lagen und ebenfalls 98 Patiententage bei einem CES-D <33. Dabei waren mehrere Indizes der glykämischen Variabilität bei Patienten mit einem CES-D ≥33 signifikant erhöht im Vergleich zur Gruppe mit CES-D <33.

Betroffene glykämische Indizes

Die betroffenen Indizes waren CONGA (beschreibt mittlere maximale Exkursionen in den hypoglykämischen und hyperglykämischen Bereich [continuous overall net glycemic action]), MAGE (beschreibt das arithmetische Mittel aus der Differenz zwischen konsekutiven glykämischen Maxima und Minima [mean amplitude of glycemic excursion]), MODD (beschreibt Mittelwert der täglichen Glukoseabweichungen [absolute means of daily differences]) und MAG (beschreibt absoluten Mittelwert der täglichen Glukose [mean absolute glucose]). Die Unterschiede zwischen den beiden CES-D-Gruppen lagen bei:

  • CONGA (mg/dl):  76,48  ±  11,9 vs. 65,08  ±  7,12 (p = 0,048)
  • MAGE (mg/dl): 262,50  ±  25,65 vs. 227,54  ±  17,72 (p = 0,012)
  • MODD (mg/dl): 18,59  ±  2,77 vs. 13,14  ±  2,39 (p = 0,002)
  • MAG (mg/dl): 92,07  ±  6,24 vs. 63,86  ±  9,38 (p < 0,001).

Limitationen der Studie

Die geringe Teilnehmerzahl ist eine der Limitationen der Studie, wodurch eine Generalisierung der Ergebnisse eingeschränkt wird. Die geringe Teilnehmerzahl sei teilweise auch dadurch erklärbar, dass einige geeignete Patienten die Teilnahme an der Studie verweigert hätten, vermutlich weil Depressionen in Indien häufig noch stigmatisiert würden, so die Autoren. Weiterhin wurden wichtige Einflussfaktoren wie Ernährung, Lebensstil, mögliche Medikamente und körperliche Aktivität nicht erfasst.

Fazit für die Praxis

Die Studienergebnisse zeigen, dass Teilnehmer mit einer höheren glykämischen Variabilität eine höhere Wahrscheinlichkeit für schwerwiegendere depressive Symptome haben im Vergleich zu Personen, deren CED-S niedriger war.

Auch wenn diese Date zur Assoziation von glykämischer Variabilität und Depressionen bei Nicht-Diabetikern aufgrund der geringen Teilnehmerzahl nicht generalisiert werden können, so sollten die Ergebnisse dennoch berücksichtigt und in die Patientenaufklärung und -versorgung mit einbezogen werden. Die Autoren fordern größere Studien, welche neben der Beurteilung der Schwere der Depression und der glykämischen Variabilität weitere Parameter wie Ernährung, körperliche Aktivität, Medikation und Lebensstil mit einbeziehen.

Die Studie wurde von der Nims University Rajasthan in Jaipur, Indien, finanziert.

Autor:
Stand:
20.11.2023
Quelle:

Mishra et al. (2023): Exploring the risk of glycemic variability in non-diabetic depressive individuals: a cross-sectional GlyDep pilot study. Frontiers in Psychiatry, DOI: https://doi.org/10.3389/fpsyt.2023.1196866

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